Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 36 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 537 allen Berufen und selbst den niedrigsten vermögen wir sie, die Analphabeten, nicht nur etwa vereinzelt, sondern in gewissem, nur allerdings nicht bekannten Prozent aut zu weisen haben, beschäftigt sehen. Ihre Bildung ist eine äusserst oberflächliche, soweit sic eben überhaupt über eine verfügen. Seit längerer Zeit sind aus der Mitte dieses orientalischen Judentums keine hervorragenden Menschen hervorgegangen. Auch ihr Judentum ist heute nur etwas ganz Aeusscrliches, das sic wohl nie abstreifen werden. Denn eine Assimilation in unserem Sinne ist unmöglich. Griechen und Armenier oder Europäer werden sie wohl nie werden und moslimische Osmanen, die sich auch energischst dagegen wehren dürften, erst recht nicht. Hier im Orient erhält sich eben jede Nation, spricht jedes Volk seine Sprache, lebt jede Gemeinschaft sein Lehen für sich, aber in äusserst gutmütiger Gesinnung־ ist es jedem gestattet, sein Geschäft auf die ihm konvenkrende Art zu betreiben, seiner Eigenart zu leben,' seine Schulen zu bauen. Hier gibt es jüdische, dort griechische, dann deutsche Auf- Schriften. In dem ersten Laden Ist die Ocschäftssprachc Armenisch, in dein zweiten Französisch. Die Verhältnisse in der Türkei w:ärcn also für das Deutschtum nicht schlecht. Die Nachkommen derer, die sich in Spanien als Juden nicht ausleben durften, sie hätten hier voll und ganz Gelegenheit dazu. Aber weil sie zu arm und teilweise zu bequem sind, sich Schulen zu halten, hat ihnen die Alliance diese Arbeit abgenommen und nrit dem Vorgeben, eine Wohltat ihnen zu erweisen, haben sie dem dortigen Judentum noch den Todesstoss gegeben. Ein so tiefes Niveau der jüdischen Bildung kann man sich nicht gut vorstellen. Das Folgende ist alles selbsterlebt und soll als Beweis dienen. - Au einem Abend treffe ich einen jüdischen Jungen, der sechs Sprachen spricht. Wir sprechen von allem Möglichen, auch von der Thora, dann vom Talmud. Er weiss nichts, absolut nichts. Seine einzigen hebräischen Kenntnisse sind: ״Borucli atho.“ Er ist ein Schüler der״ Alliance. Ich rede kleine Mädchen an, die sich französisch unterhalten. Es sind kleine Jüdinnen, die die Alliance-Schulen besuchen. Verwundert schüttle ich den Kopf, Jüdinnen im Orient sprechen miteinander französisch! Das ist doch etwas Unnatürliches. Die Eltern können Jiddisch und die Landes• spräche, der Bruder besucht eine deutsche Schule. Aber die Kleinen sollen doch französisch von der Schule aus sprechen. Und da meine Ich, nachdem sie schon zehn Jahre alt sind und in eine jüdische Schule gehen, werden sie sicher auch viel Hebräisch können. Nein, noch kein Wort. Es wird einem wirklich schwer, beteuern zu müssen, dass jüdische Kinder in einer jüdischen Schule jahrelang keinen jüdischen Unterricht erhalten, später ctw׳a pro forma. Es tut einem wirklich weh, wenn man mit an Ort und Stelle ansehen muss, wie hier das Judentum, das jüdische Geld, das jüdische Elend ausgenutzt wird für nationale französische Ar- "beit. Das hiesige Vol.< hat ein Interesse, etwas für das Leben, einen Beruf zu erlernen. In den Alliance-Schulcn werden aller Alleswisser grossgezogen, Menschen, die in allen Sprachen brillieren, in keiner zu Hause sind und in keiner etwas leisten können, oder durch weitere Selbstbilduug (Lektüre usw.) sich vervollkommnen. Gewiss, der intelligente Jude unter ihnen, ■der kamt und soll auch die europäischen Sprachen lernen. Aber der Durehscluiittsschülcr. der darf gar keine andere Sprache erlernen als die heimischen: spagnolisch, türkisch, grieclrisch, hebräisch. Daran hat er gerade genug zu tun und diese braucht er hier auf Schritt und Tritt. Aber man kann der Alliance Vorhaltungen machen, sie nützen doch nichts, trotzdem es so unlogisch schon an sich ist, dass eine internationale jüdische Gesellschaft, die zufällig ihren Sitz in