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Jüdische Rundschau · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 102 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. il Vereine und Gesellschaften Berlin. Der Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums hält am Sonnabend, dem H. März 1908. abends Uhr, im Burghotel, Burgstr. 2, seine Generalversammlung ab. Berlin ״Ein Tag Im Orient" heisst das Kostümfest, welches der Jüdische Turnverein ״Bar Kochba4* am Sonnabend, dem 21. d. M., in den Arnimliallcn. Kornmandantenstr. 58/59, veranstaltet. Eintrittskarten ä 1,50 Mk. sind vorher bei Arthur Hirsch. Dragonerstr. 24 I, Amt III 255-1. zu haben. Hannover. Am nächsten Sonnabend, dem 21. März, wird hier eine Purimfeier zu Gunsten des ...I i 't <1 i s c h e n Fürsorgckomiitees" veranstaltet, zu dem hierdurch alle Juden Hannovers und Umgebung hcrzlichst eingeladen werden. Herr Fritz Richard, Regisseur vom Deutschen Theater in Berlin, Fräulein Anna (ifidcmann. Tanzlehrerin, und einige andere Damen und Herren werden bei dem abwechselungsreichen Programm mitwirken. Der Saal wird rings mit Buden dekoriert, in denen die Damen die ver- .schiedenen Erfrischungen verabreichen werden. Alle sorgfähigen Vorbereitungen ve!sprechen einen schönen, gennssreichen Abend, der hoffentlich recht viel cintragen wird. Letzteres wäre dem ״J ii d i s c h e n F ü r s o r g e k o m i t e c” von Herzen zu wünschen. Dieses kleine Koni.tee arbeite» in aller Stille und schafft viel Nützliches iiir die Armen und Notleidenden unseres Volkes. Speziell durch den Arbeitsnachweis und die Darlchnskassc hat es schon manche Not gelindert. Karten für das Fest sind zu erhalten im Bureau, des ״J iidisehen Fürsorgekomitees. Hannover. Runde- Strasse 10 I (geatmet 5—7 Uhr nachmittags), bei den Mitgliedern des Vcrgniigungsaussehusses und an der Abendkasse. Der Wiener Jüdische Turnverein hält am Sonnabend, dem 14. März 1908 ini städtischen Kursalon. Stadtpark, ein Schau-Turnen n * anschliessendem Tanzkrüncken ab. Beginn des Schau-Turnens präzise 9 Uhr. Entree 2 Kronen. Turn-Zelten: für Herren: Montag. Donnerstag 7—9 Mhr abends; für Damen: Mittwoch. Sonnabend 7—'c9 Uhr abends; für Kinder: Dienstag, Freitag 5—*-7 Uhr abends. Kleine Mitteilungen Die Juden In Preussen Im Jahre 1906 wurden in Preussen 2739 jüdische Ehen und 638 jüdisch-christliche Mischehen geschlossen. Von dem ständigen Rückgang der Juden in Deutschland legen folgende Ziffern aus der preussischen Statistik Zeugnis ab: Die natflrliehe Bevölkerungszunahmc. die durch Abzug der Sterb;- Ziffern von den Geburtsziffern berechnet wird, betrug im Jahre 1906 in Preussen bei den Juden 4,46 Prozent, bei den Christen dagegen 15.72 Prozent, also über 3M! mal so viel. In Raschkow (Prov. Posen) ist die Mitgliederzahl der Synagogengemcinde in den letzten Jahren so stark zuriiekgegangen, dass die Auflösung der Gemeinde nahe bevorsteht. Die dortigen Mitglieder wollen sich der Ostrower Synagogengemeinde anschliesscn und ihr auch das Vermögen der ehemaligen Gemeinde überlassen. Stralsund, 5. März. Zum Besten des evangelisch-kircliliehen Hilfsvercins hielt gestern abend im Hotel Brandenburg hierselbst Herr Pastor Hoppe aus Zarnekow einen interessauten Vortrag über ..Die zionistische Bewegung unter den Juden." Der Herr Vortragende bemerkte einleitend, dass schon seit langer Zeit ein Zionismus in der Judenschaft bestanden habe, der aber ursprünglich religiöser Art gewesen sei. Der Zionismus der heutigen Judenschaft sei dagegen ein politischer, durch den der religiöse tust gänzlich, ausgeschaltet sei; er beabsichtige einen politisch unabhängigen Sonderstaat aufzuriel.ten, in dem die gegenwärtig über die ganze Erde zerstreute Judenschaft ein einheitliches Ganze bilde. Der Vortragende streifte dann kurz, das sogen. Reform- Judentum und schilderte die bedrängte Lage der Juden in Russland. Zu Tausenden hätten s. Zt. die Juden Russland verlassen und in anderen Ländern eine Zuflucht gesucht, bis diese Staaten Gesetze gegen die Einwanderung erlassen hätten. Es sei dann unter den Bedrängten der Rui: ״Zurück zu den alten Wohnstätten der Erzväter* laut geworden. Da sei cs Dr. Theodor Herzl aus Wien gewesen, der den Zionismus politisch gemacht, und dem Gestalt gegeben Italic, was in den Tierzen der Juden schon lange schlummerte. Herzl, ursprünglieh Rechtsanwalt in Wien, daun Literat und Korrespondent der Wiener ״Neuen Freien Presse" in Paris, habe dort einen Einblick in die Not der Juden genommen. Dort sei ihm auch der Gedanke gekommen, dass die Rettung seines geknechteten Volkes nur durch die Gründung eines eigenen souveränen Judenstaates möglich sei. Diesen Gedanken habe Herzl in einer grösseren Schrift niedergelegt. In freiwilliger