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Jüdische Rundschau · 1908-11-13 · Heft 46 (13.11.1908) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 458 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 46~ wollten. In ihrer Furcht, zu spat zu kommen, benutzten sic alles, was ein Erklimmen des Decks ermöglichte, hauptsächlich die grossen, runden Boote aus Korbgcllecht, Kufius genannt, die dem Tigris eigen sind, kreisrunde Körbe, die durch einen Uebcrzug aus iliissiggcmaclitem Asphalt wasserdicht gemacht worden sind und bis zu zehn und zwanzig Personen fassen. Diese Boote wurden irgendwie an! Dampfer testgemacht. und aus ihnen heraus krabbelte ..Urahne, Grossmuttcr, Mutter und Kind“, so gut sic cs vermochten, mit Bündeln und Paketen, mit Körben und Kesseln, als wollten sie eine Reise um die Welt machen. Für eine Viertelstunde erfüllte ihr Rufen nach den Häuptern ihrer Lieben die Luft, dann hatte sich endlieh alles ein Plätzchen gesucht, und die auch etwas mehr auf äusserlichc Würde gebenden männlichen Mitglieder der verschiedenen Familien hatten sich nach unendlichem Abschiednchmcn, Umarmungen, Küssen und Segenswünschen seitens ihrer zuriickbleibcnden — jedenfalls nur für eine Woche zurückbleibcndcn! — Roligionsgcnnsscn an Bord ciugciundcn. Der Dampfer heulte seine lauten Warnungsrufe über Fluss und Wüste dahin, und immer noch kamen Nachzügler an. Schliesslich ging dem Kapitän die Geduld aus — ein letzter, gellender Pfiff, die Schaufeln peitschten das Wasser, und langsam, schwerfällig, nahm das Schiff seinen Kurs wieder auf; noch ein Abscliicdsgruss. und Ksras Grab verschwand hinter Palmen." Eine Erbschaft In Brüssel ist vor einigen Wochen der jüdische Bankier Samson gestorben, der sein gesamtes Vermögen im Betrage von d r c i s s i g Millionen Francs der — Berliner Akademie der W' i s s e n s c 1! a f t e n vermacht hat. — Die Presse, auch die jüdische, hat von der Tatsache kaum kurz Notiz genommen, als ob das so selbstverständlich wäre, dass ein jüdischer Millionär heute gar keine näher liegenden Pflichten habe als die Unterstützung der Kgl. preussisehen Akademie der Wissenschaften. Uns scheint dieser Fall besonders geeignet, den noch lebenden jiidisehen Millionären zum Bewusstsein zu bringen, dass es in ihrer näheren Verwandtschaft noch so viele Bedürftige gibt, für die von nichtjüdischeii Millionären nun mal nicht gesorgt wird, dass von je d-cissig Millionen die Akademien der Wissenschaften 11. ä. am Ende immer ein paar entbehren können, mit denen dann zur Lösung des grossen Judenproblems etwas getan werden könnte. Es ist doch nicht schön, den Mäccnas zu spielen — auf Kosten der armen Verwandten! Kleine Mitteilungen ■jMl . . Charlottenburg. Seit dem 3. d. Mts. hat Charlottenburg auch einen jüdischen Turnverein, der bereits bei seiner Eröffnung eine stattliche Zahl Mitglieder jeder Altersklasse sowie zahlreiche Ehrengäste und Delegierte in seinen Turnräumen, Joachimsthalcrstr. 30/31, woselbst jetzt jeden Dienstag Abend geturnt wird, zusammenführte. Hierbei hielt der Vorsitzende, Herr Dr. A. Kahn, eine beachtenswerte Anrede. Der Zusammenschluss aller in einer Volkseinheit schlummernden materiellen, geistigen und ethischen Kräfte werde Immer mehr als Grundprinzip der Selbsterhaltung und Erstarkung erkannt. Diese Erkenntnis und die praktische Nutzanwendung sei fiir keine Volksgemeinschaft so notwendig, als für eine solche, die seit Jahrhunderten wegen ihrer Schwäche auch verfolgt und verachtet worden sei. Auch die körperliche Gesundheit und Kraft der Stammesgenossen sei unbedingt not* wendig, weil in einem gesunden Körper auch der Geist gesund bleibe. Jedoch dürfte der jüdische Turner nicht in das Extrem verfallen, über die Körperpflege die geistigen Forderungen des Judentums zu vernachlässigen. Der jüdische Turner hat daher auch die Pflicht, sich die Kenntnisse der Tradition und Geschichte zu eigen zu machen. Jede Einseitigkeit führt zur Verkümmerung und hemmt den wahren Fortschritt. Auch eine andere wichtige Aufgabe bat der jüdische Turner zu erfüllen; gegenüber der feigen Selbstverleugnung vieler entarteten Sprossen des alten Stammes, nämlich charaktervolles Einstchcn für die jüdische Eigenart, bewusstes Judentum, und der vornehme Stolz auf seine Zugehörigkeit zu einem alten Kulturvolk mit ruhmreicher' Vergangenheit, aber ohne Selbstüberhebung und Anmassung. Erst so sei der jüdische Turner der echte jüdische Mann und seiner Vorfahren würdig. — Ein dreifaches donnerndes Hedad dankte dem Redner, worauf das Turnen seinen höchst befriedigenden