Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1908)
- Date
- 1908-05-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 190 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 22 Immer mächtiger neben der Linie der Selbstzerstörung ein* herging./ Beide fanden sich zusammen in dem Bestreben, die Judenheit aus den Bahnen des mittelalterlichen Druckes heräuszuheben und durch Bildung und Wissen ihrem Ziele näher zu kommen. Es ist kein Wunder, wenn beide Strö* mungen an denselben Stellen uns entgegentreten, und wenn es häufig sehr schwer und gradezu unmöglich ist, die beiden Fäden zu entwirren. Schliesslich hat sich der Weg der nationalen Neugestaltung von dem der einseitigen Zer* Störung so weit und so bewusst entfernt, dass heute die Entscheidung zwischen beiden klar und sicher ist. Auf der einen Seite der bewusste Wille zur Weiterentwicklung der Eigenart, auf der anderen Seite der nicht minder klare und wenn nicht klar verstandene, so doch deutlich emp* fundene Wille zur Entäusserung alles Jüdischen. Eine Generation später als die deutsche Judenheit hat sich die Masse der Juden im Osten in die gleiche Gärung versetzt gesehen, sie hat den gleichen Weg durchgemacht, nur in* folge ihrer Masse und grösserer jüdischer Bildung schneller und entschiedener. Die Krise, in der sich die russischpolnische Judenheit befindet, gleicht nur insoweit der Zeit der Berliner Taufepidemie und der Entstehung der Reformgemeinde in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als die politische Revolution und dann die Reaktion ähnliche Folgeerscheinungen zeitigt, wie die gleichen Zeitereignisse im vormärzlichen, revolutionären und reaktionären Preussen. Während aber die deutsche Judenheit, die sich in dem Irrwahne befand, eine religiöse Re orm durchzumachen, an unfruchtbaren Erörterungen über Theorien und Gefühle ihre Kraft vergeudete, hat das erwachte nationale Bewusstsein die russische Judenheit von vornherein im Bereiche realer Verhältnisse erhalten. Freilich hat die gewaltsame rohe Unterdrückung in den russischen Juden jene Gefühle der tiefen Erbitterung erzeugt, die einen Teil ihrer nach Freiheit lechzenden überschwänglichen Jugend in die vordersten Reihen der Revolutionäre gedrängt hat, wo sie demselben Phantom nachjagen, dem einige Idealisten in der Reformbewegung auch nachhingen, während freilich die grosse Mehrheit in ihrem und ihrer Kinder späteren Verlassen des Judentums zeigten, dass es sehr reale Früchte waren, nach denen sie verlangten. Trotz aller utopistischen Wolkenkuckucksheime, denen ein Teil unserer russischen Stammesbrüder nachjagt, ist die östliche Judenschaft der feste Punkt in der Judenheit, der zugleich fortschrittlich ist und doch im alten Judentum wurzelnd dem festen Willen einer stammestüm* liehen jüdischen Zukunft nachlebt. Die durch den Mangel an einer intensiven jüdischen Bildung verknöcherten deutschen Juden, von denen nur der östliche, eigentlich.polnische Teil eine grosse geistige Beweglichkeit an den Tag gelegt hat, wären ohne die mit ihnen im engsten geistigen und geschichtlichen Zusammen* hang stehenden Juden des weiten Ostens zur Bedeutungslosigkeit einer kleinen Sekte herabgesunken und würden eine ähnliche Entwicklung durchmachen, wie andere Splitter unseres Stammes, die sich von der Hauptmasse losgelöst haben oder abgedrängt wurden, wie die Karäer und Samaritaner durchgemacht haben. Fest innig ist der Zusammenhang, indem sich die deutschen Juden mit denjuden aller Länder fühlen, und der sich im warmen Interesse an den Leiden kundgibt, die unsere Stammesbrüder treffen, ganz gleich, ob es unsere allernächsten Stammesgenossen sind, mit denen wir bis zu ihrer vor wenigen Jahrhunderten erfolgten Wanderung nach Polen und eigentlich bis zur Teilung Polens Sprache und Kultur und alle Geschicke geteilt haben, oder ob es marokkanische und abyssinische