Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 43 No. 4 JÜDISCHE Zionisten und Wahfbewegung Lemberg, 18. Januar. In Anwesenheit von etwa *10 Dclcgierten fand gestern ein Vertrauensmännertag der Zionistischen Partei Galiziens statt, zu welchem Delegierte der ost- und wcstgalizischan Städte eingetroffen waren. Art das Referat des Zionistem'tihrers Dr. Adoli Stand über die politische Lage und die nächsten Aufgaben der Zconistenpartei knüpfte sich eine lebhafte Diskussion. Es wurde einstimmig eine Resolution beschlossen, durch welche 1. die zionistischen Kandidaten verpflichtet werden, im Falle ihrer Wahl die Gründung eines jüdäschen pariamentarischen Klubs anzustreben. wobei der Eintritt in eitlen anderen nationalen parlamentarischen Klub und somit auch in den Polenklub ausgeschlossen bleibt; 2. Wahlkompromisso mit Irgendwelchen Parteien können nur unter der Bedingung geschlossen werden, dass dcc jüdisch-national: Individualität nicht darunter leidet; 3. die herannahende Wahlkampagne für den Reichsrat ist zu einer energischen Agitation behufs Weckung des Nationalbewusstseins, Organisierung des Jüdisehen Volkes tmd Bekämpfung jedwedir politischen Korruption und politischen Demoralisation zu benützen. Zum zweiten Punkte der Tagesordnung ״Taktik“ wurde folgende Resolution beseeltlossen: Der Parteitag bestimmt, dass bei den nächsten Reichsratswahlen nicht nur zionistische.sondern auch jüdisch-nationale Kandidaten, welche sich betreffs der Landespolitik der 710nfctischcn Parteileitung unterstellen, aufgestellt werden dürfen. Der Parteitag bescliiitsst. dasss jüdische Kandidaten nicht nur in rein jüdischen Wahlkreisen, sondern auch in jenen Wahlkteisen aufgestellt werden sollen, in welchem Jüdin in grösserer Anzahl wohnen. Die Zionisten beabsichtigen in folgenden Wahlkreisen Kandidaten aufzustellen: Im jüdischen Wahlkreise Lemberg den Advokaten Dr. Zinscr, im Städtebezirke Drohubycz-Stryj den Advokaten Dr. Malz, im Bezirke Stanislau den Rabbiner Dr. Braude. in Kolotnea den Wiener Zionistenführer Dr. Schallt. Briet aus Wilna Von einem mit dem Zentralkomitee der russischen zionistische:! Organ sation in enger Fühlung stehenden Korrespondeaten erhalten wir iolg.itde Zuschriit: Bald nach dem Helsingforser Delegiertentag konstituierte sich das dort gewählte Zentralkomitee. Von den vier auswärtigen Mitgliedern, die ins Komitee gewählt worden sind, sind drei nach Wilna übersiedelt, und zwar: Rechtsanwalt S. Rosenbaum, Dr. D. Pasmanik und L. Jane. Es begann eine äusserst intensive, energische Arbeit des neuen Kollegiums, Die Beschlüsse des Delegiertcntagcs wurden zusammengefasst, systematisiert und in Druck gelegt. Gleichzeitig wurde das umfassende Zirkular No. 1 (in der vorigen und der vorliegenden Nummer der WELT veröffentlicht) über den Delegiertcntag erlassen, und die taktischen Pläne der zionistischen Organisation für die Wahlkampagne ausgcarb.itet und in Zirkular No. 2 niedergelegt. Ein sorgfältig aufgearbeiteter Wahlaufruf (von der WELT veröffentlicht.) war in 80 000 Exemplaren in russischer und jüdischer Sprache verbreitet worden und noch immer treffen Bestellungen darauf ein. Gleichzeitig w.irde an den Entwurf eines systematischen Organisationsplanes herangegangen. Es wurden zu diesem Bchufc vorläufig fürs erste zehn jüngere agitatorische Kräfte nach Wilna eingeladen, die mit einheitlichen Instruktionen in verschiedene Orte entsendet werden sollten, wo die zionistische Arbeit im abgelaufenen Jahre unter dem Mangel an Agitation gelitten hatte. Aui der ersten Sitzung nun. die am Donnerstag, dem 28. Dezember a. St. stattfand und auf der die Herren Rosenbaum. Pasmanik und Lurie den für die Agitation ausersehenen Personen die Instruktionen und nötigen Aufklärungen zu erteilen hatten, erschien die Polizei und verhaftete die ganze Gesellschaft. Die Versammlung bestand aus 19 Personen. Ausser den oben Genannten war auch Herr Leo M o t z k i u anwesend, der vor einigen Tagen zur Beratung über manche Fragen der Wahl- Politik in .Südwestrussland beim Z.-K. in Wilna eingetroffen war. Die Namen der übrigen männlichen und weiblichen Teilnehmer an der Satzung sind wohl den westlichen Zionisten wenig bekannt. (Tir. Bergmann. Bass. Karol. Gorclik. Wolowelskl Taneiscw. Katzencllsohn. Gin, Puffko. Fri. Leibowitz etc.) Die Sitzung fand im Lokal der Redaktion DAS JÜDISCHE VOLK statt. Die Untersuchung des Lokales dauerte über 2 Stunden. Konfisziert wurden sämtliche Handschriften und Papiere der Zeitschrift. Auch das Protokollbuch des Z.-K. uml sonstige Dokumente wurden beschlagnahmt. Sämtliche 19 Personen wurden ins Gefängnis ״unter passender Ehrenwache" . abgeführt. Da es um 4 Uhr nachmittags geschah, erregte cs ungeheures Aufsehen. Die Verhaftung wurde auf Befehl der Gendarmerie ausgeführt. Die letztere erhielt aus Petersburg Benachrichtigung, dass am 27. oder 28. eine Kon#'.renz statt¬ Rundschau gefunden habe. Die Spionage wurde gleich auf die Lokalitäten des Z.