Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nach all den Debatten, die hier geführt worden sind, will es 111:r beinahe scheinen, dass der alte Streit innerhalb der zionistischen Bewegung, dem längst die Spitze abgebrochen wurde, mit erneuter Krait auf beiden Seiten in den Vordergrund tritt. Wieder haben wir gehört von der versclredencn Auffassung des Zionismus, von seiner östlichen und westlichen Antithese, von dem verschiedenen Gepräge, das ihm gegeben werden soll. Auf der einen Seite wird der Zionismus mehr als Form aufgefasst, in die man den verschiedenen Inhalt noch h:neinzude11ken hat, auf der anderen Seite wird mehr vom Inhalt des Zionismus gesprochen, von einem bestimmten Inhalt, der dem Gesetze der Undurchdringlichkeit gemäss keinen Neb'eninhalt zulässt. Nun dürfen wir aber nicht vergessen, dass der Zionismus mcht nur eine Bewegung darstellt — der Zionismus ist hauptsächlich (eine Lehre, und wenn wir ihn sogar von der praktischen Seite aus betrachten, so darf er noch immer seinen Hauptcharakter als Anwendüng einer bestimmten Weltanschauung auf die cndgültige Lösung der Judenirage nicht cinbiissen. Der Streit kann sich nur tun praktische Fragen drehen, aber auch in Bezug auf solche Fragen ist in dem Zionismus als Weltanschauung die Grenze gegeben, die nicht überschritten werden darf. Droht eine bestimmte Taktik den Zionismus zu verdunkeln, seine innere Krait und Tiefe abzuschwüehen, so ist sie von vornherein nicht annehmbar. Da also der Zionismus in sich eine bestimmte Lehre enthält, so darf es nicht befremdend erscheinen, geschweige gar empörend wirken, wenn manche von uns auf unseren Delegiertentagen von Zeit zu Zeit rein tlieorctischc Erörterungen Vorbringen, um auf den Ursprung des Zionismus zuriickzukonimen und seine ideellen Momente in unserem Gedächtnisse wachzuruien. Eine Lehre, wie die. auf der Zionismus basiert, ist kein mathematisehcr Lehrsatz, welcher nicht wiederholt zu werden braucht, wem! er einmal scharf eingeprägt wurde. Die innere Kraft des Zionismus als eines Bestandte;les der allgemeinen nationalen Frage besteht in seiner Dynamik, in seiner fortwährenden Entwicklung, Erweiterung und Vertiefung. Noch ens dürfen wir nicht ausser Acht lassen. Nicht Bewegungen als solche haben die Welt erobert oder neue Welten geschaffen, sondern die Ideen, die die Bewegungen he r vo r r i eie n , und zwar diejenigen Ideen, d e das moralische Bewusstsein der Menschheit wachriefen. Die grossen Reformatoren auf verschiedenen Gebieten des Lebens verdanken ihren Sieg dem prophetischen Funken, der ihnen innewohnle. Auch wenn es sich sogar in erster Reihe um rein irdische Güter handelte. Nicht das Streben nach den irdischen Gütern als solchen bildete den Kernpunkt von bestimmten Lehren, sondern das Prinzip der Gerechtigkeit und der Gleichheit,• das diesem Streben zu Grunde gelegen und ilmi Intcnsivität und innere Krait verliehen hat Jede Lehre wie das Leben cm allgemeinen, hat zwei Seiten, und diese können nicht treffender bezeichnet werden wie mit den alten Namen: Halacha und Hagada. Heina, der kein Kenner des Judentums, aber ein grosser Ahner desselben war, schildert meisterhaft in seinem wunderbaren Lied über Rabbi Jehuda Haievy die Halacha und die Hagada, indem er jene mit einer Fechtschule, wo heiss gekämpft wird, diese mit dem wunderschönen Garten der Semiramis vergleicht. Und wenn es zu heiss wird im Kampfe auf dem Schlachtfelde der Halacha, dann begeben wir uns in den schönen Hagada-Garten, ,Jener seligen Geheitnwelt, jener grossen Offenbarung, die w ir nennen Poesie“, und wir schöpfen dort neue Kraft zum weiteren Kampf. Nur eine solche Bewegung, die auf diesen beiden Momenten der Halacha und der Hagada begründet ist, und wo die beiden Momente abwechselnd oder parallel wirken, ist lebens- und entwicklungsfähig, denn jede Bewegung kann nur als Synthese diosr beiden Momente betrachtet w׳crden. Und nun möchte ich wünschen, dass unsere Gcsiimungsgenossen im Westen nicht so einseitig werden, indem sie ihr Augenmerk mir auf die Halacha richten, die Grenzen des Zionismus so wert erweitern wollen, dass vom eigentlichen Zionismus nur sehr wenig übrig; bleibt. Es liegt mir der Gedanke fern, diese Schuld : ausschlicssrch den westlichen Zionisten zuschieben zu wollen. Denselben Fehler haben wir in den letzten Jahren in Russland begangen. Er wird jetzt auch in Oesterreich gemacht, lind ich kann nur warnen vor seiner Wiederholung in Deutschland, denn er muss mit logischer Notwendigkeit auf den Zionismus abschwächend und verdünnend einwirken.