Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 34 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 341 ־ Kunasenau ,Toleranz“ Aus DTisscIdorf schreibt uns ein Leser der ,.J. R.": ..Bei dem Krossen Fremdenstrom, der sich während der hier tauenden ״Katholiken ־ Versammlung Deutschlands“ Ober Düsseldorf ergiesst. sind die Fremdcnlogis knapp. Zu den zahlreichen Biiigcrfamilien, die ihre Zimmer gegen Entgelt den katholischen Güsten zur Verfügung stellen, gehören natürlieh auch Juden. Da kam dieser Taec ein Herr Pfarrer zu unserem Glaubensgenossen. Mit zufriedener Miene sah er das Zimmer und schien bereits Im BcKriii, sich häuslich einzurichten. — ..Darf ich auch wissen, welcher Religion Sie sind?“ fragte darauf der geistliche Herr die Dame des Hauses. — .,Wir sind Juden,“ war die Antwort. . . . Das joviale Gesicht des Herrn in der. schwarzen Soutane veränderte sich; er ergriff seine Reisetasche und erklärte, er müsse zu seinem Bedauern dann doch von dem Logis Abstand nehmen.“ Oer neue Chacham Baschy der Türkei Als Nachfolger Moise L c v y’s ist Na ho um, Professor am Konstantiuopeler Rabbiner-Seminar der Alliacnc Israelitc Universelle, zum Chacham Baschy der Türkei, d. h. zum geistlichen Oberhaupt der Israeliten in den Landen des Sultans, gewählt worden. Herr Nahoum. der den Ruf grosser Gelehrsamkeit geniesst. ist erst vor wenigen Wochen aus Abessinien zurückgekehrt, wohin er im Aufträge der Alliance Israelitc Universelle eine Expedition zur Ermittelung der Lage des Jüdischen Falascha-Stammcs mit ausgezeichnetem Erfolgt geleitet shatte. Moise Levy war übrigens niemals G ro s s r a b b i n c r, sondern ebenfalls stets nur Kaimakäm Eifcndi. d. h. Verweser des Grossrabbinats. Nach türkischem Gesetze muss der Chacham Baschi von den Juden gewählt werden. Moise Ldvy hat s. Zt. die Wahl nach Art des alten Regimes zu verhindern gewusst und hat dann lange Jahre hindurch den Verweserposten innc gehabt. So war er denn einer der ersten, der bei der grossen Reform und Reinigung den Platz räumen musste, den ihm die Volkswah! nicht gegeben hat. Die türkische Konstitution in Palästina Aus Jerusalem wird der ״N.J.K" geschrieben; Endlich Ist nun auch in Jerusalem die Konstitution von der Festung Davids herab proklamiert worden. Der bisherige Pascha, der der jüdischen Kolonisation viele Hindcrnisse bereitet hat. und der dank seiner Beziehungen zur Hohen •Pforte, wo er früher Sekretär war. grossen Einfluss hatte, ist bereits ab gesetzt worden. Der Jubel und die Freude in Jerusalem sind natürlich unbeschreiblich. Die Juden nehmen daran lebhaftesten Anteil. Auch aus Jaffa und aus den jüdischen Kolonien wird von Frcudenkundgebungen berichtet, an denen alle Bevolkerungsschichten und Nationalitäten gleichen Anteil nehmen. Zensur und Wahlen Die Zensur, die b.'s zum 8. August noch bestanden hatte, weil der Pascha aus Lässigkeit die Verfassung noch nicht proklamieren liess, ist t'itrtmchr völlig aufgehoben! Nun rüstet man sich zu den Wah!tn. In Jerusalem und Jaffa sind verschiedene nationale Komitees zwecks Vorbcreitung der Wahlen eingesetzt worden. Ausserdem hat sich in Jaffa ein liberales Komitee konstituiert, um die Durchftihrang der neuen Ordnung zu beschleunigen. Die Juden als Wähler Selbstverständlich werden nur diejenigen palästinischen Juden an den Wahlen teilnehmen können, die ottomairische Staatsangehörige sind. Leider sind deren noch sehr wenige. Von den lODOOD Juden Palästinas werden statt etwa 20060 kaum 2W0 Wahlberechtigte sein! Der Rest gehört meistens dem russischen oder österreichischen Staatsverband an. Verschiedene Vertreter der Araber und der Armenier in Jerusalem sind gern bereit, mit den Juden einen BI o c V für die Wahlen zu bilden. Man plant, zwei Araber und einen Juden aus dem Bezirk Jerusalem für die Kammer zu wählen. Auf Seiten der Juden kommen zwei Kandidaturen in Betracht, diejenige des Herrn Antebi. Leiter der Alliance-Schule in Jerusalem, und die des Herrn Levy. Manager der Anglo-Pakstine Company in Jerusalem. Der letztere dürfte die grösseren Chancen haben, da er die t ii r - k isehe Sprache vollkommen beherrscht ,und!nationalgesinnte wie liberale Elemente für ihn stimmen werden, was bei Herrn Antebi als Beamter der