Fortgang nahm. Hamburg. Die Sitzung der Repräsentanten der Deutsch- Israelitischen Gemeinde lag eine Interpellation über folgenden skandalösen Vorfall vor: Erebh-Joni-Kippür begaben sich zwei arme jüdische Durchreisende nach Ohlsdorf, um. wie an diesem Tage üblich, von den Besuchern des Friedhofes milde Gaben in Empfang zu nehmen. Sic stellten sich zunächst auf dem Friedhöfe auf, wurden aber von der Frau dos Friedhofsinspektors weggewiesen und begaben sich auf die vor dem Friedhofe gelegene Strasse. Nach Verlauf einiger Zeit kam der Fricdlioisinspcktor und ersuchte die Armen, auch von dort fortzugehen, andernfalls er polizeilchc Hilfe requirieren werde. Die beiden Männer leisteten auch dieser Auffo'deruug Folge, kehrten jedoch wieder um. als eine grössere Anzahl von Friedliofsbesuchcrii der Strassenbahn entsieg und einige Personen iimen Geld reichten. Als der Inspektor dies wahriiahm, telephonierte er au die Polizeiwache, es erschien ein Kriminalbcamtcr. und da er gerade in dem Augenblicke eintraf, als den Leuten eine Gabe gereicht wurde, musste er zur Ver* liaftung der beiden Durchreisenden schreiten. Sie musste:! i) her den .1 o m - K i p p ü r hinaus in Haft bl ei b c 11, der eine von ihnen wurde am Tage nach Jom-Kippur. der andere erst nach 10 Tagen entlassen. Die Interpellation hatte in der Rcpräscntnntensimmg eine erregte Diskussion zur Folge und endigte schliesslich mit der Annahme der folgenden Resalution: ״Nach eingehender Beratung der Interpellation Alexander L c v y und Genossen über den Vorfall am *J. Oktober auf den! Olilsdnrfcr Friedhofe spricht das Repräsentanten •Kollegium der deutsch-israelitischen Gemeinde seine Entrüstung über die Handhmgsweise des Friedhofsinspektor Müller aus und bittet die Mitglieder dt•״ Friedhofskommission, Massnahmen zu treffen, die eine Gewähr dafür bieten, dass sich gleichartige oder ähnliche Vorkommnisse nicht wiederholen.“ Israelitischer Fortblldungsvcreir! ״Montcfiore“. (Vereinsheim: Gipsstrasse 12a.) Lehrplan für das Winter-Semester 1905/09. Beginn am 23. Oktober 1905. Sonntag -1—5 Uhr nach. w'Snr. Herr Dozent Dr. J. W o 1! 1 g e!1111 t b. Freitag ‘•.•9— 10 «1 י Uhr abends בזש;י,*ת Herr Rabbiner Dr. E. B i b c rfcld. Sabbath ,ili 1 •-י Uhr vorm. CIS 'חי Mitgliederschiur. — Verein sahen d (bestehend aus Vortrag und geselligem Beisammensein): Dienstag. Beginn 9 Uhr: Das jüdische Gebet (1. Teil Charakter und Tendenz: 2. Teil Idecninhalt; 3. Teil Geschichte: -1. Teil Synagoge und Haus) Herr Rabb. Dr. E. Munk. — Vom Januar 1909 ab hat Herr Oberlehrer Jose! Carlebach eine hebräische Sprachstunde freundlichst übernommen. Näheres geben wir noch bekannt. — Bibliothek über 1000 Bände. — Bücherausgabe Sonntag und Dienstag. — Die Lese- und Bibliotheksräume sind allabendlich sowie den ganzen Sabbath geöffnet. Gäste stets herzlich w i 11 k o m m e n. — Wir bitten unsere Mitglieder, cs sich zur Pflicht zu machen, an den Lernstunden und Vereinsabenden regelmässig und pünktlich teilzunehmen. Der Vorstand E d m u 11 d L e w y . Vorsitzender, Auguststr. 8-1. Lemberg. In der Sitzung am 3. November erklärte Landesaussehussbeisitzer Dr. J a 111 in Beantwortung einer Interpcllation der Abgeordneten Dr. Löwe 11 stein und Genossen, dass der Landesausschiiss auf Grund von Daten, die nunmehr gesammelt werden, die Ursachen der Verarmung der jüdischen Bevölkerung in Galizien eingehend prüfe und in dieser Angelegenheit eine Enqu e t e cinhcrufcn werde, um gemäss den Ergebnissen der Untersuchung mit der Regierung Verhandlungen einzuleiten. Czcrnowltz. Der La11dtagsabgcord11c.c Dr. St raue 11er interpellierte den Präsidenten des Landtages, indem er darüber Beschwerde führte, dass der Präsident den Landtag fiir den 5. Oktober, also an einem hohen jüdischen Feiertage, dem Jom Kippur, cinhcrufcn hatte und dadurch das Erscheinen der jüdischen Abgeordneten verhindert hat. Per Interpellant fragt, ob der Präsident dafür Sorge tragen will, dass der Landtag nicht mehr an einem hohen jüdischen Feiertage tagen werde. Der Präsident erklärt, dass die Einberufung des Landtages fiir den 5. Oktober eine zwingende Notwendigkeit war, cs werde jedoch in Zukunft Rücksicht aui die hohen Feiertage der Israeliten genommen werden. Die Juden als nationale Gruppe Der im Bukowinacr Landtag eingebrachte Wahlreformeutwurf a!1e־kem1t die Juden als nationale Gruppe und räumt Minen acht Sitze ein und zwar zwei in der Kurie des Gross- 1 grundbesitzes, zwei Handelskammcrmandate und vier in der I Städtekurie.

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