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Jüdische Rundschau · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 53 Einrichtung hat sogar die Erwartungen ihrer Schöpfer bei weitem fibertroffen. Die Tcilnehmerzaht an unseren Ver- Sammlungen wächst von Monat zu Monat und schon mehrmals war der ca. 100 Personen fassende grosse Kneipsaal des Vtreins Jüdischer Studenten, in dem die regelmässigen Versammlungcn stattfindcu. vollständig besetzt. Besonders unsere russisehen Gesinnungsgenossen zeichnen sich durch lebhaftes Interessc und regelmässige Teilnahme an den Versammlungen aus. Es wurde eine grössere Anzahl von Vorträgen wissenschädlichen, politischen und literarischen Inhalts gehalten, denen jedesmal ein ausführliches Pressereferat folgte. Am 29. Januar fand im groscsn Saal der Biirgcrrcssourcc eine stark besuchte öffentliche Versammlung statt, in der Israel Auerbach über ״Das jüdische Problem“ sprach. Als Purimfeier veranstaltet die Ortsgruppe am 22. März ein Kinderfest. — Das Ergebnis der Parteisammlungen ist ein ,focht ertreuliches geworden, seitdem die voraussichtlichen Spender von Beiträgen persönlich aufgesuclit werden. Solange wir uns auf die Aufrufe in unserer Parteipresse verliessen. liefen die Beiträge spärlich ein. so dass nach mehreren Monaten noch nicht einmal unser Voranschlag, dem der Mindestbeitrag von 4 Mark pro Person zu Grunde gelegt war. erreicht war. Seitdem wir die in Präge kommenden Herren und Damen persönlicli besuchen, hat sich in wenigen Wochen der gesammelte Betrag mehr als verdoppelt. Die auf diesem Wege erzielten Beiträge sind viel höher als die ohne Aufforderung eingelaufetten. sie waren selten geringer als 30 Ma!k. zuweilen aber beträchtlich höher. Wir haben liier eine grössere Anzahl gänzlich unbemittelter Gesinnungsgenossen, die seihst den Mindestbeitrag nicht aufhringen können; dafür haben sich aber wiederholt Nichtzionisten in erfreulicher Weise an der Saturnhing beteiligt. Eberswalde. Am Sonntag, dem 23. Februar hielt in unserer Ortsgruppe Herr I) r. 1; I i a s Auerbach. Berlin, einen Vortrag über die ..Z u k u n 1' t der deutschen Jude n”. Mit gespanntester Aufmerksamkeit folgten die Anwesenden dem Redner, der in klaren und eindringlichen Ausführungen die Notwendigkeit des zionistischen Gedankens auch für die deutsehen Juden überzeugend darlcgte und an der Hand eines reichen und interessanten Ta:saci1en-Materia!s die Lage des deutschen Judentums in Hinsicht auf seine zukünftige Ent- Wicklung eingehend schilderte. Der Vortrag fand ungeteilten Beifall, so dass wir hoffen dürfen, dass diese Veranstaltung nicht Geringes dazu beigelragen hat. unserem Ziele, alle hiesigen jüdischen Mitbürger um die zionistische Fahne zu scharen, näher 7.11 kommen. Die Sammlung ergab 12,30 Mk.. wovon je I Oelhaun! auf den Namen von Dr. Elias Auerbach und der hiesigen Ortsgruppe gepflanzt werden still. L-v. Grehswald Am I. März I90S. nachmittags, iand hier in der Synagoge eine vom Vorstand1 der hiesigen Gemeinde einberufene Versammlung statt, in der Herr Referendar Greifenliagen über ״Die jüdische Volksbewegung” sprach. Der Vortragende legte dar. wie der Zionismus aus den älteren jüdisehen Institutionen und den von ihnen vertretenen Ideen organisch und logisch herauserwachsen sei. Die Versammlung nahm die Ausführungen mit Ir.’