Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 200 *י — T - ■ - ״-11 m,. - i&btschfc RUNDSCHAU . . . . No. 1)2־ Verbrechen sein? Weit ich ihnen eine aufrechte Stirn und ein erhobenes Haupt gegeben habe, darum soll ich verurteilt sein? Weil ich so zu ihnen war, dass es noch heute eine grosse Zahl von Eltern gibt, die mich hochachten dafür, von Kindern, die mir dankbar sind, so dankbar, dass ich nicht an jenem Gymnasium uni Schul־ Schluss Vorbeigehen darf, ohne dass ein Dutzend Quintarier an meinem Rocke hangen, darum soll ich nicht mehr Rabbiner sein, nicht mehr Lehrer? Verbreitung jüdischen Stolzes, das ist es, was der Direktor Aufhetzung nennt. Und selbst wenn ein übles Verhältnis zwischen christlichen und jüdischen Schülern entstanden wäre, kommt denn in aller Welt niemand auf den Gedanken, dass vielleicht doch etwaige antisemitische Aeusserungcu des einen oder anderen Lehrers auf truchtbarcn Boden gefallen sind?!Muss es denn durchaus der jüdische Religionslehrer gew esen sein, der dks vollbracht hat? Kurz und gut, der Frevel liegt für die Herren auf der Hand. Der ciiristlich c Direktor hat mir gekündigt, Grund genug, dass der Vorstand der jüd i ־ sehen ()ein cinde mir kündigt. Was wiegt ein Rabbiner gegen einen christlichen Gymnasialdirektor? ״Dieses war der erste Fall.“ 2. Die Hcrzlgedcnkrede. Im Juli 1906 wurde ich aufgefordert, in einer ernsten und weihevollen Gedenkfeier — Herr Lilienthal sagt öffentliche Versammlung — die nicht etwa nur von zionistischen und nationaljüdischen Vereinen, sondern auch von Vereinen, die wfeder zionistisch noch nationaljüdisch sind, wie den Vereinen jüdischer Student«1 einberufen war, eine Gedenkrede auf Theodor Herzl, den Menschen und Dichter, zu halten. Am Tage der Gedenkrede wurde ich auf das Gemeindebureau bcrufen, woselbst mir vorgehalten wurde, dass das Halten dfeser Rede den Voraussetzungen widerspräche, unter denen Ich angestellt worden sei. Ich erklärte damals, dass ich nichts von Voraussetzungen wüsste, die mir verböten, bei einem weihevollen und feierlichen Akt in schwarz ausgcschlagenem Saale einem berühmten Juden eine Gedenkrede zu halten. Es handle sich ja nicht um. eine zionistische Propaganda rede, sondern um eine Würdigung Herzls, dem ich persönlich zu Danke verpflichtet war, nur als Menschen und Dichter. Vor zwei Jahren hätte mein Kollege Rabbiner ' D r. Eschelbach er beim Tode Herzls die Trauerrede gehalten, und zwar im Talar als Rabbine r de r Berliner Gemeinde und ohne gerügt zu W erden. Ich wies auch auf die bare Unmöglichkeit einer Absage hin, weil ich mich dadurch in den Augen aller Welt verächtlich gemacht hätte. Ich hielt die Rede. Am 21. August 1906 durfte ich mir in üblicher Weise vom Gemcindeburcau den einstimmigen Rüf?c 1 des Vorstandes abholcn. Der . Ton war der gewöhnliche: Herr J.acoby warf mir Wortbruch vor. Ich sagte: ״Herr Jacoby, ich habe die Rede mitßcbracht, vom Zionismus habe ich nicht gesprochen, ich stelle das Manuskript dem Vorstand zur Verfügung**. Was war die Antwort? ״O, es ist nicht nötig, Herr Doktor! Wir sind schon unterrichte t.V Der Vorstand hatte also seine Spione zur Gedenkfeier geschickt, mein Manuskript w ies er zurück. ,.Dieses war der zweite Fall.