Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 368 * JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 35 Kaufleutc hatten sich mit einer Petition an die städtischen I Körperschaften gewandt mit dem Hinweis, dass für diese An- Bestellten, die doch den ganzen Sonnabend frei hätten, der erwähnte Sonder-Arbeitszwang wohl recht und billig und daher zu gestatten sei. Verschiedene jüdische Verkäufer wollen sich nun weigern, diese Sonderarbeit zu verrichten und beabsichtigen, bei Massrcgeluugen das Kaufinannsgcricht anzurufen. Martyrium eines jüdischen Soldaten über unglaubliche Misshandlungen, die ein jiidisehei Soldat in Oglizien erlitten hat, machen die Blätter folgende Mitteilungen. Der Vorfall ereignete sich im 10. Korpsartillcrieregimer.t aus Przemysl, das eben bei Orodek manövriert. Der Kanonier Samuel Henner der zweiten Batterie wurde vom Hauptmann Walluschck wegen eines geringfügigen Disziplinärvergebens zum Rapport befohlen und dort mit fünf Tage!! strengen Arrests und Spangenschliessens verurteilt, obwohl das Spangcnschliesscn bereits abgeschabt ist. Aber was kümmert sich der Hauptmann in einem entlegenen galizisehen Stadt- - chcn, dazu noch während der Manöverzeit, um derartige Vcrbote! Diese Strafe schien dem dieser Batterie angehürenden Leutnant Kafka zu geringfügig, deshalb zitierte er den Henner zu sich, beschimpfte ihn mit den Worten: Blender Saujud“ und dergleichen und befahl den Vormeistern Specht und Hübel, ihn zwei Stunden anzubinden, welche Strafe jetzt beim Militär ebenfalls streng verboten ist. Die Strafe wurde sofort im Beisein des Leutnants, der übrigens nach dem Reglement kein Diszipliuarstrafrecht hat und sich daher mit dieser Massregel eines Missbrauchs der Dienstgewalt schuldig machte, vollzogen. Der Soldat wurde derart an einen Pfahl angebunden, dass er. mit den Bussen den Boden gar nicht berühren konnte, und in diesen Position verblieb er mit kleinen Unterbrechungen, die dazu dienten, den Hängenden bei seinen Ohmuaehtsanfälleti durch Begiessci» mit kaltem Wasser zum Bew usstsein zu briugen, zwei Stunden 25 Minuten, bis ihn ein Blutsturz aus den Händen der Peiniger befreite. Obwohl nach Vollzug der Strafe die Olmmaclttsaiifäile sielt wiederholten und der Soldat über Hitze klagte, wurde er erst nach energischem Vorsprechen der Mutter beim Hatiptmann Walluschck nächsten Tag zur ärztliehen Visite ins Truppenspital Orodek abgeschickt. Dort stellte der Regimentsarzt 39 Orad Hitze und einen ausserordentliche!. Schwäeheziistand fest. Br sandte den Kranken unverzüglich ins üaruisonsspital nach Przemysl ab. Der Vorfall muss im Parlament zur Sprache gebracht werden. ______ Jüdisches Nationalhaus in Czernowitz Die Czcrnowitzer Kultusgcmciudc hat den Beschluss gt fasst, ein eigenes 0 emei n'd e haus un׳J als zentrale:. Nationalhaus ein jüdisches Volkshaus auf Gcmeindekostcn zu errichten. ״Dieses Gemeindehaus soll" — heisst es in dem Aufruf des Kultusratcs *— ״in der Zeit der nationalen Wiedergeburt unseres Volkes ein wahrhaft jüdisches Nationalhaus, eine Pflcgcstätte jüdischer Kultur, jüdischer Wissenschaft und Kunst, eine Samnielstättc, woselbst sich das nationale, kulturell und gesellige Leben der jüdischen Bevölkerung konzentiereu soll, werden.“ Der Bau ist schon in Angriff genommen und soll noch im Laufe dieses Jahres seiner Bestimmung zugeführt werden. Gräuel in Casablanca Aus einen» in Tanger cingclaufenen zuverlässigen Bericht möge eine Stelle hier wiedergegeben werden, der in knappen, aber deshalb auch um so eindringlicher wirkenden Worten die furchtbare Situation schildert, in der sich die jüdischen nm• I woltncr von Casablanca befinden. In dem Bericht heisst cs: 1 ״Im jüdischen Viertel musste ich erschütternde Dinge höre״. Tausende von Juden waren schon am Morgen ins Land hinausgeflohen. Was für Bntbehruugen sie auch erduldet haben, sie sind die Glücklicheren gewesen. Furchtbar wüteten die Raube!