Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage JUEDjSCHE RUNDSCHAU^,,*־.־ Aus der zionistischen Bewegung Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Den verehrlichcn Ortsgruppen und Vertrauensmännern ist in diesen Tagen ein Zirkular, betreffend den Parteifonds,' zugegangen. Wir empfehlen dasselbe hierdurch nochmals ernster Beachtung und schleuniger Erledigung. Der Aufruf des A.-K., der unseren Gesinnungsgenossen durdli die Publikation in der JÜDISCHEN RUNDSCHAU bereits bekannt geworden ist, bcweist, von welcher ungeheuren Bedeutung eine rasche und glückliche Erledigung dieser Angelegenheit fiir unsere Bcwegung ist, zumal im Hinblick auf die gegenwärtige politische Lage und die erforderliche praktische Arbeit in Palästina. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit dieser Arbeit sehen wir davon ab, in dieser Nummer verschiedene an sich auch nicht unwichtige Mitteilungen zu publizieren, um durch keine wie immer geartete andere Tätigkeit die Arbeiten fiir den Parteifoncls zu schw ächen* Der Parteifunds in Russland (Mali n Worte eines russischen Zionisten). Das Zentralkomitee der zionistischen Organisation in Russland hat in seiner letzten, in Berlin abgclialtenen Sitzung, laut dem in der WELT veröffentlichten Berichte, den Beschluss gefasst, nunmehr eine energische Aktion zugunsten des Parteifonds cinzuleiteit. und zwar, wie uns mitgeteüt wird, ״ohne Rücksicht auf andere Sammlungen für unsere anderen Institutioneu“. Ein höchst erfreulicher Beschluss. — vorausgesetzt, dass er durchgeiührt und nicht auf dem Papier stehen bleiben wird. Denn in der Tat ist es die höchste Zeit, dass auch wir russische Zionisten uns a:1 der Sanierung der Einanz- Verhältnisse unserer Organisation kiäitig beteiligen und endlich einmal darangehen. der von selbst eingesetzten Parteileitung die Mittel in die Hände zu geben, um die von allen Seiten so laut geforderte praktische Tätigkeit in und für Palästina entfalten zu können. Nun ist es mit uns russischen Zionsteti eine eigene Sache: auf allen Konferenzen und Kongressen sind wir gewöhnlich die eitrigsten Nörgler und Kritiker, wir hören gar nicht aut, über die Untätigkeit unserer oberen Instanzen die schäumendsten Tiraden zu halten, und kommen gewöhnlich mit ganzen Waggonladungen von Wünschen. Projekten. Anträgen und Entwürfen. Wir sind aber auch sehr freigebig bei der Bewilligung von Subventionen und Unterstützungen aller Art und machen nachher der Leitung die bittersten Vorwürfe, wenn sie die bei früheren ähnlichen Anlässen bewilligten Summen nicht ausbezahlt hat. So sind wir russische Zionisten in unsern Vor- ׳trägen, Artikeln. Broschüren. Debatten und Beschlüssen. Wenn cs aber nachher dazu kommt, die nötigen finanziellen Mittel zusammenzubringen. dann stehen wir lange nicht auf der Höhe unserer Pflichterfüllung der Partei gegenüber und sind in der Tat — mir als russischem Zionisten sei dieses Wort gestattet — die saumseligsten Zahler der verschiedenen Parteibeiträge. Seit Jahr und Tag ist cs eine feststehende traurige Tatsache, dass wir in Russland sogar mit der Einkassierung und Ablieferung der SchekcIgelJer niemals zur rechten Zeit‘fertig zu werden vermögen, und es bedarf wiederholter Mahnungen und aller möglichen Zirkulare, um sogar diesen minimalen Beitrag, mit dem doch alle Rechte der Parteimitgliedschaft erworben werden, gleichsam hcrauszuprcsseii. Nun ist cs allerdings richtig, dass uns in Russland einerseits eine jede planmässige Propaganda und Agitation bei den dort herrschenden politischen Zuständen ausserordentlich erschwort wird und dass das Gros unserer Anhänger in diesem Lande nicht denjenigen Grad des Wohlstandes aufweist, dessen unsere westeuropäischen und amerikanischen Gesinnungsgenossen sich glücklicherweise erfreuen können. Dafür besitzen wir aber in Russland zwei andere ״Eigenschaften", wenn ich cs so nennen darf: erstens stosseii wir da unter den elenden und darbenden jüdischen Massen, die den ganzen grenzenlosen Jammer ihrer Gohiscxisteuz am eigenen Leibe verspüren, auf eine in Westeuropa völlig unbekannte unmittelbare und unverfälschte Begeisterung für die grosse Botschaft des erlösenden Zionismus, und zweitens stellen wir russische Zionisten die grosse Mehrheit dar. wir sind die eigentliche Masse. Was aber eine begeisterte und für die Verwirklichung ihres Ideals sich einsetzende Masse vermag, ist viel mehr, als die grösste finanzielle Leistungsfähigkeit einzelner zu vollbringen itn- Stande ist. Von allen grossen politischen