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Jüdische Rundschau · 1906-07-27 · Heft 30 (27.7.1906) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 44S JÜDISCHE RUNDSCHAU . ..... der Politik oder vielmehr PolitiklosigVeit wieder loskommen mochte, in der es sich verrannt hat. Seinen sonstigen Artikeln gemäss müsste es jede Kolonisation in Palästina ablchnen und eigentlich statt eines Ausbaues der Klcinkolonisation .in Palästina deren Abbau verlangen. Im vorliegenden Artikel wirddas Gegenteil proklamiert: ״Man ersieht aus diesen einzelnen Beispielen, das in Erez Jisrocl ein weite׳* ergiebiges Gebiet für untern c h m u n g s 1 u s t i g e K r ä i t e offen steht. Aber am dringeudsten erscheint uns die Landkaufirage. Der jüdische Landbcsitz erweitert sich wohl nach und nach, aber zu langsam, damit man nicht die berechtigten Befürchtungen liegen müsse, dass die gleichzeitig von anderen Nationalitäten angeworbenen Ländereien uns eines Tages nichts mehr übrig lassen- So ist schön das Karmel-Gebiet fast gänzlich in 1! i c h t j ü d i s c 11 er! Besitz geraten. Die Russen schaffen sich immer mehr Land käuflich an. öffnen dort Schulen, und verpflanzen ihre grosse Intoleranz unter die Araber. Viele Araber־ aus Tripolis und anderen Ländern wandern nach Palästina und erwdrbcn weite Ländctsürecken: so haben sie . zwischen dem eine 'Stunde Gang von Jaffa gelegenen Dorfo Jasur und Ramla eine ganze Reihe von Orangcpilanzungcn angelegt. Freilich gibt *יnoch grosse Länderkbmplcxe. welche zu billigen! Preise erworben werden können, so das fruchtbare Tal Jesreel in Galiläa usw. Die Juden sehen abei leider gleichgiltig zu, dass Fremde das Land in Besitz nehmen. Schon nicht aus sentimentalen odci nationalen, sondern bloss aus rein praktischen Gründen sollten jüdische Gcldleute dort Land anwerbcii. da der P reis des L a 11 d e s v o 11 Jahr zu J a 11 r steigt. Diese permanente Tendenz der Bodeiitei.c rimg lediglich sollte indische Kap'talisten wenigstens ancifcrn Land In Palästina anzukaufen 11 n d hernach an Juden weiter zu v e r ä 11 s s e r 11.“ Wir freuen uns. dass das Blatt hiermit aufüngt. auch politisch^zionistischen Frvvügungcn sich zu öffnen Die holuindsichzi; ustischen Blätter stefnn auf dem Standpunkte, den der siebente Kongress eingenommen hat. Die Territorialisten trugen daher ihre Angriffe gegen den Zionismus in die Tagespresse und wurden damit wieder ein Teil von jener Kraft, die für den Zionismus das Böse will und das Gute dadurch schafft. Die Zionisten antworteten und das ALGEAIEEN HAN'DELSBLAD in Amsterdam wurde zu einem Tummelplatz der zionistischen Meinungen gegenüber den gegen sie geäusserten Artikeln assimilationssüchtiger Juden. Jetzt wurdtf in einem Artikel ״Zionisme en Territorialisme“ die Frage von Franzie ßerenstein abgeschlossen, dessen Artikel in seinem Schlusssätze gipfelt: ,.Das eigene Haus kann für den unterdrückten Juden, der sich auch noch als Jude fühlt, nur Palästina sein." Anatole Leroy-Beaulien über die Uudenmassakres in Russland Der bekannte französische Kulturhistorikcr Anatole Leroy- Beaulieu veröffentlicht in dem TEMPS einen längeren Artikel über die russische Polize iund die Judenmassakres in Russland, der besonders Interesse bietet. Leroy-Beaulieu. bekanntlich ein hervorragender Kenner russischer Verhältnisse, bestätigt die Auffassung, dass die Judenverfolgung eines der Mittel ist. wodurch die russischen Behörden die Revolution abzuleuken suchen. Das ist seit fünfundzwanzig Jahren, seit dem Ministeriuin Ignatiew. das klassische Verfahren der Gegner jeder liberalen Reform. U111 die Massen der revolutionären Propaganda zu entreissen. hetzt man sic gegen die Juden und die Nichtortliodoxcn, die als Feinde des Zaren und des russischen Volkes bezeichnet werden. Ich war im Mai in PPetcrsburg. Schon damals wurden baldige Pogroms gegen die Juden angekündigt. Die Liberalen machten ihren Gegnern den Vorwurf. sie bereiten diese vor. Die wenigen Verteidiger dessen, was die Russen das alte Regime nennen, machten ihrerseits kein Helil aus ihrer Hoffnung, dass durch die Judcnfragc die Revolution aufgelialten und die Duma entzweigesclmitten werden könnte. Die Duma hat sich in ihrer Entrüstung über die Metzeleien i!