“ Bleibt der dritte. F » 3, Mehr Gespräch mit dem Direktor des Mommsengymnasiunis. Von der Darstellung, die ich in meiner Broschüre ״die Geschichte meiner Suspension“ (siehe Anhang) gegeben habe, habe ich nach den Erklärungen des Vor- Stands In keinem Punkte abzugehc». Der Herr Direktor des Mommsengymnasiums ha:, mich zwar, recht spät allerdings, berichtigt, doch ailc seine Berichtigungen treffen die wichtigen vom Gemeindevorstand inkrimtnierten Sätze nicht. Er hat zwar erklärt, ich hätte dennoch gesagt: Jeder Andersdenkende lüge bewusst oder unbewusst. Ich kann ihm diese Erklärung nicht verwehren. Aber dieser Satz will wahrhaftig nichts mehr besagen neben der jetzt nach seiner Er- Klärung und durch sie unwiderleglich feststehenden Tatsache, dass die Erläuterung seiner Niederschrift, so wie ich sie gegeben habe, authentisch Ist. Denn ‘er selbst hat meine Erläuterung gelesen und trotz einer spaltenlangen wortreichen Berichtigung einiger Punkte, aut die ich bereits repliziert habe, gerade über dieser Erläuterung, abgesehen von jenem einen Punkte geschwiegen, somit sic als richtig anerkannt. Die Niederschrift des Herrn Direktor ist also heute nur noch so zu verstehen, wie ich sic erklärt habe. Schaft. Wahrlich, das heisst dann seine heiligsten Gebote verletzen, missachten.“ »;Ich verstehe Sie nicht, Pater Benediktus “ und das stolze Mädchen w arf keck den Kopf zurück und errötete bis über die Ohren. Pater Benediktas fasste das Mädchen an der Hand und deutete mit der Hand nach dem in der Ferne hervorragehdeu ״Pinte-Wald“, um so etwaige Beobachter glauben zu machen, dass zwischen ihm und dem Mäddien nur über die Landschaft unterhandelt werde•; dann führte er das Mädchen in einen abgelegenen Winkel des Balkons und, ohne seinen Blick von der Perspektive abzuwenden, flüsterte er in einem Tone, der dem Zischen der Schlange frappant ähnlich war: ״Zwischen Ihnen, meine Tochter, der vornehmen; Katholikin, Panna Wanda Wischnewieck* und dem russi- » sehen Kosakensohn, dem namenlosen Ketzer, liegt eine unabsehbare Kluft, die durch alle persönlichen Vorzüge des jiMgen Stallmeisters des Pan Potocki nicht überbrückt werden kann.“ .־ ״Was meinen Sie damit, mein Vater,“ fragte das Mädchen verwirrt. ״Dass es.höchst unpassend ist, einen unbedeutenden Menschen an sich zu locken und ihm den Kopf warm zu machen. Sic verletzen dadurch andere und schaden ihm selbst. Das ist eine schwere Sünde.“ ״Mein Vater,“ sagte Wanda mit gezwungenem Lächeln, ״Sie nennen ihn einen Ketzer und nehmen trotzdem an ihm Anteil; ist das keine Sünde?* ״Sic sind ein wenig vorschnell in ihrem Urteile, Panna Wanda. Ich nehme auch an einem Ketzer Anteil, wenn ich die Hoffnung habe, ihn vom Verderben zu retten, ihn auf den Weg der Wahrheit zu führen. Sie aber schaden mit Ihrem .Benehmen meinen Zielen, meinein gottgefälligen Vorhaben. Sic haben mich doch ver- Stände,» meine Tochter?“ ,'Vollkommen, mein Vater, —- Sie wollen nicht, dass ich die edle Panna Oda betrübe,“ bemerkte Wanda lachend. . : . ״Jawohl, ich wünsche es nicht.“ zischte Pater Bene'* diktus und sah das Mädchen mit seinen Krokodiiatigen so durchbohrend an, dass Pa.ina .Wanda erblasste; Mit einem süsser! Lächeln nickte er ihr dann zu und trat zur Seite. i 1