Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ruhig wurde er eröffnet, er tagte, wenn auch zuweilen seine Debatten sich zu besonderer Höhe erhoben, in gemächlicher Ruhe und wurde in vornehmer Ruit3 und Würde geschlossen. Schon rein üusscrlich nahm er sich ganz anders aus als alle andern Kongresse und es ist recht eigentümlich, dass auf diesem achten Kongress, der auf Sokolows Antrag beschloss, dass von jetzt ab das Hebräische die offizielle Kcngressprache sein soll, das Deutsche ganz und gar dominierte, wie auf keiner der vorhergehenden zionistischen Tagungen. Hebräisch wurde sehr wenig gesprochen. Freilich gerade gegen Sokolows Antrag, der deutsch gestellt und deutsch begründet und verteidigt wurde. Dabei hat die Kenntnis der hebräischen Sprache seit dem Entstehen des Kcngrcsszicnismus so ausserordentlich zugenommen, dass mindestens zwei Drittel aller Dcligicrten mehr oder minder gut und flicssend die Sprache ihrer Väter sprechen und in den Wandclgängen des Kongrcssgebätidcs das Hebräische unmittelbar neben dem Deutschen stellt. Das Deutsche selbst erscheint in ,einer besonderen Abart neben der Schriftsprache, in jenem ״Kongressdeutsch“, dessen sich viele der östlichen Redner bedienen, eine Näherung des Jiidischdcutsehcn an die Hochdeutsche Schriftsprache. d>e von deutscher Seite verstanden wird tmd doch jüdischJwMitsch bleibt. Es ist das nicht mit dem ״Daitsch mit Paszachen“ zu verwechsein, da es sich hier um eine organische Weiterbildung des Jiidischdeutsehcn durch Aufnahme neuer Begriffs- Wörter handelt. Russisch, das sonst beinahe mehr als das Deutsche gehört wurde, wird diesmal im Kongresssaal gar nicht gesprochen tmd als einmal zum allgemeine״ Erstaunen doch Dr. Sapir anfing: ״Gospodü“ tmd alles aufmerksam aufhorchte, da war cs auch nur, um die russische Landsmannschaft aufzufordern, sich gemvinsam photographieren zu lassen. Wenn auch bei späteren Kongressen wahrscheinlieh die russielie Sprache wieder mehr gehört werden wird, so ist ■es doch schon heute sicher, dass bereits der neunte Kongress auch ofiiziehe Referate in hebräischer Sprache haben und dass ein grosser Teil der Diskussionen hebräisch geführt werden w ird. Der Kougpcss ist zwar eine dem ganzen Volke und seinem Volksgeiste konforme Erscheinung, erhält aber mehr oder weniger von einzelnen Persönlichkeiten seine Form und sein Gepräge. Früher übte Herzl einen so dominierenden Einfluss aus, dass er dem Kongress Inhalt tmd Farbe gab. Der siebente Kongress erhielt seinen Charakter aut der einen Seite von der russiseh-revolutionäreii Fronde, auf der anderen Seite durch Ussischkin, der sich bemühte, im Hintergründe zu bleiben, während er im Zentrum des Kongresses stand. Auch auf diesem Kongresse konnte eine so kraftvolle Persönlichkeit wie die Ussisehkius. um die sich die grösste Landsmannschaft schart, nicht veriehLn, von grosser Bedeutung zu sein. Rüben Brainin sticht in der territorialistischen NEUEN NA-׳ TIONAL-ZEITUNG in Wien das Geheimnis seines Erfolges in seiner Hartnäckigkeit und in seinem despotischen Charakter. Er verstünde es, sich mit einer Gruppe von Männern zu umgeben, die an seinem Erfolge persönlich interessiert sind. Itn zionistischen Lager sei Ussischkin ein Umstürzler. Das ist eine völlige Verkennung des Mannes. Ussischkin ist unter dm russischen Juden am allerwenigsten ein Revolutionär. Sein Kampf gegen die zionistische Leitung entsprang seiner einzigartigen Anhänglichkeit an. Palästina tmd dui Zionismus. Es ist aber-- sagen w ir —־ — unfair, wenn man die Männer, die in Russland den Zionismus gross gemacht haben, und die mit Ussischkin für das gleiche zionistische Ideal kämpfen, ״an seinem Erfolge persönlich interessiert“ dein lässt. Durch eine solche Beurteilung eines makellosen uneigennützigen Kämpfers sitzt der Kritiker nicht dizsen, sondern sich selbst herab. Ussisehkius Erfolge haben einen ganz andern Grund: Er ist sich selbst treu geblieben und cs gibt eben noch Männer genug, die die kraitvolle Treue gegen sich selbst besser zu schätzen wissen, als das literarisch so leichte schöngeistige heute für dies, morgen für das. Wie stark ־eine Persönlichkeit wirkt, die sich selbst treu bleibt, die sich nicht umwehen lässt von den Sttirmen, die di־.׳ Volksseele* durchbrausen, sondern versteht, die Winde lavierend in seinen Segeln auizutangen, um in seinen Idealen vorw ärts zu kommen, das haben w ir acht Jahre lang an Herzl bewundert, das konnten wir jetzt wieder an seinem vier jahrc älteren Schüler Woliisoll» beobachten. Woiifsolm hat so vieles von Herzl gelernt, die ganze Technik des Kongresses hat •er von ihm übernommen und unwillkürlich tut mau Wolftsolm das Unrecht, ihn dauernd mit Herzl zu vergleichen, um fe.stzustelle.il, dass er doch nicht Herzl sei. Aber etwas anderes, was Woliisohn von Herzl nicht gelernt hat,