Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite ä82 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. iS Sie fragen mich, was es mit dieser Behauptung des Herrn Prof. Schiemann auf sich habe. Darauf kann ich. erwidern: Man wird den guten Glauben des Herrn Prof. Schiemann hinsichtlich der Behauptung, dass orientalische Juden als Führer der ״antidynastischen" Bewegung in der Türkei in Betracht kommen, unter einer Voraussetzung nicht i!1 Zweifel ziehen dürfen. Man braucht nur anzunchmcn, dass Herr Prof. Schiemann von den Zuständen und den Verhältnissen in der Türkei nicht die geringste Kenntnis hat, und es scheint mir, dass auf diese mildernden Umstände zu plädieren ist. Denn auch nicht Armenicr und Jungtürken sind die vornehmsten Träger der Bewegung. Armenier und Jungtürken haben sich im letzten Augenblick angeschlosscn, während die Führung' bisher bei dem gebildeten liberalen, aber keineswegs radikal gesinnten Offizierkorps geblieben ist, das ganz wesentlich seine modernen Anschauungen guter deutscher Unterweisung verdankt. Das alte Regime in der Türkei ist zusammengebrochen. weil der Sultan zur Verteidigung seines Reiches freilich gebildete Offiziere haben wollte. Aber er übersah dabei, dass gebildete Offiziere, die im modernen Sinne Kriegstüchtig sind, nicht zugleich willenlose Werkzeuge einer bedenklichen Palastregierung bleiben können. Was die Juden in der Türkei anbelaugt, so glaube ich, dass nicht ein einziger in irgendeiner Beziehung die neuesten orientalischen Vorgänge beeinflusst hat. Das muss der Wahrheit gemäss fcstgcstellt werden, obgleich cs ja rühmlich wäre, Anteil an einer Bewegung zu haben, die auf die Regeneration des eigenen Vaterlandes abzielt und die im Interesse der Kultur unternommen worden ist. Die türkischen Juden betrachtete der Sultan aus zur eichenden Gründen als völlig' ungefährlich. Irgendwelche politischen Aspirationen lagen ihnen bisher gänzlich iern: sie waren leicht zu regieren, und dieser Erkenntnis entsprach es. dass der Sultan ihnen ein wohlmeinender Herrscher gewesen ist. Noch jüngst erwies sich dies hei einem Zwischenfall in Jaffa. Der dortige Kaimakam hatte sich antisemitische Ausschreitungen erlaubt, und auf ein Telegramm der Gemeinde an die Zentralbehörden wurde dieser Beamte soiort abgesetzt und zur Berichterstattung nach Konstantinopel berufen. Die orientalischen Juden, die streng religiös sind, stehen politischem Radikalismus bisher völlig iern, und ich zweifle nicht, dass sie Anlehnung suchen werden an jene mohammedänischen Kreise, die den Staat modernisieren wollen, ohne die bestehenden Zustände unizustürzen. und die vor allem an die Person des Chalifcn nicht rühren werden. In vorzüglicher Hochachtung Paul Nathan. Wir haben dieser Beurteilung der Sachkenntnis des? rühmliehst bekannten Prof. Schiemann kein Wort hinzuzufngen. Ein Passbeamter Der Hilfsvercin der Deutschen Juden übersendet uns die nachstehende Mitteilung: . *Wiederholcntlich war es vorgekommen, dass bei der Landung in Jaffa die türkischen Beamten Persönlichkeiten, die• sie für Juden hielten, den Pass abnahmen und ihnen zur -Legitimation auf den! Laude statt des Passes einen roten Zettel gaben. Diese Einrichtung war darauf zurückzuführen, dass , die türkische Regierung eine Masscncinwanderung von Juden in Palästina zunächst zu krotrollieren und alsdann zu verhindern wünschte. Bel dieser Prozedur ereignete cs sich nicht selten, das auch Reisende, die gar keine Juden waren, nur weil ihr Äusseres jüdisch aussah, oder weil ihr Name den. türkischen Beamten jüdisch erschien, sich die zeitweise Konfikation ihres Passes und die Ausstattung mit dem roten Zettel gefallen lassen mussten. Alle Proteste gegen dieses Verfahren, das unsere Glaubensgenosse,ו einer anderen Behändlung unterwarf, als die Nichtjuden, war bisher erfolglos geblieben. Als Herr Dr. Nathan am M. Mal d. Js. gleichfalls irt Jaffa landete, wurde auch ihm der Pass abgeuonimen und er erhielt statt dessen den üblichen roten Zettel, und das geschah, obgleich der kaiserlich deutsche Vizekonsul in Jaffa die Giitc gehabt hatte, seinen Kawassen zu schicken, damit auf diese Weise alle Weitläufigkeiten beim Landen vermieden würden. Es gelang alsdann auch dem Vizckonsul nicht, trotz energischer Bemühungen die Aushändigung des Passes für Herrn Dr. Nathan zu erlangen. Diesen Anlass benutzt Herr Dr. Natlum. um die Frage der Behandlung fremder Juden in Jaffa, wenigstens insofern als es sich um deutsche Juden handelt, zum prinzipiellen Austrag zu bringen. In einer Beschwerde an das Vizekonsulat in Jaffa legt Herr Dr. Nathan dar. dass die difforenziclle Behändlung deutscher