Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1906)
- Date
- 1906-12-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651499--04264-2661229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 780 JÜDISCHE RUNDSCHAU \ s Beifall noch den Walzer aus .,Romeo und Jula“ hinzufügen musste. Nit Herrn Bruno Dessa sang sie dann iiuch das Duett des Don Josö und der Micacla aus ..Carmen“, das nicht minder bejubelt wurde. Ein Trio der Herren Martin Ajchkanasj• (Klavier). Mark Pinctte (Violine) und Sakolovyski (Cello) und jfdisch-dcutschc Gesänge des Herrn Behr — beides sehr schöne Leistungen — bildeten deu Schluss des zweiten Teils. Der dritte Teil brachte zwei lebende Blder: .Zurück!", eine Szene vorn Einwanderungsamt in New York, und ״Wenn ihr wollt, Kt.es kein Märchen“, die Begriissuitg einwandernder Juden in Jaiia. dem Hafen Paläst nas. wobei das Nationalticd, das ..Hatikwch" von der Versimn lung gesungen wurde. Herr Martin Aschkarasy emledigte sich seiner schwierigen Rolle als Begleitung am Klavier mit Geschick und Verständnis. Die ־Konzert!! usik hatten die IS. Pioniere gestellt. Den Abschluss des ganzen, nach jeder Richtung hin wohlgclnngcnen Festes bildete ein Ball. Hamburg. Am Vormittag des 12. Dezember wurde Gustav G. Cohen, der Ehrenpräsident der zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona, zur letzten Ruhe bestattet. Ein Rundschreiben hatte die hiesigen Gesinnungsgenossen aufgciordcrt dem Vcr- Llichenen die letzte Ehre zu erweisen, und viele leisteten dem Rufe folge. Unter der grossen Zahl Leidtragender, die sich irr» Sterbehause cingefur.den hatten, bemerkte man Senator Räbler. Schulrat Dr. Stuhlmann von der Gewerbeschule, Deputationen getneinnfitziger Ansraiten, in deren Verwaltungen Cohen tätig gewesen war. In der Mitte des Parterresaales, der mit Trauerdekorationen versehen war, war der mit kostbaren Blumen und Kränzen geschmückte Sarg aufgebahrt. Unter den Kränzen fielen besonders auf d.e der Verwaltung des Blindenasyls von 1S30. der Gewerbeschule für Mädchen, der hltriede־Salomo:t־St:!tung. der Pfleglinge der Blindenanstalt usw. Die Feier wurde durch einen stimmungsvollen Gesang des Tempelchores cingefcitet Darauf hielt der Scnwicgersonn des Verewigten Prof. Dr. Warburz- Berlin, die Trauerrede. <Er schilderte den Lebensgang Cohens und würdigte In bewegten Wörter, seine Geistesgaben. seine Güte, seine schlichte, vornehme bw'heidcnheit. die sich auch in dem letzten Wunsche des Verblichenen ansserte, man möge ihn nach seinem Tode nicht loben, denn er *»abc auch Fehler besessen. Den Armen und Bedürftigen ist er stets ein Hclier und Berate!, den Seinen ein von unendlicher Liebe erfüllter Gatte und Vater gewesen. Die letzten Jalne seines Lebens waren ganz der Arbeit für die Sache seines Volkes, für den Zionismus, gewidmet. Er war einer der ersten Künder des jüdischen Votksgedankcns, und die Beschäftigung mit dieser Idee und ihrer praktischen Durchführung löste In ihm eine solche Summe von Tatkraft, Gedankenarbeit und Opferfreudigkeit aus dass er sich fÖrm.Hcn verjüngte. Alle, die ihm nahestanden. schätzten die Lauterkeit seines Charakters, seinen Drang nach Wahrheit und Schönheit. Tief ergrffen lauschte die Trauer Versammlung der Rede, die in eindrucksvoller Weise die Bedeutung des Zionismus und die Stellung Cohens in ihm darlegte. Nun wurde der Sarg auf den Leichenwagen