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Jüdische Rundschau · 1908-09-25 · Heft 39 (25.9.1908) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage JUEDISCHE RUNDSCHAUjg.xm.N0.39 _Aus der zionistischen Bewegung_־ I!. Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 1. Unser Bureau ist von jetzt ab täglich, ausser Sonnabend, von 9—1 vormittags und von 3—7 nachmittags, Sonntag nur vormittags von 9—1 geöffnet. 2. Wir bringen demnächst in der Rundschau das Statut der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zum Abdruck, das entsprechend den Beschlüssen efes 11. Delcgicrtentages in Breslau geändert ist. S011derabzüge gehen den verchrlichcn Ortsgruppen und Vortrauenstnäimern demnächst zu. Zionistische Jugenderziehung I. Die Jugeudpropagaiula war von jeher ein Sclimcrzcnkind unserer zionistischen Arbeit. Ihre Notwendigkeit wurde niemals bestritten, aber zahllose Versuche zeitixten Misserfolge. Nur die studentischen Vereine leisten gute Arbeit und werden uns tüchtige Führer lieiern. Im übrigen veriiigen wir in einigen wenigen Städten mit vielen ortsansässigen Zionisten über kaufmännische Diskutierklubs, die bei einer Mitgliederzahl von 20—30 ihre Lebensfähigkeit, damit aber noch nicht ihre Hxistenzberechtigung erwiesen haben, während zur Gcwimiung der jugendlichen Handwerker und Arbeiter bisher so gut wie nichts geschehen ist. Und doch werden w ir um die Frage nicht herumkommen. Sic muss gelost werden, wenn der deutsche Zionismus, die hohen Erwartungen, die wir alle in ihn setzen, nicht enttäuschen soll. Es handelt sich hier um ein vitales Interesse unserer Bewegung und ich darf hoffen, dass ein praktischer Vorschlag gerade jetzt, wo man zur Wintcrcampague rüstet, der Diskussion gewürdigt wird. Vorerst einige allgemeine Richtlinien: Ist der Zionismus eine Partei, so wird er seine Reihen durch Agitation iiiiien müssen: ist er eine Bewegung, so wird er sich durch Propaganda ausbreiten: ist er aber eine Weltanschauting (wie ihn Herz! erfasste), so erfordert er Er- Ziehung. Ich glaube, er hat von jedem etwas und wird alle drei Eisen im Feuer halten müssen. Er wird sich mit der Agitation an die Alten wenden, die er nicht mehr umkrempeln kann, mit der Propaganda an den gereiften Mann und den lieramvachscnden Jüngling, seine Erziehung aber wird ini Knabenalter einsetzcu müssen. Ein Blick auf das Gelände, das wir bebauen wollen, zeigt uns beinahe nur Brachland. Wohl gibt es in Deutschland ein gut Teil Jüdischkeit und wir wollen uns des brauchbaren Bodens freuen, aber schon die ״bewussten'‘ Juden sind spärlich gesät. Hier müssen wir einsetzen und nicht mit einer Vorlesung über das Wesen des Charters. Die Arbeit wird manchem zionistischen Pr.rtcimann schwer, der Weg allzu weit erscheinen und die Aussicht, dass viele nicht bis zum Zionismus durchhalten werden, ihn schrecken. Freilich ist cs bequemer, junge Leute in politische Extasc zu versetzen, aber das Menschcnmatcrial. das wir zu unserem Werke brauchen, züchtet man so nicht. Wer sich unterfängt, die Jugend für die Schönheiten unserer Ideen empfänglich zu machen, der übernimmt die volle Verantwortung des Erziehers, die um so schwerer auf ihm lastet, als ihn lediglich das eigene Pflichtgefühl zu diesem Amte berufen hat. Man versündigt sich an der Jugend, wem» man Schülern und Lehrlingen bittere Wahrheiten sagt, die ihnen das Leben schon früh genug heibringeu wird. Man versündigt sich auch, wenn mau sie lehrt, Trcmdes ahzustreifen, bevor sie vollwertigen Ersatz aus Eigenem besitzen oder ihre Unwissenheit in einem Wulst anerzogener Dialektik zu verbergen und sic auf Probleme hinweist, die die junge Stirn in Dcnkcrfaltcn legen. Wir wollen frohe und stolze Juden, die, wenn es sein muss, für ein freies Wort umstehen können und Jenen noch später die Erinnerung froh verlebter Jugendtage den Mut zu ernster jüdischer Arbeit leiht. Wir wollen unseren Jungen ein gutes jüdisches Wissen geben, damit nicht später der Gegner ihre geschickte Dialektik durch den Hinweis auf einfache geschichtliche Tatsachen widerlegen kann und damit ihre Liebe zu unserer Sprache. Geschichte und Literatur nicht platonisches Sehnen bleibe. Vor allem aber wollen wir sic zu starken, freien Persönlichkeiten erziehen, deren Judenstolz sich schon in ihrem äusseren Gebaren spiegle. Politik ist von jeher den» Mannesalter Vorbehalten