Auswanderung, so meint Herzl, müsste das Juden« tum seine bisherigen 'Vohnsitzc verlassen und sich in Palästina eine neue Heimat suchen. Für Europa würde das neue Reich ein Stück Vorposten gegen die Barbarei Asiens bilden. Herzls Buch sei von tausenden von Juden mit Bcgeisterung begriisst, aber von ebenso vielen mit Spott und Aergernis aufgenommcit worden. Herzl habe sieh in seinen Hoffnungeil getauscht gesehen, trotzdem habe er sich daran gemacht •die Judcnschatt zu organisieren und zionistische Kongresse zu veranstalten, deren erster 1897 in Basel stattgefunden habe. Der Zionismus erstrebe eine staatlich recht- Hob gesicherte Stellung der Juden in Palästina. Das auf den Kongressen atifgestclltc Programm sei erst zum kleinsten Teile erreicht worden. Zwei grosse Krisen hätten den Zionismus getroffen, der im Juli 19u4 erfolgte Tod Herzls. des ungekrönten Königs der Juden, dem iiir kurze Zeit Max Nordau und dann Wolfsohn als Präsident gefolgt sei. und weiter 1905 das Scheitern des Planes einer Ansiedelung in Uganda (Ostafrikal unter englischer Oberhoheit. Der Zionismus habe jetzt eine grosszügige Massenkolouisation des heiligen Landes ins Auge gefasst. Der Herr Vortragende erwähnte dann die Bemühungen Herzls in Konstantinopd. namentlich dessen Audienzen beim Sultan und schilderte in sehr anschaulicher und eingehender Weise die heutigen Verhältnisse der Juden im heiligen Lande. In Jerusalem allein seiet vierzigtauseud luden ansässig. In ganz Palästina existierten 27 indische Kolonien, die meisten davon im Norden des Sees Genezaretli. Fine der blühendsten Kolonien liege unweit Jaffas, liier werde viel Weinbau getrieben, in den Tälern würden Maulbeerbäume zur Seidenraupenzucht gepflegt. Orangen-Bäunte gezogen und Fukalyptus-Pilanzungen angelegt. Derartige Kolonien konnten vielleicht später Stützpunkte iiir eine planmässige Kolonisation abgeben. Der Vortragende berührte zum Schluss die Arbeiten der jüdischen Kommission auf wirtschaftlichem (Förderung des Kunsthandwerks, der Teppichweberei) und wissenschaftlichem (drei moderne Schulen in Jerusalem. Pflege des Neuhebräischen usw.)־ Gebiete und schloss seine interessante Ausführungen, zu denen er das Material vielfach durch Reisen in Palästina gesammelt hat. mit dem Hinweise, dass der Zionismus eine Bewegung darstelle, die noch lange nicht abgeschlossen sei. . STRALSUNDiSCHE ZEITUNG. Würzburg. Ein israelitisches Kinderheim für Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren soll hier ins Leben gerufen werden: Als Lehrerin ist Frl. Stern von Stuttgart, die den dortigen Fröbelschen Kindergarten besuchte, in Aussicht genommen. London. Das Pavillon -Theater in Mile End. London, hat seine Versuche, dem jiddischen Drama Anerkennung zu verschaffen, aufgeben müssen. Es ist dies der dritte missglückte Versuch, in London ein jiddisches Theater zur stehenden Einrichtung zu machen. Die Juden, die das jiddische Drama lieben, sind zu arm, dafür zu bezahlen, und die reichen Juden bevorzugen das englische Drama. Arbeitslosigkeit in Russland Die Lage der Juden ist hier ausserordentlich schwer, namentlich der jüdischen Arbeiter in den Fabriken. Viele kleinere Fabriken und Werkstätten sind ganz geschlossen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt rapide. So gibt cs gegenwärtig allein 200 arbeitslose Zigaretteuarbeiter. 300 arbeitslose Lederarbeiter usw. Natürlich sind demzufolge auch die Arbeitslöhne stark gesunken. Kaiserliche Gnade Aus Petersburg wird 1ms berichte:: Am 20. Februar begnadigte der Kaiser die wegen des Pogroms in Tschcrnigow und m Borisuw (Kreis Tiraspol) verurteilten ..echt-russischen" Leute. Warschau. Den Vorstehern der hiesigen Privatschulc mit Oeffentliehkeitsrecht wurde vom Schulkuratorium. bekanntgeben, dass zt! Beginn des neuen Schuljahres die Anzahl ihrer jüdischen Schüler, die jetzt etwa 60 v. H. betrügt, auf 30 v. H. zu beschränken ist. Gleichzeitig werden in den staatlichen Mittelschulen Massrcgeln eitigcfiihrt werden, um die Zahl der jüdischen Schüler in ihnen auf 10 v, tl. zu vermindern. Warschau. 6. März. Vorgestern gegen 11 Uhr abends erfolgte eine Bombenexplosion auf der Nowolipkistrasse in dem Hause No. 67. Der 16jährige Sohn Benjamin des dort wohnenden Synagogenkantors Markus Leipziger hatte ein Paket auf den Hof hinausgetragen und war damit ausgeglitteu. i)as Paket explodierte und riss den Knaben in Stücke. Polizei und Militär besetzten das Haus und verhafteten etwa 30 Persotten. Boston. Auf der Harvard-Universität zu Boston erklärte Dr. Eliot, dass die Juden anderen Rassen gegenüber physisch minderwertig wären, und gab den jüdischen Studenten den Rat. den kriegerischen Geist ihrer Vorfahren wieder zu erwerben.

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