Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651594--05982-2663039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 423 No. 42 ungarischer Vizckonsul in Tunis. Das gesamte Konsularkorps von Tunis gab dem Verstorbenen das letzte Geleit. Dis 'Familie Yalcnsi gehört zu den hervorragendsten jüdischen Familien am Orte. Zwei Söhne des Verstorbenen sind Advo- , katen in Tunis, ein dritter ist Professor am ,.Institut des Hautcs F.tudes‘‘ in Paris. Die französischen Zeitungen von Tunis widmen dem Vcrsto־hcn.cn in warmen Worten gehaltene Nach- 1 ufc. Allerlei Juden im Sport Filier der beiden kühnen französischen Sportsleutc, die dieser Tage in einem kleinen offenen Boote über den Acrmelkanal und wieder zurück ruderten, war ein Jude namens Lev y. Uchcrhaupt ist der Anteil der Juden am Sport — entgegen dem landläufigen Vorurteil — ein ganz bedeutender. Die Vorläufer der heutigen Luft s c 11 i i 1 a 11 r t S c 11 w a r z und L i I i cn - thal, die ihre Kühnheit mit dem Lehen bezahlten, waren Juden, und auch in früheren Jahrhunderten haben sich Juden, trotz aller Beschränkungen, gelegentlich als Yorläuier der mo* dernen sp<rtlic!1e11 Bestrebungen hervorgetan. So wissen inittekiltcrliehe Chroniken von hervorragenden indischen Fechtern zu melden, und die Judvnciuan/ipati.m in Ungland war nicht zum mindesten dadurch erleichtert worden, dass eine ganze peila von jüdischen Bayern dem englischen Pubiiki.’ni eiie Gleichwertigkeit;!,.rer Nation handgreiflich klar geinacht hatten. Die Popularität diese* jüdischen Boxer hat tatsächlich ־- so wunderbar das klingen mag ״־ viel zur Aneikeimiing der Juden als gleichberechtigte englische Bürger beigetragen. Die allen Juden und das Theaier Auf dem Boden Palästinas konnte sich das Theater nicht recht akklimatisieren. In Alt-Judäa gab es viele Kuitstüttcn. heilige Gräber, Versammlungsorte. Ycrgniigungslokale. Tanzgärten, aber keine Theater, keine Volksbelustigungen und Schaustellungen. Die starre!! Religinnsiormcn. die gleich eisernen Reifen das ganze Leben umspannten. Hessen ein Bedürfnis nach ähnlichen Dingen gar^ nicht aufkornmen. Aus den Dionysien ist die griechische Schauspielkunst hervorgegangen. Dieser Umstand genügte für die Juden in Palästina vollständig, die Ursache mit der Wirkung zu verwechseln und das Theater an sich als etwas Heidnisches, mit der Ethik des Judentums Unvereinbares zu betrachten. Mit dem Siegeszug Alexanders des Grossen durch Asien begann sich das Griechentum auch in Palästina einzuhiirgern. Fine masslose Schwärmerei für alle Griechische bemächtigte sich der jüngeren Eiemente. Unter der syrischen Herrschaft des Antiochus Epipl.ancs errichtete der Hellenist und Hohepriester Jason in Jerusalem Turnschulen nach griechischem Muster und führte die Kampfspiele ein. Der baulustige Herodcs der Grosse errichtete das erste Theater in Jerusalem: er licss auch in der Nähe Jerusalems ein Amphitheater erbauen, ebenso Schaubühnen in Cäsarea. Tibcrias und in anderen Grossstädten seines Königreichs. Die Herodäer scheinen eifrige Theaterbesucher gewesen zu sein; gegen Herodcs I. planten Verschwörer einen Uebcrfall im Theater. Herodcs Agrippa starb eines plötzliche;! Todes im Theater zu Cäsarea. In Alexandrien, wo sich die Verschmelzung des jüdischen Geistes mit den! griechischen Kuiturelenient am ungezwungensten vollzog, trat zun! ersten Male ein jüdischer Dramatiker namens Ezekielos auf, der ein den Auszug aus Aegypten behandelndes Drama schrieb. Hüben und drüben widmeten sich jüdische Jünglinge der Schauspielkirnst. Bekannt ist. dass der jüdische Schauspieler Alityros der Liebling^ des Kaisers Nero und seiner Gemahlin Poppäa war. Die Gesetzesichrer in Judäa fnhrtcn einen erbitterten K a in p f gegen den Hellenismus iiberluupt und gegen das Theater im besonderen. Das 'Iheater galt ihnen als eine Giftpflanze, die dem Ueist des Judentnms verhängnisvoll werden könnte. Sie stellten es daher als ein Satanswerk hin; sie warnten die Bevölkerung vor dem Besuch des Theaters. ,.Der Aufenthalt der Spötter" •־ nennt cs ein Rabbi im- Tulnuid. Und an einer anderen Stelle im Talmud urteilt ein Rabbiner noch scluincr. ,.Wer das Theater besucht, macht sich des Götzendicustes schuldig." Per Midrasch Rabbali legt Ruth, der Stammutter des Davidischcn Geschlechts, den allerdings souderbaren Ausspruch in den Mund: ״Fs gehurt nicht zu den Gewohnheiten der Töchter Israels, die Theater zu besuchen.