Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 69 N<> .8 ... JÜDISCHE RUNDSCHAU c r•*■ L_ Rundschau. Ausländische Juden in Preussen , Die Behandlung österreichisch-ungarischer Juden in Preussen, insbesondere die .Präge ihrer Aut'enthaltsberechtigtuig hatte den Anlass zu zahlreichen Beschwerden Kegen die preussische Politik in der österreichischen Delegation gegeben. Vom österreichisch-ungarischen Minister des Äusseren Prei- Herrn v Achrent ha 1 wurden diese Klagen dieser Tage als unbegründet bezeichnet. Wie der Minister erklärte, batte die deutsche Regierung anlässlich einer speziellen Anfrage erklärt, es beruc auf einer irrigen Voraussetzung, wenn angenommen werde, dass Ausländern mbobsbabibsbcbhbcbn GI a. u l> 'c n sBFSKPZBFÜ ländern mosaischen Glaubens der Aufenthalt in Preussen überhaupt nicht gestattet werde. Hs bedürfe vielmehr für diese nur bcstimmungsgetm'iss in der preussischcn Monarchie im einzelnen Palle einer Genehmigung zum Aufenthalt. Aus dieser F.rklärung der deutschen Regierung, so fügte der Minister hinzu, geht hervor, dass es sich hier nicht uni eine speziell gegen unsere israelischen Staatsangchörigcn gerichtete Massregel. sondern um eine generelle Verfügung handelt, die in gleicher Weise alle a u s I ä n d i - scheu Israeliten trifft. Wie hierzu vom preussischcn Ministerium des Inneren e<- klärt wird, besteht in der Tat keine Bestimmung, die generell österreichischen ung ungarischen Staatsangehörigen isarelitischer Konfession den Aufenthalt in Preussen verbietet. Allerdings gebe das sogenannte .lud engesetz vom Jahre 1837־ dem preussischcn Minister des Inneren gas Recht, zu verlangen, dass überhaupt jeder Ausländer mosaischen Glaubens, der sich in Preussen niederlassen will, um die Ansiedelungserlaubnis einkonmU. Von diesem Recht werde aber heute kein Gebrauch mehr gemacht. Nattirlieh prüfe das Ministerium, wenn ausländische Juden in Preussen ihren Wohnsitz genommen haben, ob ihr Aufenthalt opportun erscheine. Auf grund einer derartige!» Prüfung könne unter Umständen die Ausweisung erfolgen. Welche näheren Qriinde dafür in dem einzelnen Falle ausschlaggebend seien, hänge indessen vom Verwaltungsvcriahren ab, so dass man sich nicht allgemein auf eine Norm, die für diese Aus• Weisungen gilt, festlcgen könne. Wir werden in der nächsten Nummer noch auf dieses Judengesetz näher zurückkommen. Vom Hilfsverein Berlin. Am 16. Februar fand unter Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung defl gcschättsführenden Aus- Schusses des Hillsverelns der Deutschen Juden statt. In derselben wurde zunächst festgesetzt, welcher Tag dem Zentral- Komitee für die Generalversammlung des Hilisvcrcins vorge schlagen werden soll. Unter lebhaftem Beifall der Anwesenden dankt Herr James Simon Herrn Dr. Nathan dafür, dass tr durch eine mühevolle viermönatliche Studien- und Inspektionsreisc nach dem Balkan, der europäischen und asiatischst Türkei das Werk des Hilfsvereins von neuem wesentlich gefördert habe. Herr Dr. Nathan hebt hervor, dass ihm sein Reisebegleiter, Herr Privatdozcnt Dr. Mittwoch, als Orientalist die wesentlichsten Dienste in den Ländern des Orients geleistet habe. Alsdann erstattete Herr Dr. Nathan in grossen Zügen Bericht über scüc Reise. Der Vortragende ging speziell auf das gegenwärtig bereits bestehende Schuhverk des Hilfs- Vereins in Palästina ein und entwickelte die Aufgaben, die aui dem Gebiete des Schulwesens in Palästina noch der Lösung harren, und deren allmähliche Verwirklichung der Hilfsvereu» anzustreben habe. Zur allgemeinen lebhaften Befriedigung der Versammelten konnte er feststelleu, dass er bei Vorurteilslosester Prüfung die sämtlichen Institute des Hilisvereins i׳:t Otient vortrefflich organisiert gefunden habe, und dass die Prinzipien, die für den Aufbau und Lehrplan derselben ttiassgebend gewesen seien, sich in jeder Richtung bewährt haben. Die Anstalten des Hilisvcrcins sind von Anfang an den Anschauungen der religiös gesinnten jüdischen Bevölkerung des Landes angepasst worden und sic haben sich auf dieser Basis gesund entwickelt. Es hat sich auch in vollem Masse bewährt, dass der hebräischen Sprache eine grundlegende Bedeutung eingeräumt wurde, und dass sie schon vom Kindergarten an gelehrt wird. Ntch der Entnickelung, die die Verhältnisse insbesondere in Palästina genommen haben, ist die hebräisch.