Juden . sind. Er ist das nationale Band, das die deutschen Juden vor dem Werden zu einer Sekte schützt, wozu uns die Bestrebungen des ISRAELIT und der von ihm vertretenen Rieh- *tung unbedingt führen müßten, würden ihre Sonderbestrebungen nicht durch das erwachte Nationalbewußtsein paraiysiert. Es ist ganz natürlich, daß ein orthodoxer Rabbiner in der wohlwollenden Kritik, die er an Josephs vortreff- lichem Buche übt, an dem jüdisch-nationalen Bekenntnis unseres Gesinnungsfreundes Anstoß nimmt, teils aus Besorgnis wegen der Gefahren, die sich aus dem Mißverständnis des Wortes ergeben könnten, vor allem aber aus mangelndem Vermögen das stammestümliche Element in der jüdischen Geschichte zu würdigen, das erst die von ihm sympathisch betrachtete zionistische Bewegung geschaffen hat. Das Nationalbewusstsein ist ebenso die Quelle aller zionistischen Arbeit, wie das Stammesgefühl allein das Judenvolk in den Jahrtausenden nationaler Grösse und der tiefsten Unterdrückung und Zerstreuung erhalten hat Pas Wesen des nationalen Gedankens beruht aber darin, dass wir uns in einem unzertrennlichen historischen und ideellen Zusammenhang mit den Judenschaften aller Länder wissen. Alles, was diesen Zusammenhang zu zerreissen geeignet ist, wie das Verdrängen der hebräischen Sprache und die Vernichtung der Zukunftshoffnungen des unglücklichen Stammes, trägt dazu bei, das Judentum zur Sekte zu erniedrigen und damit alle nach kräftigem Leben verlangenden aufstrebenden Elemente mit ihm in einen inneren Widerspruch zu setzen. Auch ohne dass wir den radikalen Parteien damit das Wort reden vollen, trägt der Umstand, dass die deutschen Juden, soweit sie nicht ein ganz besonderes persönliches Interesse an einer andern politischen Stellungnahme haben, zu den Parteien gehören, die wenigstens den Worten nach Freiheit und Befreiung auf ihre Fahne geschrieben haben, dazu bei, dass die in einem Befreiungskampf befindlichen Juden anderer Länder in engeremideellemZusammenhangemit ihnen bleiben.Trotzaiier geistigen Bedeutung der zahlreichen einzelnen deutschen Juden, bedeuten diese für die jüdische Gesamtheit sehr wenig oder oft auch,*gar nichts, weil sie mit ihrem Steigen sich von der Grundlage ihrer Nation, die sie für eine Religionsgemeinschaft anzusehen abgerichtet sind, stetig entfernen. Das ist anders bei den Massen der Juden, die in der hebräischen Sprache eine eigene, wenn auch erst im Werden begriffene neue Literatur geschaffen haben, die im ununterbrochenen Zusammenhänge mit dem Werden und Wachsen der Nation in allen Zeiten und in allen Ländern steht. Mit diesem politisch ehrlichen Volksteile würden wir in einen scharfen Gegensatz geraten, wenn wir eine Politik der Unehrlichkeit, Gesinnungslosigkeit und opportunistischen Erfolgjägerei aufnehmen wollten. Wenn die jüdisch-nationale Idee, wie wir wissen, die Grundlage des neuen Aufblühens der noch vor kurzem scheinbar der Selbstzersetzung verfallenen jüdischen Stammesgemeinschaft ist, wenn sie zugleich imstande ist, alle elu liehen Elemente der Nation, ganz gleich, ob sie gläubig oder ungläubig sind, zu gemeinsamem Willen zu einen, so sollten wir uns hüten, sie zu verkennen oder sie in den Hintergrund treten zu lassen, weil sie den Strebern in unserer Mitte unbequem ist, die doch nur aus unserer Gemeinschaft hinausstreben, oder weit sie jenen Orthodoxen nicht gefällt, die es für nötig erachten, aus dem, was sie für Judentum halten, einen Privatbesitz und damit sich selbst zu einer Sekte zu machen. Was wir erhalten wollen, ist das ganze Judentum in seiner vollen Entwicklungskraft, und das ist eben jüdisch-national. In diesem Sinne wäre es wünschenswert, wenn die Tagung der deutschen Zionisten zu erneuter Erkenntnis und Pflege der grundlegenden Idee des ^Zionismus zur jüdisch-nationalen Idee entschiedene Stellung nähme. . . : *. Judaeobo russus.