Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651539--05052-2662056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage JUEDISCHE RUNDSCHAU*׳.״־*,«, Aus der zionistischen Bewegung Aus den Ortsgruppen Berlin. Am Dienstag, dem 1. Oktober er. findet in der Jüdisch •nationalen Frauen Vereinigung im E b e r 1 ־ B r ä u, R o s c n 111 a 1 e r s t r. 38, eine S z i m c 11 a 111־ T h 0-f a ־ F c i e r statt, ffiiitrittskarten ä 30 Pfg., Familien־ karten zu •1 Personen 1 Mk. sind abends an der Kasse zu haben. Beginn 9 Uhr. Kattowltz 0. S. Sonntag, den 15. er. erstattete in öfientlichcr Versammlung unser Kongressdelcgicrtcr, Herr Arnold Wiener, Bericht. Der Saal des Hotel Frieser war überfüllt. Gesinnungsgenossen aus benachbarten Gruppen u. a. aus Sosnowicce waren zahlreich erschienen. Die Lokalpresse hatte Vertreter entsandt. Der Referent schilderte zunfichst anschaulich und interessant den äusseren Verlauf. Stimmung und Atmosphäre des Kongresses, die Persönlichkeiten der!)elegierten, und gab daun ein umfassendes Bild der Verliäudjungen und Vorgänge an den einzelnen Tagen, durch ausiiihrlichc Zitate aus den wichtigsten Reden beleuchtet und ergänzt. Kr zeichnete die jetzige, durch den Kongress sanktionierte Politik des Zionismus, die er als eine Synthese der diplomatischen Tätigkeit und der praktischen Arbeit in Palüstina zur ״Schaumig der Bedingungen“ darstellte und gal) einen kurzen Überblick über die durch zionistische Propaganda von anderen Organisationen geschaüenen Institutionen in Krez Israel. An dem Aushau dieser Institutionen mitzuar* beiten, sei die Pilieht aller Juden, die an die Krifillung der nationalen mul religiösen Hoffnungen glauben. Der Zionismus hat bisher der Unterstützung der kapitalkräftigen Kreise unsercs Volkes eutraten müssen und verdankt seine Erfolge lediglich dem Enthusiasmus und der Arbeitsfrcudigkeit seiner Anhänger,?eine wichtigste Aufgabe sei cs, den Willen des Volkes zur nationalen Wcitcrcxistenz zu wecken. Gelinge ihm dies — woran Redner nicht zweifelt — so wäre die Realisierung des zionistischen Endziels verbürgt. Mit Herz.l's Worten: ״Wenn Ihr wollt, ist cs kein Märchen,“ schloss der Referent seine mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausifihrungcn. — Der Leiter der Versammlung. Gg. Dr- Wcissmann, schloss hierauf mit einem Dank au den Delegierten und einem temperamentvollen Appell an die anwesenden Nichtzionisten, zur jüdischen Volksbewegung positiv Stellung zu nehmen, die überaus würdig verlaufene erste Veranstaltung des Wintersemesters. — Während der Kongresswoche fanden zwei gut besuchte interne Versammlungen zwecks Verlesung und Diskussion der Kongressberichte statt. R. Ueber den Zionismus in Russland wird dem CAS in einem Schreiben berichtet: ״Die meisten Teilnehmer entsandte Russland zum Kongress. Dort, wo es den Juden am ärgsten geht, wo ihre Rechte am meisten geiährdet sind und wo gleichzeitig ein bedeutender Teil von ihnen noch ihren Eigentypus, die alten Gebräuche bewahrt hat, dort allerdings fand der Zionismus unter den Juden einen mächtigen und erklärlichen Widerhall. Heute sind die russischen Juden zum grössten Teil bewusste Zionisten und der verstorbene Redakteur der NEUEN FREIEN PRESSE. Dr. fferzl, ist für sie geradezu ein Gegenstand glühender Verehrung geworden. Das Bildnis dieses durch Energie. Opferwilligkeit und Begabung hervorragenden Mannes kann man sowohl im Salon der Reichen, als auch, und dies viel häufiger, in den Hütten der armen Juden Russlands sehen. Es gibt unter den sechs Millionen russischer Juden vielleicht keinen einzigen, der Dr. Hcrzl nicht kennen und ehren würde. Alle ehren ihn. aber das hindert einen grossen Teil der Jugend nicht, die zionistischen Idee zu kritisieren. Es ist dies jene Gruppe der Jungmann- Schaft, welche im sozialdemokratischen ״Bund“ organisiert ist. peu Bundistcn scheint das Rufen nach Errichtung eines eigenen indischen Staates mit veralteten Reiuisikn in der Gestalt eines ständigen Meeres, eines Herrschers, der Diplomatie und anderer, ehemals unerlässlicher Merkmale der Selbständigkeit, heute in der Zeit, wo die Menschheit zur Einigung in gemeinsanier, durchdringender Rcformnrhcit schreitet, als etwas verspätet. Hcrzl fand in dem mährischen Springer (?) einen ״nichtigen