־ Sprache eine lebendige Sprache geworden, das Hauptverständigungsmittel zwischen unseren Starmnesgcnassen mit verschiedener Sprache, die aus den verschiedensten Ländern stammen, aus Innerasien, aus Persien, aus Siidarabien und aus Osteuropa, oderAbköttmtlinge der spanischen Emigranten sind. Herr Dr. Nathan legte des näheren dar, dass hebräisch und die ,Landessprache — arabisch bezw. türkisch — in allen Schulen des Orients, Volksschulen wie höheren, das unentbehrliche Sprachwissen darstellen müssen, dass mann eine oder die andere europäische Kultursprache, * ie nach den örtlichen Bedürfnissen in grösseren Handelszentren dann noch hinzufügen müsse. Nur wo ein reales Bedürfnis dafür vorliegt, ist die Kenntnis einer Ktiltursprache ein Segen; in anderen Pallen — z. B. vielfach in ganz kleinen zerstreuten Ortschaften auf dem Lande — biete der Besitz einer Kulturspräche einen verhängnisvollen Anreiz zur Auswanderung — und die Steigerung der jüdischen Auswanderung müsse nach Möglichkeit hintangehaltcn werden —: es müsse ierner bezüglieh der Wahl der zu lehrenden Kultursprache individualisierend verfahren werden, je nach der Verschiedenheit der Verkchrs- und Handelsbeziehungen der grösseren Orte. Dabei fallt freilich dem hilfsvcrcin eine grosse Aufgabe zu, da die Ausdehnung des deutschen Handels im Orient stetig wachse. Der Referent wies alsdann noch aut die ausserordentliche Bedvutung hin, die die zeUgenuisse Ausgestaltung des Talmud- Thora-Untcrrichtswcsens tiir den Orient und insbesotulere fii»• Palästina besitzt, und er teilte mit, dass er ein prinzipielles Einverständnis über das, was auf diesem Gebiete zu geschehen hat, mit den beteiligten Kreisen hcrbeigeiiihrt habe. Der Aus• schliss gab seine Zustimmung dazu, dass der Hilfsvcrcin für eine solche Unerstiitzung der Talmud-Thora-Schulen Mittel zur Verfügung stelle. An der religiösen Unterweisung soll nicht däs Geringste geändert werden. Hingegen soll der Lehrplan erweitert werden durch Anfügung hebräischen und arabischen Sprachunterrichts. Auch die Realien ■Süllen in hebräischer Unterrichtssprache gelehrt werden, so dass die jungen Leute besser für das praktische Leben vorbereitet die Schule verlassen. Auf diese• Weise wird die* künftige Generation von der Chalukah unabhängiger. Der erste Schritt auf diesem Wege wurde durch Bewilligung einer den Bedürfnissen entsprechenden Summe für die Talmud-Thora-Sclmle der Sephardint in Jerusalem gemacht. Es wurde mit Freude begrüsst, dass die sephardisclien Gemeinden in gleicher Weise wie die aschkcnasischen den Anstalten des Hilisvcrcins ihr Vertrauen schenken. Mit grossem Interesse nahm der Ausschuss Kenntnis davon, dass durch Vermittelung des Herrn Dr. Nathan der langgehegte Plan betreffend die Begründung der Dr. Salvendi- Musterfarm realisiert worden ist, wodurch für die Hebung der Landwirtschaft und Bodenkultur in Palästina und die Ausbildung von jüdischen Kolonisten ein Schritt vorwärts getan worden ist. Aui der Musterfarm werden voraussichtlich auch in Übereinstimmung mit dem Frankfurter Verein zur Er- Ziehung jüdischer Waisen in Palästina die Zöglinge des Lehrer- Seminars, die während der Schulzeit theoretische landwirt־ schaitliche Kurse hören, in ihrer Ferienzeit praktische Unter- Weisung erhalten. Herr Dr. Nathan gab darauf einen Bericht über die Verteilung der Summe, die der geschäftsführendc Ausschuss ihm zur Linderung der wirtschaftlichen Notlage und Teuerung in Palästina zur Vertilgung gestellt hatte. Alsdann wurde das Budget für Palästina für das Schuljahr 190S/09 festgestellt. Die Budgets eines Teils der Anstalten des Hilisvereins resp. der von ihm subventionierten Institute wurden zwecks weiterer Ausgestaltung erhöht und eine Reihe von Ncubewilligungcn vorgenotnmen — u. a. wurden Mittel für eine Kolonieschulc bewilligt — womit der erste Schritt vom Hilfsvcrcin getan ist, auch in den Doriern Schulen zu er* richten. Von anderen Bewilligungen sei noch erwähnt, dass Ponds zur Errichtung oder Unterstützung von Analphabetenkursett i!» Galizien, sowie Mittel zur Beschaffung von Unter• richtsmaterial für die Schulen des Vereins Ciiltura in Bukarest zur Verfügung gestellt wurden; ferner erfolgten Bewilligungen zu Gunsten von Schien in Bulgarien, und endlich wurde auch ein Beitrag zur Unterstützung an Schulen in Saratow, Russland angewiesen. Galizien Zionisten und Landtagswahleit An den bevorstehenden Wahlen zum galizisehen Landtag wird auch die nationaljüdische Partei regen Anteil nehmen. Eine Vertrauensmäimerkonierenz, die in den letzten Tagen des vorigen Monats unter dem Vorsitz des Dr. Braudc in Lernberg stattfand, kam nach langen Beratungen zum Beschluss, dass in mehreren Wahlkreisen national-jüdische Kandidaten aufgestcllt werden sollen. Obgleich die geltende Wahlordnung, die auf ein Ktiriensvstem und öffentliche Stimmabgabe aufgebaut ist, unserer Partei nicht die Hoffnung auf Erfolg lässt, um so mehr als auch mit dem bekannten Terrorismus der Landesregierung und allerlei Schikanen der Behörden gerechnet werden muss, bestanden doch fast alle Vertrauensmünner darauf, dass man unter eigener Plagge in den Wahl-