Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir können uns nicht mehr damit trösten, dass Unsicherheit über Ziel und Weg, dass die inneren Reibungen, die sich aus iiir ergaben, ein rasches Vorwärtsgehen unmöglich, sogar unratsam erscheinen lassen. Die Krisis ist tot. Ruhe und Sammlung ist in die zionistischen Geister eiligezogen. Der Zionismus hat eine tiefere Klarheit als je zuvor. Er hat e i n Ziel — Palästina. Er hat zwei gleichwertige und gleichzeitige Wege zu diesem Ziel — die politische Arbeit und die positive wirtschaftliche Tätigkeit für Palästina. Woran der Zionismus krankt, das ist das arge Miss- Verhältnis zwischen seinen grossen Zielen und seinen geringen Mitteln. Der Zionismus ist in Wahrheit eine Utopie, solange dieses Missverhältnis sieh nicht ändert. Vieles Schwere aber wird leicht und vieles scheinbar Unmögliche selbstverständlich werden, wenn er imponicrende Mittel einsetzen kann. Darum ist jetzt unsere wichtigste Arbeit, die Grundlage aller andern Arbeit, die Mehrung unserer Machtmittel. Die Jüdische Kolonialbank wird als rein geschäftlichcs Unternehmen nur dann grössere Kapitalien sich dienstbar machen können, wenn ihre Geschäfte sieh erweitern und aussichtsreich werden. Mit der bisher vorherrschenden Methode der Sammlung ruhenden Kapitals werden wir aus unseren 6 Millionen nie die 40 machen, die wir haben wollten. Dennoch müssen wir sammeln Ganz etwas anderes ist es mit dem Nationalfond. Er ist von Anfang an mehr als ein Geschäftskapital, er ist ein Ideal, das unveräusserliche Landvermögen des Jüdischen Volkes. Mit idealen Mitteln kann und muss ei gefördert werden. Bisher ist er aus freiw illigen, regellosen Spenden gebildet worden, und die stattliche Summe, um die er jedes Jahr wächst, klingt befriedigend. Aber denken wir an das Ziel, au das Ziel! Der Nationalschatz soll uns den Grund und Boden für einen ganzen Judcnstaat erw erben. Er soll Land in Palästina kaufen, und bald: sobald er es verantworten kann, soll er kaufen. Wir brauchen ihn vor allem zum Bodenerwerb — schon jetzt — für die gemeinnützigen Einrichtungen. durch die das wirtschaftliche Niveau unseres Landes gehoben w erden soll. Und nach den ersten Landkätifcn wird es einleuchten, wie winzig unser Nationalfond jetzt ist. Da hilft kein Picnnigsannneln. Nur mit grossen Mitteln können wir den Nationalfond zu dem machen, was er sein muss. Das grosse und starke Mittel aber ist die Selbstbesfeuerung des Jüdisehen Volkes. Sagen wir es rund heraus: Unsere Führer haben von der Opferfreudigkeit der Zionisten mehr erwartet, als sich eriiillt hat. Freilich nicht von den grossen Massen der Gedrückten und Elenden; die haben Uebermenschliches geleistet. Aber Herzl meinte, dass die materiellen Mittel seiner Volksbewegung aus Wcstcuropa iliessen würden. Es ist kein Zweifel, er hat sich getäuscht. Zahlenmässig lässt sich nachweisen, dass nicht nur absolut, sondern sogar relativ weniger Gelder aus Westeuropa iliessen. Aus diesem beschämenden Zustande beginnt, je länger je mehr, der deutsche Zionismus hcrauszukoinmen. Und doch, wie selten kommt es vor, dass wohlhabende Zionisten dem jüdischen Volksschatz ein namhaftes l.cgat hinterlassen oder bei gegebener Gelegenheit angemessene Spenden geben? Auch hier zeigt sich untrüglich dasselbe Gesetz: Je | weniger der Einzelne hat, desto mehr gibt er. ״Wir sollen schon wieder' eine neue Steuer entrichten? Wir zahlen Schekel, Landesbeiträge. Vereinsgelder. Wir lesen zionistische Zeitungen, wir kaufen Aktien der Kolonialbank. Wir spenden auch für den Nationalfond. Wir können nicht mehr tun.“ Ihr könnt und müsst mehr tun. Alle die Parteibeiträge, die Ihr zahlt, werden für laufende Bedürfnisse verbraucht. Der Nationalfond lebt von den gelegeiitlicben Spenden, die ilnn bei freudigen und traurigen Anlässen zugewandt werden. Das ist ein unwiirdiger Zustand. Die Einnahmen des Nationalfonds sollten ein getreues Bild von der Kaufkraft des Zionismus geben. Die regelmässige Selbstbesteticrung ist das einzige würdige (Mittel, dem Nationalfond grössere Summen zuzuführen. Wir haben keine obrigkeitliche Gewalt, die mit staatlicher Autorität vom Jüdischen Volke für seine eigeneu Volkszwecke Steuern erheben könnte. Aber w׳ir Zionisten habe» uns bereits als Glieder unseres zukünftigen Gemeinwesens zu betrachten. Unser Ideal muss dieselbe zwingende Autorität für uns haben wie eine Staatsgewalt. Lehre und Leben muss eins sein. Darum