geblieben, drum wollen auch wir es so halten. Ich forderte zionistische Erziehung. Grundlage aller Erziehung ist Methodik. ״ , Wir haben drei Stufen: Bewusstes Judentum. National- Judentum und politischer Zionismus. So weit dehnt sich das Feld unserer Arbeit. Der Rahmen wurde bereits in neunjähriger steter Arbeit geschaffen und wir Zionisten müssen beschämt gestehen, dass wir kaum mehr, denn die ״Anregung‘‘ gegeben haben. Ich meine die ״Jüdische Turnerschaft“. . Die Turnerschaft wird Weiterarbeiten, sie wird im zionistischeu Sinne arbeiten mit und olme offizielle Hilfe der Zionisten. Aber der Zionismus darf dieses wertvollste Erziehungsmittel j nicht länger ungenutzt lassen, zumal cs ihm nicht nur die j Herzen der Jugend öffnet, sondern ihn auch zu allen jenen 1 führt, die durch ihre Vorbildung für die bisher geübte. Pr»»־! paganda unzugänglich sind: zu den jüdischen Handwerkern und Arbeitern. Auf dem Turnbodcn schwinden von selbst alle Grenzen sozialer Schichtung: wir lernen dort den Menschen ] und den Juden als Freund und Bruder schätzen und er wird unseren Darlegungen zugänglicher, denn den halb verständeneu Worten unserer Agitatoren. Hier ist der Weg. auf dem der deutsche Zionismus von einer akademischen zur Volksbewegung werden kann. Auch dem Studenten ist es wohl anzuraten. dass er durch Beitritt zu einem Turnverein mit gesellschaftliciien Schichten und Anschauungen Fühlung sucht, die ihm sonst iernliegen, and so seinen Gesichtskreis erweitert. Hier warten seiner auch dankbare pädagogische utid propagandistischc Aufgaben. III. Da sich bisher gar so wenig Zionisten die Miihc gaben, die beziehungsweise unserer Turnvereine durch Anschauung kennen zu lernen, so ist eine kurze Schilderung wohl am Platze. fn der S c h fi 1 c r a b t c i I u n g begnügt man sich, die Knaben unter sich und unter jüdischer Leitung turnen zu lassen, inan führt sic hinaus zum Spiel und zur Wanderung, lehrt sie. nicht anderer Leistungen begaffen, sondern auf eigenes Können bauen und bringt ihnen all fene Tugenden bei. die die Turncrei ihren Jüngern leiht. Wir müssten wahrlich verdammt wenig Zutrauen zu unserer Sache haben, wollten wir nicht •annehmen, dass derartig vorgcbildetc Knaben in jüdischen Dingen den rechten, d. h. unseren Wrcg finden werden. In der Lehrllngsabtcilung liegt die Sache schon ganz anders: Ein jeder Turnabend wird durch den Gesang eines unserer begeisternden nationalen Lieder cingcleitet und allmonatlich orientiert die ״Jüdische Turnzeitung“ über allgemeinjüdische und nationale Fragen. An jüdischen Gedenktagen tritt einer aus dem Glicdc oder der Turnwart vor und verweist auf die Bedeutung des Tages, und in den Weihestunden unseres jüdischen Empfindens ehren wir uns durch Jen Gesang des Zcdcrnliedes. Im Winter werden die Lehrlinge durch regelmässige Vorträge in die Ideen des Nationaljudentums cingcwcilit und mit der jüdischen Geschichte und Literatur bekannt gemacht. Da hört denn wohl mancher das Wort ..Zionismus“ und wird auch hier auf Turnfahrteu oder in den Spielpausen durch seinen Turnwart bereitwilligst unterrichtet und mit Literatur versehen. In den Männcraht c i 1 ti 11 g c n kommen noch Vorträge über rein zionistische Themata hinzu und nach dem Turnen wird beim Glase Bier manch eine ungezwungene zionistische Erörterung gepflogen. So ist cs hei nr.s in Berlin und so dürfte cs auch in den anderen Städten sein. Wenn wir ausserdem unseren Turnern einen gesunden Körper, ein freies Auge und einen geraden Rücken geben, so können sic, glaube ich, ganz brauchbare Zionisten werden, ohne einen Schwätzcrkiirs dtirelizumachcu. Die Turnerschaft weist den Vorwurf weit von sich, dass sie aus feilen Opportunitütsgriindcn sich auf den nur (?) nationaljüdischcn Standpunkt gestellt habe. Turnvereine sind nationale Erziehungsanstalten und wollen die Jungmannschaft des Volkes umfassen, der Politik nicht ziemt. Kein Wahrhcitslichcndcr kann der Tiimcrschaft die Halbheit eines Konipromisscs vorwerfen. Niemals wurden zionistischer Agitation in unseren Reihen Hindernisse bereitet. Wir bedauern nur, dass so wenige da mit uns arbeiteten. IV. Zu Pfingsten sagte unser Präsident auf der Vcrbandsvorturnerstunde in Cöln der Turnerschaft die volle Unterstützung der zionistischen Organisation zu. Die gemeinsame Arbeit wird beide fördern.

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