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Jüdische Rundschau · 1908-07-31 · Heft 31 (31.7.1908) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 31 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 361 I : gegenüber in Sichron-Jakob angewendet hat.“ Der Bauer sprachs; aber der Beamte kam ihm zuvor: er «ab dem Bauern eine schallende Ohrfeige und sticss ihn dazu mit dem Busse, so dass dein Geschlagenen Hören und Sehen verging. Ind־es auch damit war dem Grimme des Beamten nicht Genüge geschelten, vielmehr verlangte er vom Komitee der Kolonie, dass der Bauer 2!0י Eres. Strafe bezahle:! und alle Bagern ihn um Verzeihung bitten sollten, also wegen eines Vergehens, das sie «ar nicht begangen hatten. Als der Geschlagene die Busse nicht zahlen wollte,;!ruhte der Beamte, er werde den Delinquenten aus der Kolonie iünniiiwerien. und falls ihm die Bauern nicht beistehem wurden, wer Je er die Hilfe der Regiering anruten. Gesagt — getan, nach einigen Tagen trafen Soldaten aus Tiberias ein und verlangten von den Bauern, dass sic ihnen das Haus des Rothstein und ihn seihst auslicfern seilten: und da die Bauern ihrem Verlangen nicht naciikoiume.n wollten, schallte man sie;!Ile. die ganze GcnieiudeM i l c h a m i a• nach Tiberias und beschuldigte sh des aktiven Wider- Standes gegen die Staatsgewalt: rur du:eh ein ״Lösegeld“ von 20h ץ ranken erreichten sie, dass man sic unversehrt nach Hanse zurückhchrcn lass. Rothstein entkam nach Safeil zu dem österreichischen Konsul, seinen Schutz . iiad.'/usuchtn. Abermals karncii die Soldaten in die Kolonie im Beisein de* Aeltesten. des Mucntär der Gemeinde l'iberias. sie önneteu das Haus Rnthstcins, warieii seine Mutter und seine Schwester ־־ Brau und Kinder bcsass er nieiu auf die Strasse hinaus und liesscu zur Bewachung u'cs Hauses einen Araber zurück. Weiter schrieb der Herr Roscnck an die Gemeinde Milchamia in einem Briefe vom 24. Marz, sie würden dafür, dass sic ihm Rothstein gegenüber nicht *ihren Beistand gediehen hätten, noch hiissen, er werde dem obersten Verwaltungshcamton. von dem Vorkommnisse Anzeige erstatten. Die böige davon werde sein, dass man der Kolonie jede Beihilfe zu den öffentlichen Ausgaben cnt/icliui werde. -״ Den Brief labe ich seihst gelesen. Abgesehen davon, ging der Beamte den österreicldsehen •Konsul in Haifa um seine Unterstützung dafür an, dass man den Rothstein. da er seiner Dienstpflicht nicht genügt habe, die Staatsangehörigkeit entziehen möge, üaraui begab sich Rothstein nach Beirut, kehrte, nachdem er vom General- Konsul die Zusicherung seines Schutzes erhalten hatte, nach Milchamia zurück und verscheuchte mittels einer List den arabische!! Wächter seines Hauses. Rothstein hatte einen Onkel in der Kolonie Massadia. Letzterer ging ohne Wissen des Uebeltuters zu dem Beamten, versicherte ihm. dass er die 200 Bros Busse erlegen werde und verbürgte sich zudem dafür, dass Rothstein wegen der begangenen Ehrverletzung Verzeihung erlichen werde: allein, der Beamte ging aut seine Verschlüge gar nicht ein. sondern antwortete, er komme einen Posttag zu spät, er werde den ״Aufrührer“ aus weisen und den Ertrag seines Beides unbraucltbar machen lassen, und w irklich gab er Befehl an einen d:r ״Mächtigen“ Tiberias. einen Juden, der den Bauern das Pell über die Ohren zieht