Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1906)
- Date
- 1906-10-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 616 JÜDISCHE RUNDSCHAU . ,,1 -..-.—ו,■״~ I I No. 41 ncn habe, da die Untersuchung noch im Gange sei. Er habe jedoch aus der Denkschrift der Vertretung der Bürgerschaft ersehen, dass die Militärbehörde ihre Befugnisse unzweifelhaft überschritten habe. Die Bestrafung der Schuldigen sei nicht nur ffir Siedlce, sondern auch aus GMinden der allgemeinen Politik wichtig. Die verhafteten Juden \viirüen nicht vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Jetzt wird bekannt, dass der Tnippenchef von Siedlce, Oberstleutnant Tischattowski, einstweilen seines Amtes enthoben wurde. Petersburg, 5. Oktaler. Aus Libau sind hier beunruhigende Nachrichten eingetrofien. iMau befürchtet Pogroms. Eine Ab- Ordnung, die sich zum Kommandierenden General begab, er• hielt zwar die Versicherung, dass man einen Pogrom unter• drücken würde, aber mit dem beunruhigenden Nachsatz, dass die Juden sich über nichts wunoeru könnten, da sic sich an der Revolution beteiligten. Petersburg. In den letzten Tagen werden haiigciische Proklamationen in ungeheuren Mengen verbreitet, die de Aut- Schrift ..An die Bauern“ tragen. Lemberg. Wie aus Warschau berichtet wird wurde dort der aus London zu publizistischen Zwecken eingetroffene Redakteur einer indischen Zeitschrift, Byschowsky, in seinem Ab- Steigequartier verhaftet. In seinem Besitze wurde eine Druck• Schrift, betreffend die Organisation einer jüdischen Selbstwehr, gefunden. Warschau, 3. Oktober, ln Siedlce leisteten am Vorabende des Vcrsöhnungsfcstes unmittelbar vor dein heiligsten alle! jüdischen Gebete, dem Kolnidrc, die in der Synagoge anwesenden Juden aus freien Stücken vor dem Rabbiner den Eid, dass weder sie selbst noch ihre Nachbarn oder Bekannter, vor oder wahrend des jüngsten Pogroms aut das Militär geschossen haben. An die Stelle des verabschiedeten bisherigen Militärkommandanten von Siedlce des Obersten Tischanowski, der als der eigentliche Urheber des Pogromms bezeichnet wird, tritt der Oberst des Dubno-Rcgimcnts. das sich an dem Pogrom nicht beteiligen wollte. Warschau. In den hiesigen Kasernen wird ein Aufruf verbreitet welchen der ..Verband des russischen Volkes“ an das russische Heer gerichtet hat. In diesem Auirtife wird gesagt dass an dei: unglücklichen Verhältnissen in Russland Juden und Polen schuldig seien. Der Aufruf scnlicsst mit den Worten: ,.Soldaten, zeigt den Juden und Polen, dass in Russland noch treue Söhne des Vaterlandes vorhanden sind, welche liir Zar und Vaterland entstehen körnten. Rechnet mit den Feinden so ab. wie es euch eure Pflicht und euer Gewissen gebietet. Keine Folgen habt ihr zu befürchten.“ Bcndzfn. Infolge der hartnäckigen Pogromgerüchte begab sich eine jüdische Deputation mit Rabbiner Graubart an der Spitze zum Kommandanten des Militärschutzes (Ochrana). Der Kommandant versicherte, dass die Einwohner vollständig ruhig sein können, weil alle Massregeln zur Verhütung von Unruhen bereits unternommen wurden. Eine Kösakenproklamation Lublin- In der letzten Zelt werden Massenverhaftungen und Massenrevisionen veranstaltet. Mit dem Anbruch der Dunkelheit hört jeder Verkehr auf den Strassen auf. F.incn starken Eindruck machte die von den Dmier Kosaken veröffentlichtc folgende Proklamation: ״Hiermit erklären wir den Einwohnern von Lublin, dass, wenn man sie um *9 י Uhr abends noch auf den Strassen treffen wird, man sic bestrafen wird ohne Rücksicht darauf, ob sic schuldig sind oder nicht.“ Dieser Aufruf wendet sich weiter gegen Juden und Revolutionäre.“ Wenn einer von ihnen dem Gesetz oder dem Befehl des Gouverneurs nicht gehorchen oder ein Attentat auf Polizisten. Soldaten oder Kosaken ausüben wird, so wird man ihn nicht nur mit Gewehrkolben, sondern auch mit Knuten an Ort und Stelle bestrafen. Der Gouverneur beruhigte die Deputation, die sich an ihn wandte, und publizierte am 20. September folgenden Aufruf an die Bevölkerung: ״ln der letzten Zeit werden beunruhigende Gerüchte in der Stadt verbreitet. Deswegen erachte ich es für nötig, zu erklären, dass alle diese Gerüchte falsch sind und dass alle Massregeln zur Verhütung von Unruhen unternommen wurden.