.c resse und Beifall auf. Der Erste Vorsteher. Herr Salinger. dankt«־ dein Referenten uni sprach den Wunsch aus. dass in Greifswald öitcr derartige Vorträge stattfäuden. Es sollen daher im Verlaufe des nächsten Semesters eine Reihe von Vorträgen hier anwesender Akademiker folgen. Breslau. Am Donnerstag, dem 27. Februar, fand in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal der Lessingloge die erste öffentliche Versammlung der iieugegrimdeten Ortsgruppe des Misraehi statt. Im Namen der Gruppe begriisste Herr .Prof. Dr. B a d t die Erschienenen und gal! eine Schilderung seines eigenen zionistischen Werdeganges. Er schloss mit einem warmen Appell an die Anwesenden, sich dem Zionismus anzuschücssen. umsomehr als jetzt niemand mehr Gründe der Religion für sein Ecrnstehen vorschützen könne. Den Bew eis für diese Behauptung trat Herr Rabbiner Dr. Leszvusky, Berlin, an. in seinem einstimdigeu Vortrag ״Zionismus und Religion“. Der Redner loste seine Aufgabe in geradezu meisterhafter Weise und seine Worte wurden durch 1 eichen Beifall, sowie eine Reihe Beitrittserklärungen belohnt. Nach einer leider vergeblichen Aufforderung an unsere Gegner, sich zur Diskussion zu meldet!, schloss Herr Prof. Dr. Badt mit einer kurzen Ansprache die Versammlung, welche einen erfreulichen Erfolg fiir das zionistische Leben unserer Stadt bedeutete. Posen. Die Zionistische Ortsgruppe Posen hatte nach dem grossen Saale des Zoologischen Gartens eine öffentliche Versammlung einberufen, in der Rechtsanwalt D r. Alfred Klee aus Berlin einen Vontrag über ״Gegenwartsaufgaben der deutschen Juden“, hlült. Der Andrang zu dieser Versammlung war gewaltig, der grosse Saa! war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach einigen Begriissungsworten des Rechtsanwalts Dr. Kollcnschcr führte der Redner ungefähr folgendes aus: ״Die Juden als deutsche Staatsbürger kennen keinen jüdischen Staat, sie iühlett sich in den einzelnen Staaten, in denen sie Zuflucht gefunden, nicht als Fremdkörper, sondern sie fühlen sich als vollwertige Staatsbürger und beanspruchen durchaus keine Sonderstellung. Das schlicsst aber nicht aus. dass die Juden in den verseliiedetten Provinzen auch besgndere Interessen.vertreten. So die Juden in der Ostmark. Der Tradition nach sind sic deutscli und tauschen ihre Ideale nicht gegen irgend welche Vorteile. Dagegen empfinden auch sie die Unterdrückung der Majorität des Volkes als ein Unrecht, obwohl auch die Juden Grund genug haben, sich über die Unterdrückung ihrer Stammesgenossen in Galizien durch die dortige polnische Wirtschalt zu beklagen. Zu der markantesten Erscheinung der Gegenwart, der Blockpolitik, nehnum die Juden dadurch Steilung, dass sie diese nach KräfP‘11 unterstützen, geleitet von dem realpolitischen Gedanken, dass die Sozialdemokratie kein Endziel hat. sondern dem Fortschritt hindernd im Wege stehe. Mit Lichcrmunn von Smmenbcrg gemeinsam ihr eine Heercsvorlage zu stimmen, halte Redner crspricssücher. als die Wehrmacht des Deutschen Reiches zu schmälern. Wir sind, fährt Redner iort. jüdische Staatsbürger, und die Gleichberechtigung, die uns noch lang«* nicht im vollen Umiangc gewährt wird, bildet für uns das Alpha und Omega unserer W ünsche. Den Juden hat es aber bisher immer noch an der. notigen Einigkeit gefehlt, ihre Wünsche mit der