Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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K'o. 4/ JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 201 Diccs Politik ist eine zionistische Arbeit, denn sic dient den zionistischen Zwecken. Ohne sie laufen wir Gefahr, das Volk zu verlieren. l)ic zionistische Organisation ist aber eine interterritoriale, uik) als solche kann sic nicht eine einheitliche zionistische Politik führen. Die politische Tätigkeit kann also niemals Sache der neutralen zionistischen Behörden sein, sie muss den Landesorganisationen überlassen werden. Der Referent ist zwar persönlich der Meinung. dass die Lawlespolitik und die Gegenwartsarbeit zum zionistischen P»c.gramm gehören. Um aber die zionistische Wcltorganisation nicht mit den besonderen politischen Bestrebungen einzeiner Landsmannschaften zu verwechseln, und um nicht alle jene Zionisten aus der Partei zu verdrängen, welche gegen die Landespolitik auftreten, hat er schon auf dem Krakauer Parteitage die Meinung vertreten, dass man formell zwei Organisationen bilden soll. Br stellt auch jetzt die folgenden zwei Thesen: 1) Die zionistische Organisation als solche nimmt keinen Anteil an der politischen Tätigkeit. 2) Die Landeskonferenz empfiehlt allen Zionisten, sich der na t iona i - J ü d i sc h e n Partei anntschliessen. welche das Baseler Programm anerkennt. Die erste zionistische Organisation wird alle rein-zionistisehen Aufgaben erfüllen, während der national-jüdischen Par-!ei. welcher nur Zionisten angeboren können, die Führung der Politik im Lande obliegt. Der Redner beweist noch zuletzt, dass die politische Tätigkeit der eigentlichen zionistischen Agitation gar nicht geschadet, sondern die Idee vklmhr verbreitet hat, und forder{ die Versammlung zu einer intensiven Arbeit für das Wohl und die Zukunft des jüdischem Volkes auf. (BciialÜ ln der Diskussion über das Referat Brandes ergriff als erster das Wort Dr. Thon. Die letzten Wahlen haben ein erfreuliches Resultat aufgewiesen, indem sich die Maiontat des jüdischen Volkes auf unsere Seite gestellt hat. Es war ein erfreuliches Ereignis, aber kein Zionismus. Hätten wir diese gewaltige Arbeit und Energie für die rein- ־ zkaistischc Agitation verwendet, dann könnten wir einen grossartigen Aufschwung unserer Idee in Galizien erleben. Statt 6000 Schekelzahler hätten wir heute nach einer solchen anstrengenden Propaganda CO CO? Genossen. Und ein bcwusstcr Schekelzahlcr ist mir lieber, als 10 nationale Juden. Mitläufer. Es ist ein grosses Verdienst des Dr. Braudc. dass er für die Verbreitung der nationalen Idee unter den Juden durch die letzte Wahlagitation, welche er leitete, so viel beigetragen hat. Aber mir scheint die Behauptung, dass durch die politische Arbeit der Zionismus im Land gewachsen sei. unbegründet. Die politische Agitation hat die Kräfte zerstreut und ein Strebertum in unserer Partei hervorgerufen. Während der Wahlaktion haben wir nicht mit dem Baseler Programm, sondern mit dem Befähignngsnachweis und der Sonntagsruhe für unsere Kantüd'tlcn agitiert. Wenn wir schon aber fest entschlossen sind, eine Politik au führen, müssen wir eine kluge Politik vertreten. Die bislerigc politische Tätigkeit des Jüdischen Klubs und seine Stellung zu den anderen Parteien beweisen aber, dass unsere Abgeordneten nicht den rechten Weg eingcschlagcn haben. Dr. Wald mann konstatiert, dass der Referent und sein Gegner Dr. Thon viel Wichtiges hier über unsere Politik, bemerkt haben .dass aber beide die Konsequenzen aus ihren Behauptungen nicht ziehen wollten. Er vergleicht die Ent- Wicklung des Zionismus mit da Geschichte der Sozialdcmokralic. Indem wir zu der Ue! erzeugung gelangt sind, dass wir niclit in der nächsten Zeit den Charter erlangen werden können, mussten wir die Gegenwartsarbeit in Angriff nehmen, um eine Partei des realen Lein.ns zu bleiben. Die politische Tätigkeit mul die Organisierung des jüdischen Volkes ist eine ׳zionistische Arbeit, da sie im vierten Punkt des Baseler Programms als solche liiugestcllt ■wurde. Wer nicht auf dem Standpunkte des Zionismus steht, kann kein Nationaljude sein. Pie Tatsache, dass heuer auffällig wenige Schekel gesammelt wurden, ist noch kein Beweis fiir die Schwäche des Zionisvnus. Anderseits ist das ganze zionistische Leben zum Aus- 4rnck gelangt, und unsere Partei wird im Lande jetzt geachtet. Nur müssen wir ein Programm feststellen, da wir bis nun •lue ein einheitliches Programm in den Kampf gingen. Die zionistische Organisation als solche ’muss sich mit der politi- Mlicu Tätigkeit befassen. Der Redner stellt zuletzt folgenden .Aslrug: Die zionistische Landeskonferenz in Lemberg eraztitlef. dass die Landespolitik zu den wesentlichsten Aufgaben zionistischen Organisation