und sich mit den Beamten zu stellen wciss, Araber anzunehmen und das Getreide des Bauern un* brauchbar zu machen. Und die ״Gesandtschaft" der Verwaltung kam auch, liess sich jedoch duch die Drohungen dar Rothsteinschcn B'amilie einschü.chteni und kehrte unverriciiteter Sache mit der Ausrede zurück, die Bauern hätten sie U ten wollen. Noch einmal schrieb Rothstein an seinen Konsul in Beirut und erbat unverzügliche Hilfe. Eines Nachts, ungefähr zwei Stunden vor Sonnenaufgang, kam ein Haufen Soldaten aus Tiberias. brachen in das Haus Rcthsteins ein — er selbst wohnte im Stalle, denn sein Haus war halb zerstört - schlugen ihn mörderisch, desgleichen seine Mutter und seine Schw ester, dann banden sie ihn mit Stricken und warten ihn über den Zaun auf die Strasse hinab. Wohl standen viele Kolonisten dabei und sahen die Untat, aber niemand wagte es, ihm zu Milte zu eilen. Mit Stricken gebunden, so schleppten ihn die Soldaten nach Tiberias. nicht ohne ihn noch auf dem Wege zu misshandeln. . . So langte er halbtot in Tiberias an, wo aber bereits eine ihm günstige Verfügung aus Beiröt eingetroffeu war. ihn nicht anzurühren. Der Kaimakam berief ilm zu sich und erklärte ihm. er könne in sein Haus zurüekkehren. versprach ihm auch Brieden zu stiftest zwischen ihm und den Beamten. Man brachte Rothstein in sein Haus, d. h. in seinen Stall: Auf seiner Lagerstätte lag er. sich wi.11der.d vor Dualen: jedoch der Beamte!and noch immer keine Kühe und kein Aufhoreu. Am vierten Tage der Woche, am letzten des Monats Ad.ar- Schctii __ jch w ar damals gerade in Milchamia — kam Rose 11ek in die Kolonie, cutbot die Komiteemitglieder zu sich und befahl ihnen nacliUi iickliehst. den Rothstein aus der Kolonie ausr.11־ weisen, andernfalls — würde er die Bibliothek und die Apotheke sehlicssen, ihr die ärztliche Hilfe sowie alle Gemeinde-Einiichtnngen entziehen. Er liess in die KoniUeesit/ung rufen: den Lehrer, die Apothekerin und die Hebamme, und befahl ihnen. | falls nicht binnen sieben Tagen die Bauern seinem Ersuchen Böige geleistet hätte», ihre Tätigkeit cinzustcllen. ... Einer der in der Kolonie beschäftigten Arbeiter hatte, wie mau sagte, dem Rothstein, als er den Soldaten Widerstand geleistet hatte, heigestanden; an dessen Lahnherrn schrieb der Aufseher, er sollt• ihn aus dem Dienstverhältnis entlassen: und noch ein Arbeiter einer benachbarten Kolonie geriet in den V eidacht, mit Rothstein in heimlichem Einvernehmen gestanden zu haben: auch auf ׳ihn richtet der Beamte in nichtsweiliger als wohlwollender Absicht sein Augenmerk. Ja. selbst ein Araber musste unter den Konsequenzen dieses Vorfalls leiden, das war der Araber, der das Haus Rothstein zu bewachen gehabt, den aber Rothstein vertrieben hatte: gegen ihn war der Beamte aufgebracht, weil er es nicht verstände:! hatte, seine ״Pflicht“ zu erfüllen, und bestrafte ihn dementsprechend.