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Jüdische Rundschau · 1908-05-15 · Heft 20 (15.5.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 20 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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M.!nt das Chantcry-Gericht ״den Prozess״ entschieden, Jahrelang hat man sich über die Abänderung des Memorandums die Kopie zerschlagen, ganze Landsmamischarten haben sich — wie die englische — selbst zur Bedeutungslosigkeit verurteilt, uni sich in inneren Kämpfen für und wider aufreiben zu können. Resultat: Alles bleibt beim Alten. Nur kostet diese Feststellung uns die Kleinigkeit von ca. 150 000 Mark, d. h. bei c:11em Kapital von 5 Millionen Mark der Kolonialbank, vermutlich eine ganze nächste Jahresdividende (3 des Kapitals). Das bedeutet wieder den Verlust kaufmännischen Prestiges, verminderte Möglichkeit, das Bankkapital durch Aktien verkaufe zu erhohen und baren Kredit zu erhalten. Und schlimmeres noch: Spott drinnen und draussen, wahrscheinlich auch noch — bei dem Charakter der Juden des Ostens — verminderte Werbetätigkeit für das finanzielle Instrument der Bewegung. War das wirklich nötig?! Wir bitten die Führer der Kongressmehrheit, einmal im stillen Kämmerlein mit sich zu Rate zu gehen und zu überlegen, ob ihr Handeln klug gewesen ist! War es wirklich nötig, tediglich aus Misstrauen in die Leiter der Bank em Unternehmen zu beginnen, das zürn mindesten doch erhebliche Gefahren in sich schloss und gar keinen reellen Nutzen bringen konnte?! War es nicht für jeden nüchtern denkenden klar, dass das englische Gericht die Statutenänderung ablehnen musste? Dass cs den Jahrhunderte alten Brauch, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Aktiengesellschaften abzulehnen, nicht zu Gunsten eines politischen Instituts aufgeben werde? Das hat ausser dem Schreiber dieser Zeilen, Dr. Katzenelsohn, auch dem Haager Kongress klar und deutlich vor Augen geführt. Man hat der Mehrheit die Kosten vorgerechnet. Man hat sie darauf hingewiesen, wie sehr bahn Verlust des Prozesses unser moralischer und finanzieller Kredit leiden müsse. Man hat klar bewiesen, dass die Statutenänderung ganz sinnlos sei, weil ein Aufsichtsrat, der ausserhalb Palästinas kolonisieren, wolle, es ja trotz abgeänderter Statuten könne, indem er ein ad hoc gegründetes Tochterinstitut unterstütze — alles umsonst. Seit Herzls Tode hat man sich daran gewöhnt, theoretischer Prinzipienreiterei zu Liebe alle praktischen Erwägungen mit über־ legenetn Lächeln bei Saite zu stellen. Es Ist vollkommen richtig, wenn Lord Evc sagt: ״Man kann nicht verlangen, dass das Gericht einer Statutenänderung zustimmt, die liir alle Zeiten einen Zustand festlegt, wie immer auch die Mehrheit des Kongresses später denken wird, oder wie ■־'nuner die politischen Erfordernisse sein werden, die das Gedeihen e:nes grossen Volkes verhängt.“ Das sind nicht, wie der Leitartikel der Welt behauptet, juristische Klügeleien, 011 nein. Es ist die Stimme der Vernunft, ertönend aus dem Munde e:ncs objektiv und wohlwollend erwägenden Unbeteiligten. Schlimm genug, dass ein uns Fernstehender uns darauf hin weisen muss. Nicht das römische Recht hat uns verlieren lassen, nicht Formeln und Floskeln haben dem Gegner zum Siege verholten, nicht der blinde Zufall hat die Wage auf die Seite der M'norität sinken lassen, sondern der klare Menschenverstand. Der Prozess ist aus und die Bank bezahlt 150000 M. Kosten. Es sind die Groschen kleiner Leute. Wir sammeln eben wieder für einen Fond und haben in 8 Monaten kaum 70000 M. zusammengebracht. 150000 M. haben wir einem Phantom geopfert. Hätten wir sie lieber dem Parteifond zugeführt! Sie hätten uns dort viel nützen können. Hätten wir. wenigstens nach der Sitzung des grossen A. K. vom Januar den Prozess eingestellt. Damals war noch die Möglichkeit eines Vergleichs gegeben, zu dem Zangwill unter Übernahme seiner Kosten bereit war. Und man sah bereits, dass nur eia Teil der Aktionäre sfeh an der Abstimmung beteiligte, wodurch unsere Chancen zu gewinnen, abermals herabgemindert wurden. Aber wir waren an Händen und Füssen gebundcu. Denn wer das Gebärden der Mehrheit im Haag bei der BankUebatte erlebt hat, wusste, welchem Angriff die Führung bei Einstellung des Prozesses ausgesetzt sein würde. Verrat und Unfähigkeit hätte man ihr zum Vorwurf gemacht. So musste prozessiert werden, bis zum bitteren Ende. Verantwortlich aber sind die Führer dieser Mehrheit. Sie mögen endlich lernen, dass wir äi einer Welt der Tatsachen und nicht der Ideen leben, dass es ein nobile oiiicium des demokratischen Führers ist. die Massen aufzuklären, nicht aber den Instinkten zii schmeicheln und nachzugeben. Mit lärmenden Protesten und Mehrheitsbeschlüssen ändert man den Lauf der Dinge nicht. Die Gewalt der Tatsachen und nicht die Theorie entscheiden. Die Wände sind härter als die Köpfe. Diese Erkenntnis ist vielleicht auch mit dem Verlust von 150 000 M. nicht zu teuer bezahlt. Wir haben bisher aus Gründen, dar Disziplin geschwiegen — jetzt aber musste einmal gesprochen werden. .

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