* Bialystok und die Enthüllungen des Fjir.sten Urussow׳ einmütig gezeigt. Das Ministerium, das die Urheber solcher Mordszeiien nicht an ihrem Tun verhindern oder dafür bestrafen konnte, scheint sich nicht nur vor der öffentlichen Meinung, sondern vielleicht sogar im kaiserlichen Palast um jeden Kredit gebracht zu haben. Es ist hohe Zeit, dass die Regierung sieh von dem Verdacht reiiiwasche. sie stecke mit de״ Mordgesellen von Bialystok unter einer Decke. Aus dem Kladderadatsch Ein zu spät veröffentlichtes ärztliches Attest. Hiermit bezeuge ich. dass Graf Piicklvr-Kloin-Tscliirne in Wcichselmiiude keine Volksversammlungen ablialten kann und keine Gelegenheit hat. sich mit seinen lieben roten Kerlen zu unterlinlteii. Infolgedessen hat sich bei dem Patienten notorische Aphasie iierausgebildet: sprachlos geworden, äugesiclits der neuen deutschen Geschichte, bemüht er sich vergeblieh auszudriickeii. dass ihm der Verstand stille stellt, weshall) ein vierzehntägiger Urlaub fiir ihn zu Redeiilumgcn uumngänglich notwendig ist. .1 . * » * ״* Kleine Mitteilungen Göttingen, 18. Juli. Vor kurzem erfolgte die Wahl unseres Gesinnungsfreundes des Rabbiners Dr. Sonderling in Berlin zum Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde. Die ministerielle Genehmigung ist indes versagt worden, weil der Gewühlte Ausländer (Österreicher) ist. Die Gemeind•.• hat sich mm noch einmal mit einem Gesuche um Bestätigung au den Minister gewandt. — Und nicht einmal evangelisch oder katholisch ist dieser-Ausländer. Wie soll er da bestätigt oder gar naturalisiert werden? — Brlesen. 19. Juli. Infolge des steten Rückganges der Zahl der jüdischen Kinder in der Stadtschule wird hier die jüdische Schule mit der evangelischen vereinigt. An der Schule soll nur ein jüdischer Lehrer verbleiben. Nürnberg. Zwei jüdische Vereine haben sich an den Magistrat mit dem Ersuchen gewendet, ihnen Zusammenkünfte, wobei auch Gcbetsaiiclaclitcn abgehalten werden, zu gestatten. Der Magistrat hat sich jedoch für *unzuständig zur Bescheidung des Gesuches erklärt, da es sich nicht lediglich um eine durch die Verfassung gewährleistete Ifaitsaudaclit handle. Die Be- Scheidung des Gesuches gehöre zur Zuständigkeit des Kultusmiuistcriums. Juden in europäischen Parlamenten Die höchste Zahl jüdischer Abgeordneter findet sich im ungarischen Parlament, in welchem 23 Juden sit/c'1. Von diesen gehören 17 zur Kossuthpartei und 6 zu verseil - denc״ anderer Parteien. Hiernach kommt das englische Parlament mit 16 jiidisehen Abgeordneten. Zieht man die Vcrhältniszatii üer jüdischen Bevölkerung (in England le.ben jctz.t 300 000 Juden) in Betracht, so würde eine Mandatszahl von 3"i entsprechen. Die übrigen wurden a’so ausschliesslich von Christen gewählt. An dritter Stelle steht die russische Duma, in we־- eher 12 jüdische Deputierte sitzen. Laut der jüdischen l׳׳v* vülkeriingszahl sollte die Duma wenigstens 2-t jüdische Ab..»;־ ordnete haben. Die vierterösste Zahl jüdischer Gesetzgeber weist der Deutsche Reichstag mit 8 jüdischen Mitgliedern auf. Alle wurden von der sozialdemokratischen Partei in den Reichstag entsendet. Die sogenannten freisinnigen Parteien wagern sich sogar, einen getauften Juden in ihre Rci]1e!! zu nehmen. Im Prcussischcn Landtage sitzen 7 Juden. Sie haben den Spitznamen: ״Die sieben Weisen Griechenlands“ weil sie immer — schweigen, wenn es sich um jüdische An- Gelegenheiten handelt. Erinnerlich ist noch die eigentliche Ilaltung dieser , bösen Sieben“ anlässlich der Debatte über die Russennusweisiuigcn aus Berlin, kein einziger von ihnen fand cs nötig, fiir die ausgcwicscncn Juden ein Worf-einzulegdn. Im österreichischen Rcichsratc sitzen 6 Juden, während ihnen schon nach Huer Bcvölkcnuigszah! w׳e1ugst<‘1!s 21־ Sitze im Parlamente /.!!kommen.!11 Frankreich. Italien und Holland gibt cs;e 4 jüdische Abgeordnete. Jaffa. Hier ist eine Gesellschaft .,P a 1 ä s t i n a -1!1 d u ־ s t r i e - G e s e 11 s c 11 a!' t" mit einem Kapital von -tuon I.str. (160 Aktien äa 25 Lstr.) gegründet worden. Herr Lewa nt in. der Direktor der hiesigen Filiale der Jüdischen Kolonialbank, ist nach Beirut gefahren, um dort eine Filiale der Anglo Pa lest ine Company zu eröffnen. Ein neues grosses jüdisches Hospital ist in Smyrna errichtet worden. Das nötige Kapital zur Erbauung und Instand- Haltung ist von Baron Rothschild gestiftet worden.- Vom 1. bis 15. Juli fand in lndlaiiopolis (Indiana) die 16. jährliche Konferenz sämtlicher Rabihncr der ״Vereinigten Staaten von Amernika“ statt. Jüdischer Bürgermeister Wie wir erfahren, ist bei der kürzlich in! Kimberlcy (Kapland) erfolgten Neuwahl des Bürgermeisters ein Jude namens Sagar gewählt worden. Er ist der erste Jude, der in Kimberlev dieses Amt bekleidet. Jedoch wirkten in anderen Städten Britisch-Siid-Afrikas schon öfters Judeu als Gemeindcoberhäiipter. wie z. B. in Kapstadt Mr. Langermann. Mr. Sagar ist zwar aus Liverpool gebürtig, scheint aber, wie schon sein Name besagt, aus, Russland zu stammen.

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