“ Unruhen in Bessarabien Bukarest. Nach Meldungen aus Bessarabien haben in der Nacht vom 27. zum 28. v. M. in allen Städten, Marktilecken und Dörfern durch Militär- und Zivilhehördcri Haussuchungen stattgciuudcn. Die Juden waren beschuldigt worden, in den Bethäusern revolutionäre Versammlungen abgehaltcn zu haben. Nach Meldungen aus Jassy sind gestern verschiedene Leichen ermordeter Juden auf der Pruth schwimmend gesehen worden. Aus Odessa Das reiche, blühende Odessa, so wird den RUSSK. WJED. von dort geschrieben, geht zusehends seinem Verfall entgegen. Seine frühere Stellung a's Handelscmporium für den fernen Osten ist durch den unglückseligen Krieg schwer erschüttert, wenn nicht ganz verloren. Seither wechseln politische Unruhen mit Arbeitsniederlegungen ab. Es ist sozusagen die Anarchie im öffentlichen und geschäftlichen Leben cingetretcn. Die lange Periode des verstärkten Schutzes und vollends die Verhängung des Kriegszustandes forderten unerhörte Opfer. Kurz, es liegt auf der Stadt wie ein Alp, der alle Regungen lähmt. Zur Zeit ist Odessa von einer wahren Panik ergriffen. Denn düstere Anzeichen deuten darauf hin, dass wir einer Wiederholung der vorjährigen traurigen Oktobertage entgegengehen. Der schreckliche Pogrom, von dem jüngst Siedlce heimgesucht wurde, taucht auch hier als gewitterschwere Wolke auf. bereit, sich über Odessa, besonders über dessen jüdische Bevölkerung zu entladen. Es ist vor allem‘der ..Verband des russischen Volkes.,, der, von machtigen Gönnern gestützt, ganz frei und offen mit seinen Be- Strebungen hervortritt. Tagtäglich sicht man in den bc- Icbtestcn Strassen Proklamationen verteilen, die man geradezu als aufrührerisch bezeichnen kann. Denn sie predigen ganz unverblümt Rassenhass und Feindseligkeiten gegen die ״Frcmden‘‘. Die Folgen bleiben nicht lange ans: Geht da in der Chersonstrasse ruhig ein Jude seines Weges. Plötzlich stürzt aus irgend einem Winke! ein baumstarker Kerl auf ihn zu, hält ihm mit der einen Hand einen Browning, mit der andern einen Gununitotschlägcr unter die Nase und schreit ihm zu: ..Dies halten wir bereit für dich und deinesgleichen!*' Der Jude retiriert schleunigst auf die andere Seite der Strasse und nur dem dort zahlreich verkehrenden Publikum hat er es zu verdanken, dass die Sache mit dem blossen Schrecken abgeht. Ein paar Strassen ein anderes Bild: Dort wandelt ein junger Student, auf den sich ebenfalls aus einer Ecke sieben oder acht junge Leute werfen d!e in der gleichen Weise bewaffnet sind. Sie umringen den erschrockenen jungen /nanu und nehmen eine gründliche körperliche Untersuchung desselben vor. Sic scheinen nichts Verdächtiges bei ihm gefunden zu haben (vermutlich auch keine Börse, auf die es wo! 11 abgesehen war) und lassen daher den JiYngling nach Verabreichung etlicher Hiebe mit ihren Gununischläuchcn wieder laufen. Fülle der geschilderten Art sind hei uns durchaus nicht selten und häufen sich gerade in der letzten Zeit in beunruhigender Weise. Vor dem ״verstärkten Schutz“ und dem Eintritt des Kriegszustandes kam so etwas in Odessa nicht vor. Mit einem Worte: das unbehagliche Gefühl, dass ein Pogrom in der Luit liegt, wird man nicht los. Odessa, d. Oktober. Heute während der Beerdigung der bei der Feuersbrunst im Russischen Theater umgekommenen drei Studenten gaben einige Mitglieder der Schwarzen Bande mit dem Ruf: ״Schlagt die Juden!“ mehrere Schüsse ab. was eine grosse Panik verursachte. Einer der Ruhestörer wurde durchgcprügelt und darauf verhaftet. Odessa. Im Zentrum der Stadt, im Viertel, wo sich das herühmte Teehaus des .,Verbandes des russischen Volkes ixfindet, spielen sich täglich schreckliche Szenen ab. Das Teehaus wurde zum Zufluchtsort für.alle Huligaus der Stadt Diese fibcriallen auf den Strassen des Viertels Juden. Studenten. Schuljugend und überhaupt Leute mit intelligentem Acussern. In den letzten Tagen wurJen 21־ Juden überfallen, bestohlen und verwundet.־ Odessa. Infolge der Grausamkeiten des ״Vereins der echtrussischen Leute" begab sich eine indische Deputation zun Baron Kaulbars. Kaulbars erklärte, dass er den Verein protcgieren wird, und dass nächstens viele Abteilungen dieses Verein;: in verschiedenen Stadtteilen eröffnet werden. Die Pnliz'.i, die bis jetzt die Tätigkeit des Vereines vollständig billigte, wurde doch beängstigt durch die sich immer öfter wiederholenden Anfälle auf Juden und Intelligenz. Der Polizdmcistcr sandte an Konow izin nach Petersburg ein Telegramin. dass er nach Odessa kommen solle, weil die Situation sehr kritisch sei. Kopclowo (Gottv. Suwalk). Es wird hier eine starke Pogromagitation durch den Priester geführt. Er arrangiert grosse Versammlungen und hetzt die Bauern gegen Juden auf. Auch hat er einen vollständigen Plan für einen Pogrom ausgearbeitet Zur DuellafFäre Uacobson-Smirinski XOWOJE WREMJA veröffentlicht einen Brief des Vorsitzenden des Offiziersgerichts der 35. Artilleriebrigadc. in