Gegner, dessen Projekt der nationalen Autonomie dem Bund bei weitem besser und ausführbarer erscheint als die palästinischen Pläne der Zionisten. Besonders missfallen den jüdischen Sozialisten die Be- Strebungen der Zionisten, in Palästina eine Gruppe jüdischer Kapitalisten, Kauflcutc, Industrieller und hauptsächlich Landwirte zu schaffen und ferner der unverborgene Plan, von dort 1 die jetzige arabische Bevölkerung zu vertreiben. Wie gesagt, ein bedeutender Teil der Jugend Ist gegen den Zionismus, aber dafür ist ihm eine ungeheure Majorität von erfahrenen Männern aus ganzer Seele ergeben. Wir werden uns darüber nicht wundern, wenn wir uns der Verfolgungen erinnern, die der russische Jude erdulden muss. Der russische Jude darf, falls er nicht gewisse Schulen absolviert hat, hinter der Grenze des sogenannten Ansiedelungsrayons nicht wohnen und in diesem jüdischen Gebiete darf er nur bis zu einem gewissen Masse erwerben: auch die Kinder kann er nur in beschränkter Anzahl, soweit dies die I sogenannte prozentuelle Norm gestattet, in die Mittelschule ן schicken. (Wieviel Prozent Juden im Gubernium sind, soviel; Prozent jüdischer Schüler dürfen* in die Mittelschule aufge- ן notnmen werden.) Er kann nicht in den Staatsdienst aufgei notnmen werden und heim Militär kann er cs höchstens bis i zum Gefreiten bringen und dies auch nur dann, wenn er in י die Reserve versetzt wird. j Kann ein v e r n ii n i t i g c r Mensch nach alle- : dem irgend eine besondere Liebe zu Russ- I a n d von der Rasse erwarten, deren Zugehörige in diesem R i e s e 11 r c i c 11 e bei jedem ‘ Schritte Erniedrigung, Unrecht, ja einen i Pogrom zu gewärtigen haben? i Er kam: cs nicht! antwortet Ihr. Aber leider gibt es in j Russland Leute, sogar eine ganze Partei, welche anders denkt. ו Es sind dies die ״scl1warz.cn Hundert“, ein finsterer Haufe, gej iührt von fanatischen Popen, vom niederträchtigen Cinovnik' j und von allerlei Liebhabern der Jagd in trübem Wasser. Die | ״schwarzen Hundert“ verlangen stürmisch, dass man die Rechte | der Juden noch mehr cinschrönkt. dass sie überhaupt keinen 1 Eintritt in die Universitäten haben, dass sic nicht in die Duma! gewählt werden könnten 11 sw. Zu den alten Fesseln ersinnen | sie neue und wunderun sich, dass die Juden Russland fremd sind und werten ihnen Verrat und revolutionären Geist vor. Der Schreiber berichtet ferner, dass die russische Intclligenz den Antisemitismus nicht unterstützt und iiilirt als Zeugen den Priester Griorij Petrow an. der während seiner Haft im Kloster zum Abgeordneten der Stadt Petersburg in die zweite Duma gewählt wurde. / Über die Judenfragc äussert sich Petrow: ״fch erkenne eigentlich eine Judenirage nicht an. Die Judenfrage ist vor allem die Frage Russlands. Wer leidet mehr unter den Judenpogromen, die Juden oder die Russen? Meine Frage erscheint Ihnen zwar eigentümlich, aber sie ist ganz am Platze. Ist denn das furchtbare Bewusstsein, dass mein Volk, meine Brüder schuld sind an dem Blutvcrgicsscn und Raub, für mich erträglicher, als dass mein Bruder seihst ein Opfer der Gewalt geworden ist?" Fiir den Zionismus hat er Worte der Anerkennung. Aber angesichts der Schwierigkeiten, die sich der Realisierung seiner Idee entgcgciistclleu. vertröstet er die Juden auf die schönen Zeiten, ״in denen cs kein Palästina, kein Russland und kein Frankreich geben werde, sondern eine Welt, eine grosse, weite Welt, erfüllt von Menschen, die in einander nichts anderes, als eben nur den Menschen sehen werden. ״Diese Zeit muss kommen, und wird kommen. Ich glaube fest an den endlichen Sieg der Liebe, der Brüderlichkeit und Freiheit." Zu dem Geständnis über die Verfolgungen der Juden durch die Russen stellt dieser Traum von dem paradiesischen Zu- Stande des Friedens in der Welt in einem argen Missverhältnis. Es ist ja doch vorderhand kaum eine Aussicht vorhanden, dass den Juden in Russland die primitivsten Menschenrechte zugestanden werden! Und sollen wir uns noch weiterhin von dem zwar bestrickenden Schlafliede der allgemeinen Menschen- Verbrüderung einlullen lassen? Nein, nur allzulange haben wir kosmopolitische Ideen kolportiert, ohne für uns nur das geringste dadurch erreicht zu haben. Wir haben unsere Taktik geändert. Sie lautet mm: ״Selbsthilfe, Selbstwehr!"