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Jüdische Rundschau · 1907-02-01 · Heft 5 (1.2.1907) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 5 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Niederlage der internationalen Sozialdemokratie bei den liauptwahlen ist unverkennbar und um so bedeutsamer, als sie allen Parteien überraschend gekommen ist, den Siegern noch viel mehr als den Besiegten.; Denn es ist kein Zweifel, dass die andern Parteien, die den Sieg davon getragen haben, sich beinahe in der Lage befinden, die mehr Glück als Verstand voraussetzt. Sie waren alle auf eine grosse Niederlage vorbereitet und der Sieg fiel ihnen so unerwartet in den Schoss, dass die Freude, die sie darüber äusserten, zugleich das Eingeständnis ihrer eigenen Schwache sein kann. Besonders die liberalen Parteien, die das Gefühl hatten und es trotz der augenblicklichen Wahleriolge nicht losw erden können, dass sie einer absterbenden Richtung angehören, sind durch das Glück, das ihnen zuteil wurde, mehr als überrascht worden. Sie wissen zu gut, dass sie weniger der eigenen tüchtigen Arbeit, als den Fehlern der Sozialdemokratie den Erfolg ve־rdanken, und dass sie ohne die Parole der Regi e r u ng, die ihnen günstig zu sein *schien,. nur einen weiteren Rückgang erfahren hätten. Das Ansehen der Regierung, die nach den Wahlen durch einen Kaiserlichen Gnadenerlass gezeigt hat, dass sie freiwillig als Siegerin gibt, was sie sich niemals hat abtrotzen lassen,' hat ihnen mehr genützt, als ihre eigene Krait. Nur eine intensive Arbeit kann ihnen das neue Leben einflössen, dessen sie bedürfen, wenn sie dauernd auf die Gestaltiing des Reiches einen Einfluss ausiiben wollen. Dieses innere Leben war dem liberalen Bürgertum in den letzten Jahrzehnten recht sehr abhanden gekommen. Mit Recht zerbricht sich daher die liberale Presse zur Zeit mehr darüber den Kopf, welche Fehler die Sozialdemokratie gemacht hat, als w׳elche Vorzüge sie selber hat. Der Grundfehler der internationalen Sozialdemokratic ist aber ihre gründlich verfehlte Geschichtsauffassung, die zwar dogmatisch konsequent ist, aber alle historischen Ta t s a c h e n ausser Rechnung setzt. Während die Sozialdemokratie gar nicht wenig an die idea len Triebe im Volksleben appellieren möchte, leugnet sie alle Einwirkungen, die nicht ökonomischer Natur sind. Darum bekennt sie sich zum antinationalen Programm, das sie irrtümlicherweise international nennt, und doch sieht sie sich nicht all.zuselten In. der Lage, die einzige Partei zu sein, die wirklich grosse nationale Ziele in dem deutschen Reichstag vor Augen hat und wirklich grosse nationale Gesichtspunkte, entwickelt. Aber diese nationalen Gesichtspunkte werden ihr selbst durch ihr ialsch.es internationales Dogma verdunkelt. Mit dem Dogma, von der Entnationalisierung der Weltgeschichte hat sie sich das Augenmass für die welthistorischen Ereignisse be-, nommen. Wenn sie daher mit anerkennenswerter Offenheit in kolonialen Fragen, die Finger in wunde Stellen legt, so schüttet sie zugleich mit dem Bade das Kind aus. Denn Kolonisation ist notwendig, ebenso wie die Unterdrückung und landwucherische Ausbeutung der Eingeborenen verbrecherisch ist und die Kolonisation nicht hebt, sondern lierabdriickt. Sie vertritt .iu : der Judenfrage den Standpunkt der Gerechtigkeit, und keiner unter uns kann sagen, dass sie trotz aller antisemitischen Regungen der Herren Calwer und Genossen und trotz der gelegentlichen Ausbrüche eines immanenten Judenhasses nicht immer ihre vornehmsten Kämpfer ins Feld geschickt hat, wenn es galt, schweres Unrecht zu rügen, das den Jüdischen Bürgern zuteil wird.; Aber in der Partei selbst herrscht das Dogma des falschen Internationalismus und von diesem Dogma aus wird die Judenfrage, die eine durchaus nationale ist, falsch beurteilt. So kommt es, dass dieselben Genossen, die für den freisinnigen getauften Juden Mugdan die richtigen Worte des Hohnes und Spottes finden, getaufte Juden wie Gradnauer, dessen Taufe doch unter erschwerenden Umständen erfolgte, unbeanstandet unter sich dulden. Fiir ihre Auffassung der Judenehre ist es bezeichnend, dass bei der Judenfrage regelmässig Nichtjuden als Judenschützer vorgeschickt werden, während ihre zahlreichen Juden sielt vorsichtig ausschweigen. Die internationale Sozialdemokratie weiss sehr wohl, dass sie den russischen Juden nichts, aber gar nichts zur Besserung ihrer entsetzlichen Lage bringen wird Mitd kann, aber sie benutzt diese grausige Lage der russischen Juden, um diese unglückliche Voiksmassc für sich in den Kampf zu schicken, uni mit ihrem Blute das Feld zu düngen, auf dem die Sozialdemokratie eines andern Volkes ernten will. Sie ist international .und hält allen Tatsachen gegenüber dieses Dogma aufrecht, aber sie ist opportunistisch genug, den durch und durch nationalen russischem Juden vorzuspiegeln, dass ein nationaljüdischer Arberterbund in der Internationale Platz finde, um dieses Nationaljudentum antinational durchdrungen und zersetzen zu können. .Dass sie gerade V

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