Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 198?JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 20 Darauf grosse Erregung: Wie können Sie so etwas denken? Aber die Berliner Gemeinde kann nicht dulden, dass ihre Kanzeln und Schulen Propagandastätten für die zionistische Partei würden. Darauf erklärte ich: ,Ich fühle mich verletzt durch die Annahme, ich könnte die Kanzel und das Katheder zu politischer Propaganda benutzen. Ich würde es nicht tun. Denn die Kanzel sei eine Tribüne, vor der es keine Diskussion gäbe, und in j der Schule für eine politische Partei zu wirken, sei J dumm. Was aber ein öffentliches Eintreten für den Zionismus betreffe, so könne ich kein Versprechen geben und wolle mich nicht binden. Die Verhältnisse könnten sich ändern. Doch könne ich den Herren von mir erzählen, dass ein Auftreten in Volksver- Sammlungen meiner innersten Natur widerstrebe. Würde mich heute ein Zionist dazu auffordern, so würde ich ihn auslachen. Wenn dem Vorstande dies genüge, gut Wenn nicht, so sei ich nicht sein Mann. Festlegen könne und wolle ich mich nicht. Ich bin Zionist von ganzem Herzen.“ Dies war meine Erklärung. Abgesehen davon, hatte ich noch vor meiner Wahl einem Repräsentanten alle meine nationaljüdischcn Auisätze übergeben, soweit sic in meinem Besitze waren, um jeden Schein zu vermeiden, als wollte ich mit meiner Gesinnung bis nach meiner Wahl hinter dem Berge halten. Ich wurde gewählt. Fast einstimmig. Dio Darstellung des Herrn Lilienthal stimmt mit der meinen im Wesentlichen überein. Nur eines möchte ich ihn fragen. Warum hat er in den Zeitun gen, die seine Rede brachten, nicht ebenso wie in der Repräscntanten-Ver- Sammlung erzählt, dass er die ״wörtliehe“ Erklärung, die er mir in den Mund schob, erst nach meinem Fortgänge zu Protokoll nahm? Muss nicht jeder Unbefangene nach den Zeitungsberichten annehmen• ich hätte eine schriftliche Erklärung abgegeben? Während es nur ein ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung erfolgte Wiedergabe meiner Gedanken ist, die vielleicht mit meinem Wissen ganz anders ausgefallen wäre? Ich folge Herrn Lilienthal und komme zum ersten Punkt der Anklage, betreffend 1• Mein Verhalten am Falkrealgymnaslum. Ich schäme mich, über diesen Fall zu reden. Es ist nicht angenehm, dem Vorstand der grössten Jüdischen Gemeinde Deutschlands eine Blamage nach der anderen zuzuiügcn. Die Blamage, die ich ihm in diesem Punkte bereiten muss, ist zehnmal stärker, als die bezüglich des Hauptfalles. Zunächst: Ist es nicht empörend, dass mir hier in diesem Augenblicke, von dieser Stelle aus ein Fall vorgeworfen wird, der lange v<?r meinem Amtsantritt und auch noch vor meiner Anstellung liegt. Fühlt der Vorstand sich wirklich schon so schwach, dass er meine Vorgeschichte durchstöbern muss? Und dennoch will ich ihm dienen. Der Leser mag sein Urteil fällen. Es wird mir dreierlei zum Vorwurfe gemacht. 1 Propagierung des Zionismus im Falkrealgymnasium, 2. Inkorrektes Verbalten gegenüber einem christlichen Oberlehrer, 3. Aufhetzung der jüdichenSchüler gegen die christlichen. Drei schwere Fälle in der Tat. Ich gehe sic der Reihe nach durch. Von Oktober 1905 bis zu meinem Amtsantritt April 1906 war ich in Vertretung des beurlaubten Prof. Schneider Religionslehrer am Falkrealgymnasium. Als Pensum der Oberstufe war mir von Herrn Prof. Schneider die jüdische Geschichte des 19. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart bestimmt worden. Nachdem ich den Religionsunterricht begonnen hatte, teilte ich dem bereits auf Reisen befindlichen Prof. Schneider meine Penscneintcihmg mit, in der auch bei Behandlung der jüdischen Gegenwart neben den Wohlfahrtsbestrebungen der Zionismus genannt war. Ich habe noch die Antwort Prof. Schneiders, der nicht Zionist ist, auf diese Mitteilung. Hier ist sie: ״ . . . . Ihre Penseneinteilung habe ich mit grossem Interesse gelesen. Sie wird insbesondere denen zu Gute kommen, die Ostern mit dem Einjährigenzeugnis abgehen. Sehr lieb ist mir auch, dass Sie noch zu den Hagiographcn kommen werden .. ..“ Die Penscncinieilung war also von dem Lehrer, der allein das Pensum zu bestimmen hatte, gebilligt, ia, mehr als das, gelobt. Ich habe nun den Zionismus in objcktiver und rein formaler Weise den Schülern in ein bis Spinnen und Fliegen Roman von Bagroff. Aus d. Russ. übersetzt. Drittes Kapitel. Ein kühner Reiter. (Fortsetzung.) In der Tat: in־ diesem Momente schlenderte der Geistliche des Potocki’schen Hauses, Pater Benediktus, ruhigen, schleichenden Schrittes einher. Er war ein langes, bewegliches Skelett von unbestimmter Statur, von Kopf bis Fuss schwarz gekleidet. Auf seinem entblässten Haupte war kein einziges Haar zu sehen. Sein längliches schmales Gesicht war safrangelb. Die stechenden Augen enthielten etwas Schreckliches, Krokolidenhaftes. Die farblosen Lippen zogen sich bis in die Mundwinkel und verliehen dem glattrasierten Gesicht einen Ausdruck tiefster Zerknirschtheit und seeliseher Ruhe zugleich. ,Mein Sohn,“ fragte er den Pan Potocki mit süsser, einschmeichelnder Stimme, ״haben Sie mit Bogdan gesprechen?“ ״Ja, mein Vater,“ antwortete Potocki kurz, und zuckte ungeduldig mit den Achseln. ״Nun?“ ״Ich kann Ihnen nichts Gewisses sagen, Pater Benediktus.“ ״Ich höre, mein Sohn.“ ,!Sie begreifen wohl, mein Vater, dass es mir nicht leicht wird, diesem .... diesem gewöhnlichen Mensehen irgendwelche schmeichelhaften Vorschläge, Versprcchungcn oder dergleichen zu machen. Er kennt sich ohnehin fast nicht mehr." ״Er beträgt sich sehr anständig. Oder sind Sie. mein Sohn, etwa auf Widerstand gestossen?“ ״Nein, das ist es nicht. Ich habe ihm gestern zu verstehen gegeben, was seiner harrt, wenn er zum Katholizismus übertreten wollte, und da antwortete er mir so zweideutig, dass ich ganz konfus wurde. Er ist ein raffinierter, falscher und vorsichtiger Mensch.“ ״Eben deshalb, mein Sohn, eben deshalb brauchen wir ihn. Mir sagt das Herz, dass er gefährlich ist. Und indem wir eine so gefährliche Waffe auf unsere Seite ziehen, gewinnen wir doppelt: wir gewinnen eine neue Kraft und dem Feinde entziehen wir die letzte.“ ״Um dem Feinde die letzte Kraft zu entziehen, gibt