Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Jahrgang Ein Epilog zu den Wahlen Wenn wir die Ergebnisse der Wahlen jetzt noch einmal betrachten, so geschieht das nach geschehener Wall! selbstverständlich ve.1 einem andern Standpunkte aus, als das vor der Wahl geschah. Waren w ir uns alle vor der Wahl darüber einig, dass für die Reichstagswallten das deutsche Reichsrntercsse der Massstab sein müsse, an dem man alle Kandidaturen zu messen habe, so können wir auch getrost nach geschehener Wahl uns über die Bedeutung Rechenschaft geben, die die Wahl und ihre einzelnen Symptome für die Juden insbesondere haben. Wir sind seit Jahren gew öhnt, die Jude.iiragv umcp dem Gesichtsw inkel der Parteien zu betrachten, die angeblich unentwegt iiir die Rechte der Juden eintreten. ln diesem Zusammenhänge hat mau gemäss dem dogmatisch gewordenen Standpunkte lmKsoiei^nder Parteien oft gemeint, die Nationalität der juaeu icugueu zu müssen, um so erst die Berechtigung uer juuv:1t als Bürger durch ihre Zugehörigkeit zur Ueutscuui otainme:»־ »ation* * zu begründen. Biesen fehler hat wenigstens unsere studierende Jugend bereits abgetan und wir haben also keine Veranlassung, mit ihn! zu rechten. Dagegen fühlten wir ohne weiteres uns den links stehenden Parteien verpflichtet, weil sie stets gru.idsätzlieh jede Reaktion ablehnten, die darauf ausgeht, uns aus dem Staatsbiirgerverband auszuschlitsscn. Trotz ihrer cingestandenen persönlichen Abneigung gegen Juden haben Männer wie Virchow und Richter niemals mit den Antisemiten paktiert und am allerwenigsten die vornehmen Naturen eines liacnel oder eines Rickert. Sie wussten, dass es hiesse, dem Liberalismus das Messer an die Kehle zu setzen, wenn man mit einer Partei paktiere, die die Grundlage jedes modernen Staates, die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetze, antastet. Darum konnten wir auch unbesorgt sein, dass, solange solche Männer an der Spitze der freisinnigen Parteien standen, niemals die Parole ausgegeben werden könnte, den Antisemiten als das kleinere Uebcl anzusehen. . . Wie ganz anders war es bei den diesmaligen Wahlen. In der von Juden so stark bewohnten Stadt Frankfurt feierte bei der Verkündigung des Stichwahlergebnisses der offizielle Redner der Freisinnigen die treue Bundesgenossenschaft der ״Mittelstandsvereinigung“, wie sich die dortigen Antisemiten euphemistisch j zu nennen bvlkbcn. Doch das war nur eine kleine Episode, ln zehn Wahlkreisen, nämlich in Esch weg., ' Uarn;w11>Elhericld, Kassel, Wauzleben, Marburg, Holz- * minden, Eisenach, Giessen. Gosslar und Weimar sind die antisemitischen Kandidaten mit Hilfe der Nationalliberalen, vor allem aber der Freisinnigen gewählt worden. Wir stellen das ohne Bitterkeit fest, weil wir durch diese Tatsache keineswegs überrascht sind. Wenn der Ztntralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens etwas anderes erwartet hat, so zeigt das nur, dass er unsere freisinnigen Parteien von heute nicht zur Genüge kennt. Er w ird Gelegenheit haben, zu erfahren, dass diese Parteien, abgesehen vielleicht von der kleinen früher nationalsozial gewesenen Gruppe um Naumann und den alten Freunden Rickerts um Barth in der Judenfrage nicht den Standpunkt vertreten, den er bei iibe - raien Parteien voruuss-.tzen zu dürfen glaubt. Dass auch die deutsche bczia.d-.iuckratie ausgesprochenen Antisemiten, aie nur ziuau.g 1.1—!.t zur a1*1isen11t^c1ien Fraktion gehören, in den Satten tiali uau daoei in inrem Eifer .Männer wie den Demokraten Prüf. Quidde den Zugang zum Mandat unmöglich machte, hat weniger Bedeutung. Viel mehr hat es uns verletzt, dass die ireisinnige Volkspartei getaufte Juden wie Mugdan und Heckscher zu Mandaten im Reichstag־ berief, deren Uebertritt ja ganz sicher aus ״reiner Ueberzeugung“ geschehen ist, die uns aber dadurch für ungeeignet zum Reichstag als Vertreter des Liberalismus erscheinen, dass ihr religiöser Eher ein allzugrosser sein muss, dass sie eben aus reiner Ueberzeugung überzutreten sich bemüssigt fanden. Denn wären sie nicht aus Ueberzeugung, sondern aus äusserliehen Motiven übergetreten, so hätten sie doch wahrlich nicht die Qualität, das höchste Mandat innezuhaben, das das deutsche Volk zu vergeben hat, es •sei denn in der antisemitischen Fraktion, in der Männer wie Ahlwardt und Kräsell ebenfalls am Platze waren. Wenn wir aus den Wahlen irgend eine Lehre für uns selber ziehen können, so ist es die. dass die kleine Handvoll deutscher Juden, die sich nicht vermehrt, sondern vermindert haben, ihrer Schwäche bewusst werden und allmählich erkennen müssen, dass sie zwar nechtiich Bürger des Reichs, in manchem Sirv;1־e aber faktisch nur Schutzjuden sind. Wenn sie sich dies klar vor Augen halten, worden sie an die politische Zukunft 1.1 Deutschland nicht allzuhoch gespannte Anforderungen stellen, werden aber auch nicht enttäuscht werden, wie so oft bisher. Vielleicht werden sie aber Anlass nehmen.