Paris hat. überall und allüberall die Geschäfte des französischen Staates besorgt, ■der ja französische Schulen zur Erlernung der Sprache einrichten kann. Auf der anderen Seite vergisst dieselbe Alliance, dass sic doch eigentlich ihrem ganzen Wesen nach eine jüdische sein sollte .... Diese flüchtig! Jiiugeworfenen Zeilen wären fast unterblichen, denn was nützt es, verbohrten französischen Chauvinisten ihren Chauvinismus zu verbieten. Es handelt sich aber auch darum, einmal ohne Scheu offen und ehrlich bei der deutsehen Brudcrgesellschaft der Alliance anzufragen. ob sie nur an Stelle des Französischen das Deutsche setzen wollen und die armen orientalischen Juden als Versuchskaninchen benutzen werden. Einer Arbeit im jüdischen Sinne aber würde sich hier eine herrsche Gelegenheit bieten. Wer die traurigen, tief ernsten Verhältnisse hier nur etwas kennen gelernt hat. der wird einsehen. dass die ganze Entwicklang des grossen in der Türkei wohnenden Judentums davon abhängt, dass es eigene Wege gehen darf . . . Noch ein weiterer Ideenkreis war es, der midi hier bannte. Hier am Ort, wo unser grosser Führer den Juden- Staat zu erhalten hoffte, leben alte Erinnerungen an ihn auf. Der ״Gottselige", wie ihn ein schlichter Jude nur nennt, hat wirklich in einer Zeit, wo noch alles im Werden war, als der Vertreter des Volkes gesprochen. Und was ich hier gehört habe, cs ist zwar nicht immer allzu viel, aber cs hat den Vorzug unbedingter Richtigkeit, da ich das Glück hatte, aus den richtigen Quellen zu schöpfen, die hier nicht genannt werden können. Hcrzl erhielt wirklich Konzessionen sowohl für Palästina als auch in der letzten Zeit seines Lebens iür Mesopotamien. In beiden Fällen war die Gegenleistung zu gross. Unbegreiflieh ist cs, dass unsere neue Leitung seit mehreren Monaten die Unterhandlungen mit der Pforte abgebrochen hat- Herzl hat die Fäden, die er geknüpit, nie wieder locker gelassen, und selbst wenn die Verhandlungen keinen anderen Zweck' hätten, als von der Stimmung ain goldenen Horn unterrichtet zu sein und die Arbeit in Palästina zu schützen, wäre es schon der Mühe wert, sic zu pflegen. Wie kann man nur die Be- Ziehungen unsererseits abbrcclten, da w ir iür jede Eventualität gelüstet, unsere Beziehungen immer angeknüpft haben müssen, uin einen günstigen Augenblick zu erhaschen. Ob ein solcher bald kommt, das wage ich nicht wie gewisse jüdisch-deutsche Blätter zu behaupten. Der Sultan Ist zwar krank, w׳ie sehr, w'eiss niemand, da Ihn nur wenige Aerzte. die strengstes Geheimnis halten, pflegen. Eine Wiederaufnahme der politischen Arbeit (mtd diese steht in gar keinem Widerspruch mit den Anschauungen der praktischen Tätigkeit in Palästina) aber soll auch erkennen lassen, dass von unseier Seite der Sache der nötige Ernst nicht fehlt. Vielleicht geht dann auch der Weg nicht mehr über Wien. Die Emigranten. Uber Konstantinopel noch viele Worte nach dem Gesagten zu machen, verlohnt sich kaum, überall Im Judentum herrschen dieselben Zustände wie bei den Türken: Indmerentismus, geistiger Tiefstand. Angeberei etc. Alles argwöhnt. Der Zionist hat berechtigte Scheu vor seinem spagnolischen Bruder. Soll doch, wie man mir in der dortigen Stadt berichtete, der Oberrabbiner von Smyrna einmal nach Stambul gefahren sein und dort die Versicherung gegeben haben, dass in seiner Gemeinde kein Zionist sei. und dass er auch alle Schritte gegen den etwa platzgreifenden Zionismus ergreifen werde, (übrigens kennt mau auch bei uns Ähnliches). Der Spagnole kauft selten einmal einen Schekel und auch dann zer* reisst er das Blatt sofort, um ja niemals als Zionist erkannt zu werden. An einem der letzten Nachmittage fand ich noch eine jüdische Lesehalle. Ich bat im Stillen aber, denen ich wegen der Vernachlässigung der jüdischen Bevölkerung Konstantinopets Vorwürfe gemacht hatte, um Verzeihung. Es war ein genügend grosser Raum mit einer kleinen Bibliothek, einigen