Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Mugdanitis Als der evangelische Abgeordnete Mugdan, der vor nicht zu langer Zeit noch ״mosaisch“ war, im Reichstag sich für die geeignete Person erachtete, für die Beförde* rung der Juden zu Reserveoffizieren die Lanze zu brechen, haben wir festgestellt, dass er jüdischerseits kein Mandat dazu hatte. Wir haben unter der ausgesprochenen Voraussetzung, dass Mugdan nur aus religiösem Bedürfnis und ehrlicher Ueberzeugung ohne materielle Nebengedanken zur herrschenden Staatskirche übergegangen sei, es doch für notwendig angesehen, das Eintreten eines Mannes für uns abzulehnen, der eben durch seinen Uebertritt zu er* kennen •gegeben hat, dass für ihn das Judentum dem Christentum gegenüber minderwertig sei. Für uns ist das Judentum unseres Wesens Kern, und kein anständiger Mensch kann es uns verdenken, wenn wir es ablehnen, von einem getauften Juden verteidigt zu werden, und wenn wir ihn so hoch schätzen wie Paulus Cassel oder den Domherrn Veith. Dass uns jeder aufrechte Mann verstehen würde, war uns ebenso selbstverständlich, wie dass uns die STAATSBUERGERZEITUNG deswegen angreifen und begeifern würde. Das hat sie in dieser Sache bereits in drei Artikeln getan und ihrerseits für den ihr ״so sympathischen“ Mugdan mehr als eine Lanze gebrochen. Das ist ihr gutes Recht, ebenso wie wir ihr es keineswegs nach* tragen, dass sie dabei in wenig ehrlicher Weise die eigentliehen Einwürfe der JUEDISCHEN’ RUNDSCHAU überhaupt nicht berührte und ihren Lesern einen Auszug gab, der keineswegs sich mit den Ausführungen der RUND- SCHAU deckte. Aber das tut sie ja gewohnheitsmässig, und deshalb werden wir uns kein graues Haar wachsen lassen. Zudem war es ihr recht unbequem, dass wir feststellten, dass nicht wir das Christentum bespötteln, wie sie erfand, sondern dass das Christentum von solchen Geistlichen herabgesetzt würde, die die Kinder ungetaufter Juden taufen. Denn was kann das für ein Christentum sein, zu dem Juden ihre Kinder erziehen, die sich selbst nicht taufen lassen? Und das ist doch bekanntlich die allerhäufigste Form der Judentaufe. Solche Kinder müssen doch noch schlechtere Christen werden, als ihre Eltern erbärmliche Juden sind. Doch was kümmert das die STAATSBUER- GERZEITUNG. Ja wenn es ihr wirklich ernst wäre um das Christentum. Aber wir glauben ebenso an ihre Christliehe Ueberzeugung, wie sie selbst an die ehrliche Ueberzeugung der getauften Juden glaubt. Wir glaubten bisher wirklich an die Ehrlichkeit der christlichen Ueberzeugung des Abgeordneten Mugdan. In■ zwischen ist aber unsere Ueberzeugung schwer erschüttert worden, und zwar vom Abgeordneten Mugdan selbst. Denn so sehr und dringend wir uns sein Eintreten für uns Juden verbitten müssen, ebenso sehr hätten wir erwartet und dringend gewünscht, dass er die Gelegenheit ergreifen würde, wenn sie sich ihm böte, für seine christliche An* schauung einzutreten und die Lehren zu bekennen, die er im feierlichen Moment der Taufe beschwören musste. Als der Sozialdemokrat Fischer im ' Reichstag unehrerbietig genug war, Mugdan gegenüber von Leuten zu sprechen, ״die aus politischen Gründen ihren Glauben wechseln“, und diese Aeusserung Mugdan einen Bekenntniswechsel ohne innere Ueberzeugung vorwarf, da hatte er auf diesen wahrhaftig schweren Vorwurf nur die schwächliche Abwehr: ״Der Abgeordnete Fischer, der Zentrumsjüngling, scheint vom Glauben noch eine grosse Meinung zu haben. Was geht es ihn denn sonst an, dass ich früher Jude gewesen und heute evangelisch bin.“ Das ist keine Antwort eines Mannes, der eine so grosse Meinung vom Glauben hatte, dass er es für nötig erachtete, seinen alten Glauben als nicht mehr ausreichend gegen einen wertvolleren einzutauschen. Die früher heidnische, jetzt aber angebliche christliche STAATSBUERGERZEITUNG hat noch keine Veranlassung hieran genommen, festzustellen, welche Bespöttelung des Christentums darin liegt, dass man ״aus politischen Gründen“ das Sakrament der heiligen Taufe empfängt, das eingrundlegendes Sakrament aller christlichen Bekenntnisse ist. Aber wir wollen auch jetzt noch immer annehmen, dass wenigstens für Mugdan der Fall zutrifft, dass er aus innerer Ueberzeugung und tiefem religiösem Empfinden das Juden* tum verhess, das er nicht kannte, um sich dem Christen* tum anzuschliessen, in dem er die grundlegenden Dogmen von der Dreieinigkeit, der Erbsünde, der Erlösung und Gnadenwahl kannte und für wahr anerkannte. Jedoch er* warten wir von einem Manne mit so ausserordentlich entwickeltem religiösem Gefühl, dass er bei der nächsten Gelegenheit den sozialdemokratischen Spötter mit scharfen und unzweideutigen Worten in seine Schranken zurückweist, während seine Antwort vom 26 Februar das durch* aus falsche Bild hervorrufen muss, dass er vom Glauben ״keine grosse Meinung“ hat. \ Zu der Kontroverse zwischen RUNDSCHAU und STAATSBUERGERIN über die Mugdansche Frage hat sich auch das kleine Blatt mit dem ellenlangen Namen gemeldet, das gewohnheitsgemäss seine Nase in alles steckt, was es