Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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tJ vJlJÜ äbüäh Abonnementspreis tinschUesslich LITERATURBLATT rlerf eljihrlich: t. tfurch die Ciptdilion: a) In BcrPn —.00 Mark, bi nach aus- Wirts 1,— Mark, c) lür das Ausland 1.50 Mark. 2.1m Poitahonnement: 1,25 Mark. Insertionspreis die vlcrßespaltene Petit-Zeile oder deren Raum 25 Pfennig. Allgemeine Jüdische Zeitung. Redaktion: BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4. Telephon: II, 3387. Expedition und Adresse für Geldsendungen und Bestellungen: Verlag Jüdisch• Rundschau, E. 0. m. b. H. Berlin N. 54, Auguststr. 49a. Geschiftsattiodea der Expedition täglich (ausser Sabbat und Sonntag) vormittags 10—1, nachmittags 3-7 Uhr. Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JUEDISCHEN RUNDSCHAU nur bei voller Quellenangabe gestattet. Berlin,27.Marcheschwan5667—16.Novemberl906 Xi. Jahrgang Nummer 46 * * י ף*־" ׳• % L laV*1 ־«■» ".J -■ t ’«.׳ % i * f ול f 041. -r.יוז *tT נ־ . IO *4# £ . w» 4 i /?*, wr-.n Von Dr. Alfred Nossig.*) Der künftige Geschichtsschreiber des modernen Judentums wird die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zu den bedeutsamsten Perioden in dem jahrtausendelangen historischen Leben unseres Stammes zählen. Denn in dieser Zeit vollzog sicli eine Wendung, die für den Bestand und das ganze Schicksal der über die Erde zerstreuten Judenheit entscheidend war. Die Emanzipation der westeuropäischen Juden hatte ihre Früchte getragen. Andere, als man vorausgesehen hatte. Eine Wiedergeburt des Judentums hatten sich jene Männer versprochen, die, noch fest in der angestammten Volks- und Glaubensgemeinschaft wurzelnd, uni die Gleichberechtigung unter den Völkern kämpften. Aber die Emanzipation hat nur das jüdische Individuum vorwärts gebracht, die Judenheit als Ganzes aufs T iefste erschüttert. Mit moderner Weltbildung ausgerüstet, die Mögüchkeit vor Augen, hervorragende wirtschaftliche Er- ' folge und gesellschaftliche Stellungen zu erringen, stürzte sich der emanzipierte Jude in den neuen Daseinskampf. Die geänderten Bedingungen entfesselten in ihm das persönliche Strebertum und Hessen ihn den Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinschaft immer mehr als Last empfinden. Volks- und Familientradihon schwanden dahin, die Bande der Solidarität lockerten sich, mit den althergebrachten Formen und Zeremonien des jüdischen Glaubens wurde auch sein unver- •gänglicher Kern in modernem Kulturdünkel über Bord geworfen. Es blieb nichts als die äussere Zugehörigkeit ' zur Konfession. Auch diese wurde ohne Bedenken äusseren Vorteilen geopfert. So eilte die Emanzipation in hastigem Schritte ihren letzten Konsequenzen entgegen. Die führenden jüdischen Familien, die Nachkommen der hervorragendsten Kämpfer um die Gleichberechtigung, hatten sich vom Judentum losgerissen־ Das Ewige Volk schien nahe daran zu sein, unter den Nationen aufzugehen. Da trat der grosse Umschwung ein. Der jüdische Geist erwachte aufs neue. Es war eine Uebcrraschung der Geschichte: nicht die Gleichberechtigung, erst die Gegenschläge gegen sie sollten die Wiedergeburt des Judentums herbeiftihren. Was hatte die unerwartete Wendung veranlasst? Ein äusseres und ein inneres Geschehnis. Die alte Judennot war erwacht. Aus schweren Wunden blutend, besann sich die Judenheit auf sich selbst. Aber nicht das allem: auch eine geistige Ent- Wicklung war vor sich gegangen. Die äusseren Geschehnisse gaben den ersten, dringendsten Anstoss zu einer bedeutsamen Aenderung der politischen und sozialen Marschroute der Judenheit. Die emanzipierten Gemeinden des Westens wurden aus ihrem Freudentaumel durch die Kunde geweckt, dass ihre Stammes- und Glaubensgenossen im Orient, in Nordafrika, in Rumänien, weit entfernt, gleich ihnen bürgerliche oder gar politische Rechte zu gemessen, mittelalterlichen Gewalttaten ausgesetzt seien. Es tiai nun an sie die Frage heran: haben wir nur Pflichten gegen das Land, dessen Bürger wir sind, oder auch gegen unsere verfolgten ausländischen Brüder? Die hochherzige Antwort, die die Juden des Westens auf diese Frage gaben, war die Gründung der Allgemeinen Jüdischen Alliance. Wie selbstverständlich klingen uns heute Sätze, die in den ersten offiziellen Veröffentlichungen der All. Isr. Un. enthalten sind: ״Alle Hauptbekenntnisse sind m der Welt durch Nationen und Regierungen, die sie schützen, vertreten. . . Schon allein die Existenz dieser Regierungen ist für die Gemeinden desselben Bekenntnisses Bürgschaft und Schutz. Die verfolgten Juden allein wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen.“ . . . ״Und dennoch waren sie (die emanzipierten Juden des Westens und die verfolgten Juden des Ostens) die Kinder eines Stammes, die Bekenner eines Glaubens, die lange Zeit einander ähnlich gewesen waren!“ ״Der alte Geist der Solidarität, der stets ihr gegenseitiges Mitgefühl wachgehalten hatte, .. . verpflichtete sie auch fernerhin im Glück.“ ״Die Alüancc hat den Ausspruch eines alten jüdischen Weisen zu ihrem Wahlspruch erkoren: Alle Israeliten bürgen für einander!“ ״Um die öffentliche Meinung, die Presse und die Teilnahme der Regierungen zu ihrer Hilfe aufzurufen — deshalb ist die Alliance gegründet worden.“ ״Die Ehre des jüdischen Namens gegen jeglichen Angriff zu verteidigen; überall an der Emanzipation und dem moralischen Fortschritt der Juden zu arbeiten; denen, die in Ihrer Eigenschaft als Juden leiden, wirk- •) Aus; Die Jüdische Volksbewegung.