Parteien Westeuropas erfreut sich bei uns in Russland, auch in zionistischen Kreisen, die deutsche Sozialdemokratie der grössten Hochachtung, nicht etwa wegen ihres Zukunftsstaates. sondern wegen der eisernen Disziplin und vor allen Dingen wegen der beispiellosen Opferfreudigkeit ihrer Mitglieder, die es ermöglicht, dass ihr Partei- Vorstand nicht nur über ein gut geschultes und gefügiges Menschcnmaterial. sondern auch über eine stets volle Kasse veriiigen kann. Während die bürgerlichen Parteien, die sich aus den wohlhabendsten und reichsten Bcvölkcrungsklasseti rekrutieren, stets über ihren Mangel an Geldmitteln klagen, bringt es die Partei der besitzlosen Proletarier fertig, über ein jährliches Budget von Millionen zu verfügen, und noch nie hat ein diesbezüglicher Aufruf der Parteileitung in ausserordentlichen Eällen wie bei Streiks. Wahlkämpfen u. dg!, die Wirkung verfehlt. die Partcikassc immer und immer wieder zu füllen. Und cs ist in der Tat etwas Selbstverständliches, dass eine jede Partei vor allen Dingen verpflichtet ist, ihrem Vorstände die!Mittel zu einer glatten und regulären Erledigung der ihm an vertrauten Parteigesehäftc zur Verfügung zu stellen, ebenso wie es die Staatsangehörigen ihren Regierungen gegenüber tun!nässen. Nur w:ir Zionisten haben uns die einfache Wahrheit noch nicht angeeignet, dass wir erst dann von unserer Leitung etwas!'ordern können, wenn wir ihr gegenüber unsere Pflicht getan haben, und dass man mit der schönsten Doktrin, den herrlichsten oratorischcn Leistungen und den weitgehendsten Beschlüssen allein noch keinen einzigen Dunam Land in Palästina erwerben und keine einzige Familie daselbst ansiedeln kann. Und wiederum sind es wir russische Zionisten, denen man diese banale Wahrheit nicht oft genug Vorhalten und einprägen kann. Hören wir doch einmal damit aut. uns hinter der elenden materiellen Lage unserer jüdischen Massen zu verschanzen und durch diese gewiss nicht hinwegzuleugnende Tatsache allein unsere Nachlässigkeit im Sammeln zu Parteizwecken zu erklären suchen. Gewiss muss die materielle Unterstützung der Partei seitens des einzelnen Zionisten in Russland kleiner ausfallen als diejenige bei unseren viel reicheren und in geordneteren Verhältnissen lebenden westeuropäischen Gsinnungsgenossen. aber da wir doch ointer uns so begeisterungsfähige und so zahlreiche Massen haben, so sollten wir es uns zur Ehre anrechnen, für alle unsere Parteiinstitutionen stets die grössten Summen zu sammeln uu׳J immer mit gutem Beispiele als die eitrigsten und pünktlichsten Gtldsammlcr voranzugehen. Dass man auch in Russland sogar in den schlimmsten Zeiten recht ansehnliche Summen zu sammeln vermag, beweist geradezu als klassisches Beispiel das Odessacr Palästina- Komitee. Diese alte ehrwürdige Institution der russischen Chowewc-Zion war in den letzten Jahren immer tiefer und tiefer gesunken und brachte cs schliesslich im Jahre 1906 zu einem Budget von nur 19 000 Rubeln. Natürlich war man schon mit der sehr beuuemen. weil zu nichts verpflichtenden Er- Härimg bei der Hand, die politischen Zustände und die trostlose wirtschaftliche Lage seien schuld an dem nunmehr unabwendbaren Verfall des Komitees. Da wurde auf einmal in der Generalversammlung des Komitees im August 1906 unser hochverehrter Gesinnungsgenosse, der unermüdliche und •tatklüftige Herr Ussischkin. an seine Spitze berufen, und siehe da! es geschah ein Wunder: im Laufe eines einzigen Jahres ist cs dein neuen Vorsitzenden des Palästina-Komitees gelungeii, die Einkünfte desselben von 19 000 auf 50 000 Rubel zu heben, und es sind Anzeichen vorhanden, dass das zweite Jahr für das Komitee noch günstiger ausfallen wird. Natürlich sind der gebesserten materiellen Lage gemäss auch die Leistungen des Komitees in Palästina bedeutend gestiegen, und während man sonst in den letzten Jahren kaum etwas von dieser zu einem kleinen Wohltätigkeitsvcrcin zusammengeschrumpften Institution vernehmen konnte, hat sic jetzt an Ansehen ganz gewaltig gewonnen und verspricht ein sehr bedeutender Faktor in unserer Kolonisation Palästinas zu werden. Und dabei war doch das verflossene Jahr wahrhaftig kein Jahr der Prosperität und der politischen Ruhe, zumal In der Schreckensstadt Odessa nicht. Wir haben uns deshalb so lauge bei diesem einen Beispiele aufgehaltcn, weil es am besten zeigt, dass man auch bei den gegenwärtigen Verhältnissen in Russland bedeutende Summen sammeln kann, wenn man nur energisch an die Arbeit geht und die richtigen Methoden anwendet.