gehört und beauftragt das 2c»walkomitee, alle Schritte vorzunehmen oder vorzubcrelteu, die die Arbeit für die Landespolitik in der zionistischen Organisation möglich und erlaubt machen. Del. M a v c r und Del. Rosmarin kritisieren in scharfen Worten die Taktik des Jüdischen Klubs, und verlangen, dass man in die Sache Klarheit hineinbritigc. Die Politik soll im Rahmen der zionistischen Organisation geführt werden. Del. Neiger verteidigt den ״Jüdischen Klub“ und weist auf seine numerische Schwäche hin. Er fordert die ökonomische Hebung der jüdischen Masse. Da noch eine grosse Anzahl von Delegierten sich zun» Worte gemeldet hat und die Zeit schon vorgerückt ist, schritt man zur Wahl von Generalrednern. Dr. Wurzel pro. tritt für die energische Weiteriührung der politischen Arbeit ein, da dadurch das nationale Selbstbewusstsein der Juden bedeutend gefördert wird. Er verlangt aber die Schaffung einer besonderen national-jüdischen Partei, welche die politischen Agenden übernehmen sollte. Ihr sollen aber nicht nur Zionisten, sondern alle Nationaljudcn angeboren, denn es wäre eine Niederlage für unsere ganze Politik, wenn wir die Zionisten von den Nationaljuden im Lande trennen wollten. Der Redner bekämpft insbesondere den Antrag des Del. Dr. Wald in a n n. Del. Schreiber verweist auf den Widerspruch in dem Referate des Dr. Braude. Entweder ist die zionistische Partei keine politische, dann führen wir überhaupt keine besondere Politik, oder wir wollen uns politisch betätigen, dann muss es die zionistische Partei als solche sein, welche diese Politik zu leiten hätte. Die Politik ist fiir uns eine unvermeidliche Notwendigkeit, weil wir sonst die jüdischen Massen verliere!». Wir waren bis nun schwach, eben darum weil wir die politisehe Tätigkeit nicht anerkennen wollten. Wir müssen die Politik als Zionisten führen oder wir entsagen Jeder reale!» Arbeit um das Wohl unseres Volkes. Del. $ e c l e n f r e u :1 d spricht sich gegen den Antrag Wald mann s aus. Die Politik steht in keinem Zusammenhange mit de»!» eigentlichen zionistischen Programm. Man sagt, sie sei unser Minimalprogramm, während das zionistische Ideal unser Maxintalpregrainn» darstellt. Was werden aber die jüdischen Abgeordneten in» Parlament für dieses .Maximal- Programm tun können? Die zionistische Organisation wird ihre eigentliche Agitationsarbeii weiterführen, da doch nicht alle unsere Aufgaben schon vollffihrt worden sind. In der national-jüdischen Organisation werden wir mit denen allen arbeiten, welche die Verbesserung der elenden Lage, in der sich jetzt unser Volk befindet, erstreben. Del. Dr. L. Reich wendet sich gegen die Ausfiihru!»- gen des Dr. Thon. Die Landespolitik haben wir nicht aus Mandatenjägerei criunden. Das Volk hat von uns die Führung einer besonderen, zionistischen Politik verlangt. Nicht für die Personen hat es sich in dem Wahlkampfe begeistert, sondern für die Idee, für die zionistische Idee, die unsere Kandidaten vertreten. Was aber den Juden nützt nützt auch dem Zionismus. Niemals haben wir ein so intensives nationales Leben bemerkt, als eben jetzt nach den Wahlen. Das aber ist für mich Zionismus und nicht nur das Schckclsammeln. Wenn wir uns Führer des jüdischen Volkes nennen wollea. müsse•־. es wirklich führen. Das Volk aber will sich seine Red eine nationale Politik erkämpfen. Wir stehen jetzt % Frage: sein oder nicht sein! Nicht nur die Lebensfrage der neuen politischen Idee soll jetzt entschieden werden, sondern sogar die Zukunft des Zionismus. Dr. Braudc ergreift nun als Referent das Schlusswort, um zu betonen, dass eine erdrückende Majorität für die W e i t e r f ü 11 r u n g der nationaljüdischcn Politik sich auch in dieser Konferenz ausgesprochen hat. Meinungsverschiedenheit herrscht nur in unseren Reihen in bezug auf die Form dieser politischen Organisation. Der Redner beweist noch einmal, dass wir aus formellen und sachliehen Granden nicht die Möglichkeit haben, im Rahmen der zionistischen Organisation die national-jüdische Politik z« führen. Wir suche!» einen Ausweg u»»d liabcn ihn in der Form gefunden, die ich ihnen vorgeschlagei» hatte. Nun sollte zur Abstimmung geschritten werden. Da aber die Situation noch unklar lind anderseits die Zeit schon $• vorgerückt war. dass cs unmöglich schien, einen so wichtigen Beschluss ohne eine entsprechende Vorbereitung zu iassen — wurde aut Antrag des Del. Horowitz beschlossen, über die Frage des Verhältnisses der zionistischen Organisation zu der politischen Parte» jetzt nicht abzustimmen. Die Entscheidung soll der nächsten Landeskonferenz überlassen werden. Es ergriff noch Dr. Braudc das Wort, um in herzliche« Worten für seine Wahl zum Präsidenten des neuen Zentralkomitees zx danken und im Namen dieses Zentralkomitees