Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I MM w vj hJo ilhbtib 3WJ*. Abontn nicdlsprcis %1n־iCh icssl.cti LITERATUR BLATT vlerteljihrlkh: 1. durch die Eipedition: «1 In Hc1l׳n —.90 Mark, b) •!ach aus- «3! t* Mark, cl für das AuslanJ 1,50 Mark. 2. Im Pojta'-onrenent: |,5י Mark. Insertionsprets die vicrcespa!te״c Petit-ZciK• oder deren R j.mii 25 Piennig. Allgemeine Jüdische Zeitung. Redaktion: BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse4. Telephon: II. 3 87. 1 Expedition und Adresse für Geldsendungen und 11. Stellungen: Verlag!■״li-ehe Rundschau, E. C m. b. H. Birii! H 54. Augustslr. 49a. flcKhiltsstuadeo der Eapcdltloo tätlich ■ausser Sahbit und Sonntag) vor• mittags 10-1, nachmittags 3 7 Uhr. Al'e Rechte vo-bebalten. Abdruck ius der JUEDISCHEN RUNDSCHAU nu״ bei voller Que'lenanpahe gestattet. Nummer 38 Berlin, 29. Ellül 5666 — 19. September 1906 XI. Jahrgang Schofariöne Wem die Romantik des Lebens fremd ist, dem mögen die Sclioiartönc, die zur Verkündigung und Feier des neuen Jahres in den Gemeindehäusern des Jüdischen Volkes ertönen, fremd und vielleicht gar unschön erscheinen. Wie mancher möchte diese Töne durch Orgelton und Glockenklaug ersetzt wissen. Und doch sind sie nicht bloss durch Alter und die historische Weihe dein Volke lieb, dem die Bibel zuruft: Heil dem Volke, das der Schofarstimme hört. Es ist eine weihevolic Stunde, in der der Sehotarbläser nach uraltem Brauch Sein Horn zur Hand nimmt, tun die mächtigen Tone hervorzubringen: תקיעה תרועת עברים תקיעה Der erste Ton ist der Ruf zum Kampf, der Ton, dem die Jüdischen Helden folgten, wenn cs galt, der Väter Sitte zu schirmen vor dem 'Joche der Fremden. Er is׳. der erste Ton und zugleich der Ton, der bis heute nicht aufgehört hat, notwendig zu sein. Denn so lange das Jüdische Volk lebt — und cs lebt bereits länger als alle anderen Kulturvölker — ist es von Feinden rings umstellt, die ihm nach dem Leben trachten. Als es aui seinem eigenen Boden sass, hat es sich Manu gegen Mann gewehrt und seinen Boden und Haus und Herd geschützt. Da war cs ein Volk, das niemals an Tapferkeit hinter anderen Nationen zuräeksumd. Aber es hat niemals die heissersehnte Stunde auch nur nahe gesehen, die Stunde, in der es die Schwerter zu Pflugscharen und die Lanzen in Rebmesser umschmieden könnte. ״Sie haben mich gar sehr bedrängt, seit den l agen meiner Jugend, lässt der Dichter das Jüdische Volk sagen, — aber sie haben mich nicht übermocht.“ Schliesslich aber kam die Stunde, wo das Volk doch überwunden und seine Kinder aus dem Lande geworfen wurden, das ihnen zugeschworen war als väterliches Erbteil, so lange der Himmel über der Erde stünde. Da verstummte die kampfesfrohe תהיעה und sic ward zum gebrochenen Tone, zu dem Laute des Schmerzes, zuin Tone der Verzweiflung. So lange die Juden nur mit Völkern zu tun hatten, die keinen Anspruch daraui erhoben, die Spitze aller Gesittung erklommen zu haben, durften sie wenigstens das nackte Leben der Verbannten fristen. Aber wehe ihnen, wo sie unter den Völkern ihre Heimstätte aufschlagen mussten, wo der Bruderliebe und der Humanität das grosse Wort geredet wurde und wo man cs für ein Verbrechen ansah, dass die Juden zurückgeblieben genug waren, an Gerechtigkeit zu glauben. Da dienten das Blut der Juden, die Ehre ihrer Töchter tmd die zarten Gebeine ihrer Kinder als der fruchtbringende Dünger dieser Kultur. Wie Schafe wurden sie zur Schlachtbank geschleppt und mit der solchen Kulturvölkern innewohnenden Grausamkeit gemordet. Der Ton der Posaune wimmerte seine Klagetöne und den gebrochenen Herzen entsprachen die gebrochenen Töne, die der Bläser seinem Horn entlockte. Da inmitten der Verzweiflung wurden sie übertönt von dem schmetternden Tone der Hoffnung und von neuem kam der Mut in die Seele des Volkes, das תיועת vernahm, denn אשדי העם ידעי תרועה״ heil dem Volke das die Töne der Tertial! versteht.“ Aus der Seele des verzweifelnden und an seiner eigenen Auflösung arbcitenden Volkes keimte die Hoffnung und in der weichen Volksseele begannen sich Hoffnungen geltend zu machen, die seit Jahrhunderten cingcschhimmcrt waren, Hoffnungen der Herrlichkeit und Hoffnungen aui junges blühendes Leben. Wie aber das Volk von seiner Jugend auf von Feinden rings umstellt war, so gab es keine Hoffnung für das unterdrückte Staimncstuni, ohne die Angriffe von allen Seiten auf das verzweifelte und nach Rettung dürstende Volk. Kaum hatte sich das Volk zusammengefunden, um aus eigener Kraft an seiner Befreiung tätig zu sein, da brach der Wettersturin herein, der iortbraust über die unglücklichen Brüder irn weiten Reiche des Ostens. Mit blutiger Gewalt und mit bestialischer Grausamkeit, die um so schändlicher ist. als sie nicht Ausbruch der Wut sondern der kalten Uebcr* Icgung ist, werden friedliche Bürger von Staatsw'egen amtlich durch die Behörden und das Militär ermordet, geplündert, vergewaltigt und alle Schandtaten geübt, die man nicht glauben mag, weil sie einfach unmöglich erscheinen. Und doch sind sie bereits ein System geworden, das System der Kaiserlichen Regierung des Heiligen Russischen Reiches. Und dieses System ist anerkannt von den übrigen Mächten und approbiert von der gesamten Presse, die feststellt, dass sie keinen Grund zum Eingreifen in Russland darin erblicken könne, da keinerlei europäische Interessen dadurch tangiert werden. Das Interesse der europäischen Kultur wird dadurch in ein recht helles und sie recht deutlieh kennzeichnendes Licht gesetzt. Der Ton der Hofinung, noch einmal eine Nation zu bilden auf eigenem