• unter den Zurückgebliebenen, ln einem Hause in dem Mellali, dem Judenviertel, wurde eine zahlreiche Familie, einer nach dem andern, hingeschlachtet: nur zwei Angehörige blieben am Leben. Araber waren cingedrungcn und verlangten zu wissen, wo das Geld verborgen sei. Der alte Jude erklärte, er besüssc keines. Das Haus wurde durchstöbert, ein wenig Geld gefunden und dem Alten daraufhin mit einem Türschlüssel der Schädel zerschmettert. Dann packten sie die weinende Brau: sic beteuerte, nicht zu wissen, wo das Geld verborgen sei. Man durchsuchte sie, fand in ihr Kleid eingenäht eine kleine Summe Geldes und schlitzte ihr nun den Leib auf. Alle Angehörigen wurden so hiugemordet. Nur ein Säugling und ein fünfzehnjähriges Mädchen, das ohnmächtig geworden war, blieben verschont. Überall m dem Mellah klingt einem das gleiche Jammern entgegen. Schmutzige alte Männer zerreissen ihre langen Gewänder, heulende Weiber misshandeln vcrzweifelt sich selbst und schreien klagend das Welt um die hingemordeten Angehörigen über die Strasse. Die meisten Einwohner haben tagelang gehungert; und jetzt erst wageti sie sich aus ihren Schlupfwinkeln, stehlen sich verängstigt im Schatten der Mauern dahin und suchen in den Trümmern verwüsteter Läden nach einigen kümmerlicher! Bissen Nahrung.“ (Wie das deutsche Bureau der Alliance mitteilt, hat das Pariser Zcntral-Komitec zur Linderung der augenblicklichen Not den Betrag von 25 (»00 Francs telegraphisch überwiese»».! Kleine Mitteilungen Die antisemitische DEUTSCH!: TAGES-ZE1TUNG schreibt aus Berlin: ״An Stelle des seines Amtes enthobenen Rabbiners Dr. Emil Colm wurde D r. H o c h f e l d zum Rabbiner der Berliner Jüdischen Gemeinde gewählt. Die feierliche Einführung des neuen Rabbiners erfolgte in dem Tempel in der Oranienburger- Strasse, in Gegenwart von Vertretern des Gemciudcvorstandes, der Repräsentanteuvcrsammlung und des Rabbinats. In seiner Antrittspredig♦ mahnte der neue Rabbiner nii deutlicher Ansnielung auf aen Fall Cohn zur Versöhnlichkeit zw ischen den verschiedenen Rmhtimgen innerhalb des Judentums.“ — Die Anstellung des Dr. iiochfeld ist trotz, aller Versöhnungspredigten ein kräftiger Baustschlag •ns Gesicht der konservativen Parte» im Judentum. Berlin. Der Unter richtsminister hat Erhebungen veranlasst, in welchen Fällen der jüdische R e 1 i g i o n s u n t c rrieht noch von Sch ä c h t c r 11 und Vor bet er ח erteilt wird. Die FRANKFURTER ZEITUNG meint, cs bestehe die Absicht, diese Kategorien als Religionslehrer auszusclialten. Die Anregung geht von jüdischen Lehrern aus. Prag. Verband jüdischer Handwerker in Böhmen. Die Statthaltern bewilligte die Statutenänderung des Verbandes, wonach der Verbatidsvorstand unverzinsliche Darlehen an seine Mitglieder bewilligen dar(. Frankfurt a. M. Die neue Synagoge der Israelitischen Rcligionsgesellschaft an der Friedberger Anlage w ird Donnerstag, den 29. August, nachmittags 6‘i! Uhr. eingeweiht. Petersburg. Wie aus Petersburg gemeldet wird, hat der Verband des russischen Volkes an den Zaren eine Adresse gesandt, in welcher der vollständige Ausschluss der Juden von der Duma verlangt wird, damit eine echte russische Duma zustände komme. An den Rand dieser Adresse habe der Zar geschrieben: ״Mit Vergnügen gelesen.“ Geschäftliche Mitteilungen Hamburg-Antcrlka-Lltile. Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagier-Dampfern std. Kaiserin Auguste Victoria. ״ Präsident Lincoln. ״ Blücher. ״ Graf Waldersce. ״ Oceana. ״ Amerika. ״ Pennsylvania. ״ Batavia. Bethania. .. Bethania. ״ Arcadia. ״ Granada. ״ Calabria. ״ Syria. ״ Patagonia. ״ ' Allcmannia. ״ Kronprinzessin Cccili». Sencgatnhia. ״ Sithonia. .. Assyria. finden statt: Nach New־ York: Boston: Baltimore: Philadelphia: New׳ Orleans: Westindien: ״ Mexico: II H ״ Ostasien: Arabiscli-Pers. Dienst 22. 8. 24. 8. 29. 8. 31. 8. 4. 9. 5. 9. 7. 9. 11. 9. 31. 8. 31. 8. 27. 8. 2. 9. 2*1. 8. 24. 8. 1. 9. 28. 8. 14. 9. 25. 8. 30. 8. 24. 8. Po: Grosse Israel. Vergnügungsreise־ nach Palästina. Syrien, Aegypten, Griechenland und Konstantluopel. Die vom Reisebureau ״Tabor“, A. Orajevsky & Co., Jerusalem, im Herbst I. J. veranstaltete Vergnügungsreise nach dem Orient findet starken Anklang unter allen Schichten des Judentums. Es sind bereits aus Deutschland. Oesterreich- Ungarn, Holland. Dänemark und Russland eine solche Anzahl von Anmeldungen zur Reise eingetragen, dass das Stattfinder! der Reise gesichert ist. Die Reise wird demzufolge am b e s t i m tn t e n D a t u tn ab Wien und B u d a -