Staatsangehöriger, je nach ihrer religiösen Zu- I gehörigkeit, seitens der türkischen Behörden als ein Ungesctzlichkeit zu betrachten sei. und dass es dem Ansehen Deutschlands nicht entsprechen könne, wenn einzelnen seiner Staatsangehörigen von türkischen Beamten eine Ausnahme- Stellung zugewiesen würde. Es wurde in dem Schreiben alsdann noch besonders darauf aufmerksam gemacht, dass der Pass eines Reisenden sein Eigentum sei, und dass der Pass bei Reisen in orientalischen Ländern überdies als ein besonders wertvolles Eigentunisstück zu betrachten sei. da mail ohne Pass erhebliche Gefahren laufen kann. Die Einbehaltung des Passes käme also einer zeitweiligen Konfiskation eines im Besitze eines deutschen Reisenden befindlichen Eigentumstiiekes gleich. Diese Reklamation hat Erfolg gehabt, dank der überaus energischen und a n e r k c n n e n s w׳ e r t e n Beml) liungcli der deutschen Behörden ist nunmehr Rcincdur geschaffen. 111 einem Schreiben vom 28. August, das der kaiserliche Botschafter in Konstantinopel. E r c i h c r v. M a r s c h a 11, an Herrn Dr. Nathan gerichtet hat. heisst es: ״Ich teile Ihnen ergebenst mit. dass die Angelegenheit durch Absetzung des Passbeamten Ne sc hat Ef fen di ihre Erledigung gefunden hat." Die unwürdige Behandlung von Juden, die deutsche Reichsangchörige sind, wird damit wohl endgiltig in Jaffa bescitigt sein. Mail kann aber auch zuversichtlich voraussetzen. dass das moderne Regiment in der Türkei es seinerseits, sich angelegen sein lassen wird. Reisende, die Palästina aiifsucbeii. in einer liberalen, modernen Anschauungen entsprechenden Weise behandeln zu lassen." Das liebste Land Ein Welf ז eisende, die I is!!eilte wohl den Rekord geschlagen, haben diirite. ist die Amerikanerin Fräulein Jessie Ackermann. Sic ist in Boston ׳geboren, ihr Vater war ein Deutscher. Auf iliicn weiten Reisen, die sie durch sämtliche Erdteile führtet», hat sie sechs ui a I den ganzen Erdball umfahren, eine Wegstrecke von .TB 000 Meilen zuliiekgelegt und. wie sie der Kuriosität halber feststellt, in 3000 Betten geschlafen. Mehr als das Landschaftliche, scheint Fräulein Ackermann das soziale Leben der verschied en en Volker, vor allem aber die Stellung der Flau interessiert zu haben. Im ätissersten Norden, in Rcikjavjk, hörte sie zu. wie die isländischen Frauen an den Ratsvcr- Sammlungen tcilnehnien. Welch anderes Bild als Grönlands und Islands einsame Eisfelder bot ihr Russlands Verbrecherweit in dem eisigen Sibirien! In Sachalin halten sich nicht weniger als 23000 Verbrecher auf. von denen 8000 einen Mord begangen haben. Mit Bewunderung beobachtete Fräulein Ackermann, wie zahllosen Verbrechern ihre Frauen in die Verbannung folgen: denn dies ist ia in Russland gcsctztlich gestattet. Mit Erstaunen beobachtete sie ferner, dass bei der weiten Entfcinung der sibirischen Dörier und Städte von einander viele Flauen zehn oder mehr Meilen zu Fuss zurücklegten, um in Wladiwostok das Osterfest zu begehen. Im fernen Osten, sowohl in Japan wie in China, macht sich nach Fräulein Ackermanns Ansicht ein bedeutsamer Auf- Schwung im Frauen leben bemerkbar. Als Beispiel für das Vorwärtsstrebcn der Japanerinnen führt sie an, dass bei der Neue!Öffnung* der Fraucnunivcrsitat 000 Applikantinnen wegen Raummangel zuriiekgewiesen werden mussten. In China macht sich der Fortschritt wenigstens insofern gcltend. als die Flauen die Fiisse ihrer Kinder nicht mehr in der altbekannten grausamen Weise verunstalten. Auch öffnen sich dort schon, nach ihrer Aussage, öffentliche Schulen für Knaben und Mädchen zugleich. Ganz zurück ist die Frauenbewegung noch in Indien, und nach Fräulein Ackermanns Ansicht ist das tiic natürliche Folge davon, dass dort heute noch 33 Millionen Flauen in ihrem Harem von aller Welt abgeschlossen leben müssen. Im allgemeinen bat Fräulein Ackermann den Eindruck gehabt, dass in Ländern, ,wo die Frauen bereits das allgemeine Stimmrecht haben. w׳ie also etwa Australien und Neuseeland, die arbeitenden Klassen dieses Recht sehr wohl zu schätzen wissen, während die Frauen der besseren Stände ihre« staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten noch recht gleichgiltig cegeniiberstehen. Unter allen Ländern, die sic gesehen hat. ist das Land, das den Eindruck auf sie gemacht, und das sie am liebsten noch einmal wieder besuchen machte. P a I ü s t i 11 a. Muley Haf?d und die Juden Der ״N. J. K.‘ wird berichtet: Am Morgen der Proklamation des neuen Sultans von Marokko sandte der Gouverneur von Tanger ein Telegramm an den Chief Rabbi, worin er ihn ersuchte, in der A 1 c a z a b a. dem Rcgicrungsgebäude des Oouvcrr.curs zu erscheinen. Am