erforderlichen Festigkeit und Deutlichkeit zur Geltung zu bringen. Die Gründung des Vereins deutscher Juden bilde schon ein grosses Stück vorwärts und sei daher mit grossen Freuden hegrüsst worden. Die Juden müssen kleine Differenzen zuriickstellen, um grossen und er- Mienen Zielen zuzustreben, ln den meisten ist aber dieser Wille noch nicht lebendig genug geworden, es gibt noch viele laue und lässige unter ihnen. So lange man sich scheut, das Wort Jude offen auszusprechen, so lange es noch Juden gibt, die ihre Gebetbücher in Zeitungspapier einwickeln, um sie von anderen nicht sehen zu lassen, so lange kann von einem einheitliehen zielbewussten Streben der Juden nicht die Rede sein. Der Jude muss sich dessen eingedenk sein, dass er zu dem ältesten Adel in der Weltgeschichte gehört, dass er von niemanden die Augen nicderzuschlagen braucht. *Wie sollen wir von anderen die Gleichberechtigung verfangen, wenn wir uns nicht selber als gleichberechtigt-halten? (Beifall). In dem Judciigesetz von 1847 finden sich noch eine ganze Anzahl rückständiger, ja demütigender Bestimmungen, die nicht auf eine Gleichberechtigung der deutschen Juden schlicsscn lassen. So darf der deutsche Jude keine ausländischen Gehilfen. Lehrlinge «.der gar Dienstboten halten. d«nu Christen ist dies indessen erlaubt. Dieses Gesetz muss ahgcschaiit werden, es muss endlich eimi'al reiner Tisch gemacht werden. Dm Schmach, die :!־an dein österreichischen Juden antut. ist doch auch unsere Schmach. An allen Ecken und Enden haftet uns das Bleiee wicht der Nichtgleichbercclitigung an. Nicht taktloses Schreien, sondern energisch und zielbewusst müssen wir immer und immer wieder unsere Forderungen erheben. Ich merke nicht, dass die Juden die Schmach so empfinden, wie sic cmnfuiiden werden muss, dass sie Staatsbürger zweiter Klasse sind Indessen harren unser noch höhere Aufgaben., Auch was ausserhalb der deutschen Landesgreiizen geschieht, kann lins nicht gleicligiltig sein, die Aufgaben der ausländischen Juden sind auch unsere Aufgaben, auch »ms gehen sie an. Alle I1al e:1 w ir fiir die aus d־.׳r Heimat vertriebenen Stammesgenossen zu sorgen und ihnen behilflich zu sein bei der. Gründiing eines neuen Herdes. Das kann nur geschehen durch den Zusw.nmcnsehluss aller Juden, aller jüdischen Vereine zu einem «,rossen Ganzen. Es muss ein Verband aller Verbände, eine Zeutra'steUe der Diaspora begründet werden, damit, wenn es au einen׳ Ende der Welt brennt, nur auf den Knopf gedrückt zu werden braucht, um an allen Enden der Welt, wo Juden wohnen, gleichzeitig für Abhilfe zu sorgen. Ist dieses Ziel erreicht dann sind wir aus den Zufälligkeiten heraus. Die Rege- Jung der Emi1׳ra11tenfrage ist eine der aktuellsten, nachdem alle Kulturstaaten jede Einwanderung fortgesetzt erschweren. Es muss für Gebiete gesorgt werden, wohin der Strom der jiidisehen Wanderer gelenkt werden kann. Der Opfcrfrcudigkcit einer Anzahl Pliilautropcn ist es zu danken, dass in dieser Hinsicht schon sehr viel getan werden konnte. In den weiten Gebieten von Texas und den früheren Kulturländern von Norcfc afrika ist es gelungen, zahlreichen Auswanderern dauernde“ Existenzen zu verschaffen. Dadurch hat man neue Pioniere fiir die Ausbreitung der jüdischen Ethik gewonnen. Demi s«>.?r—^ ׳

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