״ Derselbe Midrasch zur Genesis weiss sogar zu erzählen, die Frau des Potiphar habe, um mit Joseph allein zu bleiben, ihren Herrn Gemahl mit samt dem Hausgesinde ins Theater gcschickt, denn ״es war gerade jotti teafron", ein Theatertag Jubiläum der Gemeinde Augsburg Pie israelitische Ormeirue in Augsburg blickt in diesen Tagen auf eine für sie übrigens wichtige Begebenheit zurück, welche sich gerade vor W) Jahren, in der ersten Hälfte des September |.V׳>, zugetragen hat. Damals gelobte die Augshurger Judengemcindc, dem Rat und der Stadt für den ihr zu gewährenden Schutz 5וי׳ Piund Pfennig (nach den! heutigen Oelde etwa ויאור Mark) zu entrichten. Die darüber ausgefertigte Urkunde wurde von den damaligen Vorstehern der Judengemeinde: Michel. Lamp, Jiidlin, Joseph von Muelstadt, Maier und Manz von Bibcrach. mit deren!!!siegeln bestätigt. Schon früher hatten sich hier die Juden fast fortwährend eines besonderen Schutzes erfreut, darum haben sie als besondere Erkenntlichkeit (129s) einen Teil der Stadtbefestiguug aus eigenen Mitteln (Judenwall, Judcnmuucr) erbaut. Sie hatten sieh aber trotzdem nicht gar lange dieses Schutzes zu erfreuen, denn in der Zeit des Schwarzen Todes, atu St. Cücilientag des Jahres 13J5 wurde alles, was nicht entkam, erschlagen oder verbrannt. Ein jüdisches Welidrama Eine interessante Aeusserung des bedeutendsten amerikani- :eben dramatischen Dichters Augustus Tliumas geben amerikanische Zeitungen wieder: ״leb hin von der festen Ucber/cugung durehdrungeu." sagte Thomas, ״dass (las midiste die ganze Welt ergreiieiüc Theaterstück ein jüdisches Stück sein wird, ein Stück, das den Juden verwertet. Aber »lieht den Shakcspearescheii Juden, noch den verfolgten Juden aus Russland 1 der den Immigranten aus Polen, auch nicht den rückschrittlichen Juden aus Spanien, sondern den grossen amerikanischen Juden, wie wir ihn kennen: einen;Mann von grosser Organisutionsfähigkeit. den Mann von 11111• tigern Yorwärfssckrcitcii auf dem Gebiete kommerziellen W'agens, besonders aber den Mann des weichen Herzens und grosser Mildtätigkeit, den Mann, der nicht nur die Not seiner eigenen Nation lindert, sondern bereit ist. die aller Völker seiner Heimat zu verringern, sobald er von ihr Kenntnis erhält. Das müsste ein Theaterstück sein, das hauptsächlich die liebreiche Häuslichkeit des amerikanischen Juden darstellt. Dieser Jude, den ich hier in kurzen Strichen gezeichnet habe, ist derjenige, den das amerikanische Volk teils durch persönliehe Berührung, teils im Wege der Zeitliteratur kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat. Er bildet ein wichtiges F31e m ent in unserer amerikanischen Zivil!• s n t i o n. das beschrieben werden muss, vorausgesetzt, dass der Dichter die Pflicht des Dramendichters erfüllen will, zur rechten Zeit und rechten Stunde seiner Zeit den wahren Spiegel vorzuhalten." Thomas iiigte hinzu, dass er selbst siel! nicht berufen iühle. ein solches Drama zu schreiben, dass aber der Dichter zur rechten Zeit nicht fehlen werde. Die Juden in Bulgarien I I 1! I I Bulgarien, das jetzt *m Zentrum des Inte-csses steht, hat eine interessante jüdische Geschichte aiifzuw eisen. Pie erste Judengemcindc des Landes wurde vor etwa 1500 Jahren gegründet, und ihre Zahl mehrte sielt st; ndig. Als das Bulgarenreich im 12. Jahrhundert mit Venedig, Ragusa und Genua in haudclsvcrbindiiagen kam, gründeten viele jüdische Kauflcutc diese* Städte Niederlassungen in de1׳ bulgarischen Donaubäten und der jüdische Einf:ass kam an! diese Weise zu immer grossere־, Geltung im Lande. Als um das Jahr 1290 die Tataren in Bulgarien ciniiclcn, wurde ihr Heerführer hei der Belagermg von '1 irnowo \on einem Juden getutet. Vierzig Jahre spiHer nahm Zar Iwan Alexander eine schone Jüdin, namens Sarah, zur Frau, die als Za 01 Teodora einen wesentlichen Anteil a׳! der Regierung nahm. Beim Tode Iwan Alexanders kam der Sohn der jüdische;: Zarin. Iwan Tschitschuum. zur Regierung, der zahlreichen indischen Flüchtlingen aus Ungarn Aufuab.nie in sein Reich gew ährte. Unter der Tiirkenhersehait lebten die Juden Bulgariens ebenso wie die der anderen Prq- י »uzen des Reiches, und wir haben keine Kenntnis von irgendwelchen he.somLrn Vorkommnissen. Dagegen haben die •ludx.11 im Jahre Js77" bei dem grossen Brande von Sofia sich 1:11׳ die Rettung der Stadt sehr verdient gemacht, und in Aue־׳- ketmuug dieser Tust-eh.; bestimmte Fürst Alexander im Jahre l<s79. dass die Feuerwehr von Sofia aus jiiJischen Bürgern gebildet werden sollte. Im Kriege gegen Serbien (INK5) fochten die bulgarischen Juden mit grosser Auszeichnung, und Fürst Alexander hob ia >. Verdienste besonders hervor, indem er sie ..echte Nachkommen der alten Makkabäer“ nannte. Gegenwärtig besitzen J;e Juden zwar nominell alle Bürgerrechte, tatsächlich aber unterliegen sie allen möglichen Beschränkungen, und noch vor wenigen Wochen hatton die Ausschreitungen und Reehtsbcsehräiikutigen einen solchen Um- \

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.