gehoben und der imposante Leichenzug bewegte sich nach dem Krematorium in Ohlsdorf. Zahlreiche Gessinnungsgenossen. darunter der gesamte Vorstand unserer Ortsgruppe, folgten dorthin. Bevor die Einäscherung stattfand, widmete Dr. Hantke-Berlin im Namen des Grossen Zionistischen Aktionskomitees dem Dahingesch edenen tief empfundene Worte des Abschiedes. Er rühmte das Pflichtgefühl des greisen Kämpfers und seine Verdienste um den Zionismus. Er wird uns allen ein leuchtendes Beispiel bleiben, und sein Andenken wird unvergessen sein. Hamburg. Die diesjährige Makkabäcrieicr der zionistisehen Ortsgruppe ist unter grosser Bctcil'gung verlaufen. Festrede: Rabbiner Dr. Schornstein- Kopenhagen: Prolog: Frl. Engel; Rezitationen: Max Mouton von! Deutschen Schauspielhaus; Lieder: Frl. Tuck er: Klavier: Frl. Ros e n b e r g. Ball; Kaffeetafel; Tombola. Um das Gelingen hat sich besonders Dr. Huldschiner verdient gemacht. Hamburg. Herr Rabbiner Dr. Nobel, der Präsident aer MIsrachi-Gruppe. •st in Hamburg' zum zweiten Gemeinde- Rabbiner gewählt worden. Mannheim. Die Zionist:schc Ortsgruppe hier veranstaltete am 12. Dezember in den Sälen des Ballhauses eine Makkabäerfeier mit daraufiolgcnden! Ball, und wir haben die Freude, koustaticrcn zu können, dass es eine der schönsten, eine der g*- lungensten dieser schon eine Reihe von Jahren stattiindenden Veranstaltungen war. Mit einem kurzen. •.U. inhaltlichen Prolog, dessen Worte wie wuchtige Hammerschläge niedersausten, wurde die Feier eingeleitet. Dann wurden die Charuikka-Lichter angezündet und von der ganzen niehrbundertköpfigen Versammlung das **ב ץ ז צו gesungen. Und das letztere machte einen ganz wunderbaren Eindruck. Ein ״Flimmern und Leuchten" lag auf den Gesichtern ein No. 52 Zucken, wie vor! verhaltenem Stöhnen, zeigte dem aufmerksamen Beobachter, dass cs .,längst verklungene", aber nie ״vcrgessene" Töne waren, die aus dem altjüdischen Elternhaus.- her wehmütig süsse Erinnerungen ins Ohr zauberten. Die Festrede des Herrn Julius Simon, die nun folgte und die den ״tiefsten ergreifendsten" Eindruck machte, verhehlte ihre Wirkung nicht — und man lauschte ihr in atemloser Stille. Zwei Lieder, von einem Künstler in meisterhafter Weise vorgetragen, schloss die schöne Vorfeier und den ernsten Teil des Festes. Die eigentliche Belustigung־, der Ball, setzte nun ein und die zahlrcch vertretene Jugend stürmte lustig den liebliehen Weisen der Walzer und Mazurka entgegen. Aber auch bei den ״Aclteren" und ״Alten" herrschte eine ungeteilte, eine einheitliche Frohstimmucg. Das Fehlen jedes Klasscngcgcusatzes. das Zusammengehörigkeitsgefühl der hier vertretenen verschiedenen Elemente machte sich in der wohltuendsten Weise iiihlbar. Die ganze Tcilnchmcrsclvafi gab sich restlos dieser idealen Festesfreude hin. Kein einziger Misstom nicht die leiseste Unterströmung irgend welchen, Unbehagens störte sie. Bis zum frühen Morgen zog sich diese echt jüdische, in massvollcn Grenzen gehaltene Fröhlichkeit bin und den um vier Uhr Heimkehrenden wird die Makkabäerfcier noch lange eine schöne und nachhaltige Erinnerung sein. eg. Oberehnheim. Am Donnerstag, den 13. Dezember, fand in der Turnhalle der israelitischen Gewerbeschule eine Versäum!