Alliance Israülite Universelle ausgeschlossen ist. weil man hier der Allince noch immer Iranzösisicrendc Tendenzen zuschreibt. Aus allem geht hervor, dass cs für eine gedeihliche Ent- Wicklung der Zukunft der palästinischen Judcnhcit u ii u tu - g Ü n g l i c h notwendig ist, dass sie die türkische Staatsangehörigkeit erwerben und die türkische wie die arabische Sprache erlernen. Wie ich aus sehr zuverlässiger Quelle erfahre, würden gerade den Juden beim Erwerb der Staatsangehörigkeit keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden, da man die Leistungen der Juden für die Entwicklung Palästinas sehr hoch schätzt. Der Zionismus in Russland Aus Petersburg wird der ״N.J-K.“ berichtet: Infolge des Empfanges des Präsidenten der zionistischen Organisation. D. VVolffsohn. durch den Premierminister Stolypin beschäftigt man sich jetzt im Ministerium des Innern sehr intensiv mit der Frage des Zionismus. Wie verlautet, wird demnächst eine Z i r k ti l a r ־ V c r f ti g u n g erlassen Werden, laut weicher die zionistische Organisation mehr Freiheit für ihre Propaganda erhalten i.nd In ihrer Tätigkeit in Zukunft ungehindert bleiben Sol!. — Die Regierung scheint sich also doch davon überzeugt zu haben, dass die zionistische Oiganisation als so'clie keine innerrussische Politik treibt, sondern unr iiir ihr Ziel, die Erwerbung einer öffentlichleehtlich gesicherten Heimstätte in Palästina arbeitet. W ie man über dieses Ziel auch denken mag. so ist doch jedenfalls nicht einziisehen, aui welche Weise es dem russischen Reiche oder aucli nur der gegenwärtigen Regierung gefährlich werden kennte. Darum wirkten die fortwährenden Unterdrückungen zionistischer Vereine beunruhigend und blichen unverständlich. Hoffentlich zeitigt die Reise Wolffsolms auch noch eine ruhigere und gerechtere Auffasung der ganzen Judenfrage durch die russische Regierung. t Jüdische Gärtner in Russisch-Polen Aus Warschau schreibt man der ״N. J. K.": Seit einigen Jahren gibt es in Russisch-Polen eine grosse Anzahl von jüdischen Gärtnern, während dieser Berui früher lei den Juden ganz unbekannt war. In der letzten Zeit aber hat die Gärtnerei als Berufs-Beschäftigung der Juden eine solche Ausdehnung gewonnen, dass jetzt die jüdischen Gärtner die Hauptexportcure für Gemüse aus Polen nach Deutschland, und auch die Hauptlieferanten in Polen selbst sind. Sogar die Bauern kaufen bei den jüdischen Gärtnern das Gemüse für ihren eigenen Bedarf. Besonders grosse Ausdehnung hat die Gärtnerei bei den Juden in den Gouvernements Suwaiki. Lomza. Sicdlce und Plock gefunden. Aber auch in den anderen Gouvernements vergrössert sich die Zahl der jüdischen Gärtner von Jahr zu Jahr. Hauptsächlich treiben sie Gemüsebau, und zwar produzieren sie besonders Gurken. Rüben aller Art und Kraut. — Man sieht auch daran, dass die Juden durchaus sich nicht faiwiliig auf den Handel beschränken. Wo die Vcrhälinisse es Urnen eiuigermasseu gestatten, da arbeiten sie sich auch in jeden anderen Berui sehr rasch ein. wobei ihnen in vielen Fällen ihre kaufmännische Veranlagung zustatten kommen mag. Automobile in Palästina Die Fachtzeitschrift RADMARKT UND MOTORFAHR- ZEUG schreibt über die Möglichkeit der Einführung des Autoniobils in Palästina: ״Wenn ein Orientgebict speziell für das Auto bestimmt ist. sowie fiir das Motorrad, so ist es Pal ä s t i n a. Die hügeligen Strassen mul Wege sind trotzdem meist von geringer Steigung, wären daher dem Auto denkbar leicht erklimmbar. Da die Eisenbahnen nur sehr spärlich das Heilige Land durchkreuzen, so wäre ein solider, schneller Transportverkehr dringend nötig: so z. ß. regelmässiger A u t o - O in n i b u s - verkehr zwischen Jerusalem und B e 1111 e - I; e m. zwischen Jerusalem und Hebron, oder nach Ha'iia. (Hier die gute Strasse nach Jaffa, nach Jericho, nach Nazareth usw. Eine Konzession würde die Regierung geben, aber der Kapitalist zu diesem lukrativen U n te r n e 11 m e n fehlt bis jetzt AmerikanischeroJcr cnglischerseits wird man das Projekt wohl eines Tages in Angriff nehmen.Dabei muss aber bedacht werden, dass die europäische Bevölkerung Palästinas m:r fiir den Omnibus-Verkehr in Betracht käme, nicht iiir den Privatbesitz. Die Juden sind alle arm, und cs