‘ Solche Heldentat vollbrachte ein Beamter der JCA vor den Augen der Oefientliclikcit. vor den Augen der gesamten GemtiiKk. vor den Augen der Vorgesetzten Behörde. Und niemand öffnet den Mund und protestiert dagegen, niemand schreitet ein! Und wann geschieht dies? Zu einer Zeit, da man den Bauern wirtschaftliche Autonomie gewährt, zu einer Zeit, da man sie der Bevormundung enthoben, zu einer Zeit, da die neu; Verwaltung zahlreiche greifbare Institutioiien ins Leben gerufen hat, die allen Kolonien des Barons eine mehr oder minder gesicherte Grundlage bieten. Ist das denn nicht ein Ereignis, welches dazu angetan ist. die Hände der Arbeiter zu lähmen, V> iderwül;•!! in ihnen zu erwecken gegen ihr Los. wieder aaszutilgen alle guten Brüchte der heilsamen Einrichtungen? Will denn wirklich die grosse Masse der Kolonisten dem gegenüber in Untätigkeit verharren? Will denn wirklich nicht die Geneialverwaltung der JCA erkennen, was ihre Pflicht ist lei einem derartigen Balle? Werden denn wirklich nicht Kolonistci! und Geueralverwaltung der JCA zusammen wirken, dass Balle, gleich dem Balle Rosctick-Rnthstcin sich nicht no>:h einmal in unserem Lehen wiederholen können, das ^loch auch sonst keineswegs auf Rosen gebettet ist? Es wäre unerhört! R e c h o b ot 1!. am 13 Nissan 6S. Mose S in i 1 a n s k i. Indem wir diesen Brief eines allgemein hochgeachteten Kolonisten in deutscher Uehersetzung zum Abdrucke bringen, erwarten wir. dass es nur dieses Hinw eises bedari. um Abhilfe diesen skandalösen Zuständen gegenüber zu schaffen. Bur die JCA ist die Leitung der A 11 i a n c e Isra^litc U n I v e r - seile verantwortlich. Wir sind begierig, zu erfahren, wie diese Alliance-Leitung i h r er Pflicht genügen wird. Oie Wiedereinführung türkischen Verfassung Ende voriger Woche kam aus Konstantinopel eine überlaschende Nachricht, die wohl in der ganzen Welt das grösste Erstaunen hervorgeruien hat. Der Sultan Abdui Hamid hat die Verfassung vom Jahre 1876, die eigentlich noch niemals recht wirksam gewesen war. da sie kurz nach ihrer einstigen Proklamation wieder suspendiert worden war. von neuem in Kraft gesetzt. Wohl hatten die Nachrichten in der letzten Zeit bereits darauf sehliesseri lassen, dass die jung-tiirkische Bewegung, deren Ziel hauptsächlich eben die Reaktivierung der Vcrfassuug war. grössere Fortschritte im Lande gemacht habe, als man bisher annalim: aber gleichwohl hat man selbst in den europäischen Kabinetten kaum geahnt, dass aus der Türkei, die man in diesem Belang gewöhnlich auf eine Stufe mit Russland zu stellen gewöhnt war, so plötzlich über Nacht ein Vcrfassungsstaat werden sollte. Der Sultan hat jedenfalls durch diesen Akt bewiesen, dass er immer aut der Höhe־, seiner Zeit und bei weitem kein so ״kranker Mann“ ist. wie viele gute Europäer uns immer gern glauben machen wollten. Zum mi:1dcstcu — welchen Motiven man auch sonst die Wiedcrge- Währung der Verfassung ztischreiben wolle — hat Abdul Hamid rechtzeitig erkannt, womit er seine Macht befestigen und seinem Lande wie seinem Volke nützen könne. Durch die Einführung der Verfassung tritt die Türkei tu die Reibe der modernen Staaten ein. und auch die zionistisehe Bewegung wird mit dieser Tatsache zu rechnen haben. Zwar ist nicht zu erwarten, dass das altbewährte Wohlwollen des Sultans Abdul Hemid für die Juden im allgemeinen und für den Zionismus insbesondere irgend eine Wandelung •erfahren sollte, denn der Sultan weiss. dass die Juden immer gute und treue Bürger seines Landes sein wer- | den. aber naturgemäss wird die Einführung der Verfassung ן in ihren weiteren Konsequenzen so tiefgreifende Vcräiiderungen mit sich bringen, dass svir Zionisten gut daran tun. uns

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