- lung statt, einberuien von dem Koimnitee des neugegründeten jüdischer. Turnvereins. L'cbcr 100 Personen waren der Einladunng gefolgt. Herr Redakteur Berger aus Celn hielt einen Vortrag über die jüdische Turnbewegung. Die Yersamruhing nahm die interessanten Ausführungen mit grossem Beifall aut. Es entspann sich eine lebhafte Diskussion, in der vor allem die bekannten Ratschläge auf Untcrtauchen und Vermischen und Warnungen vor Absonderung zum Besten gegeben wurde״. Der Herr Berger wies alle Angriffe und Vorwürfe ecscKcki zurück. Der Erfolg des Abends waren sofort ca. 50 Mitglieder. Der junge Verein hat die besten Aussichten, gross zu werden, wenn es gelingt, übereifrige Parteibcstrebungen iernzuhalten. Saargenmnd. 19. Dez. Die ganze Stadt steht unter dem Eindruck eines hier gestern abend stattgefundenen Vortrags über ״Modernes Judentum". Referent war Herr Redakteur Be r g c r aus Cöln. Der Gruppenverband hat erst im letzten Augenblick sich entschlossen, die Propaganda auf diesen über 500 Juden zählenden Platz auszudelmcn weil verschiedene Umstände gezeigt hatten, dass die Assimilation alles beherrschte. Insbesondere schien der Rabbiner Dr. Drcyfus sowie die iührenden Familien jedem Streben nach ..rechts" abgeneigt. Dieser Tendenz steht gar nicht gegenüber, dass gerade hier die Wohltätigkeit Grosses leistet und der Litcraturvcrein weit und breit der einzige ist, der regelmässige Sitzungen hält. Doch wir hatten uns zu unserer Freude getäuscht. Ueber 100 Personen, darunter die besten Familien, erschienen zu dem Abend, ln dieser stattlichen Versammlung hielt Herr Berger eine zündende Rede. Nicht Wohltätigkeitszionismus wurde hier gepredigt, sendern der Nationalismus in historischer Betrachtung aufgcbaut. Mit guter Verwertung eines reichen Tatsachenmaterials wurde in streng logischer Konsequenz gezeigt, dass die Jude!,- trage für den Einzelnen wie für die Gesamtheit nur eir.^ einzige Lösung hat: Rückkehr zum Judentum. Rückkehr zum Vaterland. Die moralische Halbheit oder Krankheit des modernen Juden riihrt von dem Mangel der Verbindung mit dem Boden, dem wir entwachsen, der Kulturwelt, der wir entstammen, her. Die Notlage der grossen Masse, die anormalen und unhaltbar;״ Lebensbedingungen von 8 Millionen Juden ist die traurige Begleiterscheinung des einzigartigen Lebens eines grossen, stärkt:״ Volkes ohne Boden. Die ganze Kette dieser psychologischen und soz'alen Gedanken, zu denen noch ethische und kulturelle Momente kommen .verwoben und verknüpft in einem Mensehen von Gefühl, erzeugt den Zionismus. — Ein Sturm von Beifall folgte dem Vortrag, dem alle ohne Ausnahme 2 Stunden mit der grössten Aufmerksamkeit gefolgt waren. Und als dam» der Vorstizende. Herr Rabbiner Dr. Dreyfus. aufstand und mit Pathos erklärte: ..Ich bin eh! Feind des Zionismus, alle Rabbincr sind Feinde des Zionismus und alle grossen Vereine sind Feinde des Zionismus. Wir wollen Deutsche und Franzosen sein, d'c grossen Wohltätigkeitsvcreinc werden d׳e Judenfrage schon lösen,“ da war es wie in den Wind gesprochen. Das Aufgbot der ganzen Autorität half nichts mehr, das Eis war gebrochen. Als Herr Berger die Ein wände leicht widerlegte und immer neue Momente vorbrachtc, da klatschte ihm die Versammlung jubelnd Beifall. Besonders die Damenwelt, die zahlreich vertreten war und hier — anderswo vielleicht auch — eine grosse Rolle spielt, war begeistert für unsere Ideen. — Es ist die Aufgabe des Gruppenverbandes, das einmal geweckte Interesse zu erhalten tmd zu vertiefen: cs wird eu!c seh!