-K. und der Redaktion des Partciblattcs, die in einem Hause plaziert sind, gerichtet. Es ist schon der vierte Tag. und die Verhafteten sitzen noch fest. Die drei Mitglieder des Zentralkomitees, die in Wilna in Freiheit geblieben sind (das dritte ist zur Anteilnahme an der Wahlkampagne inzwischen abgereist) wandten alles auf, um die Befreiung durchzusetzen. Wie es scheint, hängt aber das weitere Schicksal nicht von hier, sondern von Petersburg ab. Bei dieser Gelegenheit wird wohl endeiltig die Frage des Verhaltens des Ministeriums des Innern gegenüber der Tätigkeit des Zentralkomitees der zionistischen Organisation entschieden werden müssen. Sonnabend, den 30. Dezember abends, wurde eine Sendung — ca. 2000 — unserer Wahlaufrufe auf dem Bahnhofe angehaltan und der die Sendung abfertigende Kommis verhaftet, aber am folgenden Tage freigelassen. Sonntag früh fand eine Konfiszierung der Wahlaufrufe in der Druckerei selbst, wo dieselben gerade in der Maschine waren, statt. Auf die Antwort des Druckereih:sitzers, dass er sämtliche vorgeschricbetten Formalitäten befolgt und eine Bescheinigung des Zensors habe, dass derselbe gegen den Inhalt nichts einzuwenden hat. erfolgte die brüske Bemerkung, dass für die Gendarmerie die Ansichten des Zensors nicht massgebend sind. Ahg.sehen von den Repressalien der Polizei, wird die zionistische Organisation noch von zwei anderen Seiten in heftigster WV.'ise angegriffen. Der eine Gegner ist der ״Bund“, dessen Parteiblätter eine gute Hälfte ihrer publizistischen Artikel und Korrespondenzen dem Zionismus widmen und in gehässigster Weise, ganz im Tone von NO WO JE \\ REM 1A, die Zionisten verleumden und anfeinden. Als dritter Gegner endlich präsentieren sich die verkappten Assimilatoren des Vereins der Vollberechtigung. die eine Extra- Organisation zu diesem Zwecke geschaffen haben, die jüdische Volksgruppe. Aber darüber ein zweites Mal. Wie ein Telegramm aus Wilna meldet, sind indessen alle Verhafteten freigegeben worden. Wahlmachinaiionen in der Provinz Man schreibt aus Starodub (Gouvernement Tschernigow): Die hiesige Stadtverwaltung (das Stadthaupt ist zugleich Vize- Präsident der Filiale des ״Verbandes des Russischen Volkes", der bei den •letzten Wahlen nur durch zwei Stimmen gewählt worden ist) hat ganz willkürlich aus der alten Wählerliste 20 Vc der Wähler, hauptsächlich Juden, gestrichen. Unter den gestrichenen befinden sich Hausbesitzer. Wohnungsmieter von denen manche scIiqii 2 Jahre Wohnungssteuern zahlen. Es sind gegen -100 Klagen eingereicht, und es ist ein Telegramm an den Ministerpräsidenten Stoiypin geschickt worden. Die mit dem ״Verbände des Russischen Volkes“ sympathisierende Stadtverwaltung will die Stadt in einige Bezirke teilen und die Wahlurnen in jeder der 5 Vorstädte aufstellen, wo die Altgläubigen wohnen, mit deren Hilfe man den Sieg der Reaktionäre zu erlangen hofft. Die Versammlungen der Kleingrundbesitzer will matt in der Stadt abhalten, und dann werden viele, um an diesen Versammlungen teilnehmen zu können, eine Reise von 100 Kilometer machen müssen. Jüdische Universität in Philadelphia Aus Amerika wird berichtet: In seinem letzten Willen hatte der im vorigen .!ab.re verstorbene Moses A. Dropsie, ein Rechtsgclehrter in Philadelphia, folgendes verfügt: ״Di sich in den Vereinigten Staaten das wachsende Bedürfnis einer gründlicheren und systematischeren Erziehung in jüdischen Wissen längst fühlbar macht und allen wahren Juden, die die Religion ihrer Vorfahren lieben, Gegenstand der Besorgnis ist. soll eine Anstalt für das Studium der Bibel und der gesamtn jüdischen Literatur gegründet werden. Es ist mein Wunsch, dass diese Lehranstalt den Studierenden leicht zugänglich sei; da ich glaube, dass der Zweig des Wissens, der in ihr gepflegt werden soll in allgemeinen gelehrten Anstalten nicht leicht zugänglicl! ist und er mir auch für die grosse Gesamtheit sehr nützlich zu sein scheint, bestimme ich, dass bei der Zulassung von Studierenden kein Untcrsch'ed in bezug auf Glaube. Farbe oder Geschlecht gemacht werden." — Nun meldet der AMER. HEBREW vom 26. Oktober: Zum Zwecke dieser Lehranstalt hat M. A. Dropsie ein Kapital von ungefähr 5000 00־ Dollars (3 200 000 Mark) hintcrlnssen. Zu den Testamentsvollstreckern gehören Richter Sulzhecger, Oskar S. Straus (der neue Handels. ministcrLDr. Cyrus Adler. Dr. Harry Friedenwald, die besten Namen der amerikanischen Judenhcit. Nach mehreren vorausgegangenen Beratungen hat das Komitee der Tcstamantsvoll- Strecker in einer am 21. Oktober v. J. in Philadelphia, abgehaltencn Sitzung beschlossen, um die staatliche Bewilligung zur Gründung einer Lehranstalt unter dem Namen ״The Jewish