Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1906)
- Date
- 1906-12-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ums Jahr 1300 v. Chr-, also etwa 700 Jahre früher'als Solon in Athen, mehr als 900 Jahre früher als Licinius in Rom bodenreformcrischc Grundsätze zum Siege führten, finden wir hier icne gewaltigc, durch alle Zeiten ragende Gestalt, die am Anfange des jüdischen Volkslebens stellt, auf die alle wichtigü.1 Einrichtungen und Gesetze zurückgeführt werden. Wer will in wenigen Worten die Persönlichkeit des Mannes schildern, der am prunkvollen Königshofe als ein Sohn der Tochter Pharaos in aller kriegerischen Tugend ritterlicher Prinzen und in aller Weisheit der Priesterschulen erzogen wurde und der doch alle Macht der Mächtigen u׳nd alle Weisheit der Weisen und alles, was sonst Menschenherzen begehrenswert erscheinen kann, verliess, um der niedrigsten und verachtctsten Klasse im Volke zu helfen. Der Versuch, Moses’ Anschauungen als einfach naturgemässe Anschauungen zu bezeichnen, kann leicht widerlegt werden. Seine Gesetze sind nicht die eines Hirtenstammes, dessen Dasein sich in den einfachsten j Formen vollzieht. Man übersieht zu häufig, dass die j ägyptische Kultur zur Zeit des Moses schon so alt war, wie etwa heute die Kultur des deutschen Volkes ist. Die Pyramiden, auf denen die Augen Moses’ ruhten, waren schon in Jenen Tagen mehr als tausend Jahre alt, und die Staatsweisheit und die Volkswirtschaft, die in den Priesterschulen von Theben gelehrt wurden, körnte sich auf Blüte und Verfall und Wiedergeburt des eigenen Volkes stützen. Doch eine erschöpfende Schilderung dieses Mannes ist nicht möglich in wenigen Worten, uid sie ist in unseren Kreisen ia wohl auch nicht nötig. Henry George selbst hat mit der ganzen Glut seiner Sprache ein würdiges Charakterbild jenes Mannes entworfen, das Ihnen ja allen bekamt sein dürfte. Welche Bedeutung hat dieser gewaltigste Gesetzgeber aller Zeiten der Bodeniragc beigemessen? Er hat einmal das Ziel seiner Gesetzgebung so formuliert. Adolf Damaschke ist der eigentliche Begründer der modernen deutschen Bodenreformbewegung. Bei den jetzigen Wahlen ist er der Kandidat der Bodenreformpartei im 1. Berliner Wahlkreise. sie solle helfen, ״dass dfls Volk im Lande sicher wohne.“ Der Geist der Verfassung war rein tlieokratisch. Gott selbst sollte als König allein herrschen. Von ihm allein musste daher auch der wertvollste Besitz seines Volkes, das Vaterland, ausgehen. Nur wer zum Volke Israel gehörte, durfte im gelobten Lande Grundbesitz haben, und auch nur Besitz, nicht Eigentum. Das Eigentumsrecht am Boden behielt sich Gott selbst vor. Durch alle Verheissungen und Mahnungen gellt der Gedanke, dass das Land das gemeinsame Erbe darstellt, das Jehovah seinem Volke nur zur Nutzr.iessung überlassen und klar und bestimmt ist das Gebot formuliert: ״Mein ist die Erde, und ihr seid nur Gäste und Leliensträger vor mir, darum sollt ihr das Land nicht verkaufen ewiglich.“ (Leviticus 25, 23). Diese Lehcnspfiicht des Volkes dem einzigen Bodenherrn, Gott gegenüber, sollte sich in mannigfachen Formen betätigen. Durch die Opfer von den Früchten des Feldes, die Erstlinge und den Zehnten wurde sie fortdauernd anerkannt. Indem der Altar und seine Diener diese Gaben im Namen Gottes erhielten, nahmen sie damit zugleich das. fortdauernde Bekenntnis des Volkes entgegen: ״Wir sind in unserem Lande Lehensträger Jehovahs.“ Dieser Gesamtaufrassung entspricht I es auch durchaus, wenn die Abgrenzung der einzelnen! Felder durch Grenzsteine als ein Gebot Gottes hiigcstellt wird. Die Vorschriften über die Reinhaltung der Samenkörner, die Bestimmungen, nur mit einer Fruchtart den Boden zu bestellen, enthalten denselben Gedanken. Bei solcher Grundanschauung konnte dem einzelnen natürlich ein schrankenloses Eigentumsrecht über den Boden nicht eingeräumt werden. Jeder der .zwölf Stämme hatte einen bestimmten Anteil des gemeinsamen Landes erhalten. Keine menschliche Willkür sollte daran etwas ändern. Im letzten Kapitel des vierten Buches Mosis wird eine kurze LiebestrggöJie erzählt, vielleicht die erste Bodenreform-Novelle i i der Weltlitcratur. Vor Moses und den Fürsten des Volkes erscheinen die Aeltcsten des Stammes Manasse. Sic fragten: ״Dürfen Jungfrauen, die Anteil haben am Land-' besitz, dieses ihr Erbe Söhnen anderer Stämme bei ihrer Heirat mitbringen oder sollen sie es dem Stamme zurückgeben?“ Die Fürsten des Volkes hielten die Bodengesetze für wichtiger als Fraucnlfefce. Sie ej.1tschieden: ״Heiraten die Mädchen Männer aus einem anderen Stamme, so verlieren sie ihr Erbteil am Boden. { t