Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 376 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 25 Gebessert hätte. Die Emigration dauerte auch wn verflossenen Jahre fort und wurde in der wiederholt gcs.lnklertcn Weise unter unserer Mitwirkung durch die J. C. A. Kcioitct. Die Auswanderer, die wöchentlich in Wien in Grösseren Gruppen cintrafen. waren fast durchgehcrids Personen, die zu Annehörigen Jenseits des Ozeans reisten und einen Teil tkr Kosten selbst zu bezahlen in der Lage waren. Unterbringung russisch-jüdischer Waisenkinder Das Ncw-Yorker Hilfskomitee für die russischen Juden hat sich am 7. v. Mts. in einem Schreiben an den EinwandoruiiKskommissar in Washington Herrn Frank P. Sargent gewandt, um seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass die blutigen Vorgänge in Russland im Oktober votigen Jahres eine grosse Anzahl Kinder zu Waisen gemacht hätten. Die in den einzelnen Gemeinden zurückgebliebenen jüdischen Einwohner wären so verarmt durch den Aufruhr und die damit zusammenhängende Plünderung, dass sie für die Waisenkinder nicht würden sorgen können. Man wandte sich an die westeuropäischen und amerikanischen jüdischen Gemeinden, mit der Bitte, diese unglücklichen Kinder untezubringen. Die Anfrage des Ncw-Yorkcr Komitees hatte das Ergebnis, dass aus dem ganzen Lande Hunderte von Heimstätten für diese Kinder angeboten wurden: man war überall bereit, sie aufzunehnsen, und in vielen Fällen bereit, sie zu adoptieren. Da mm das amerikanische Einwanderungsgesetz für Kinder, die ohne Eltern dorthin kommen, besonders streng ist. wandte sich das Komitee direkt an den Einwandcrungskommissar mit dem Vorschlag, dass es gestattet werde. 100 Waisenkinder mit der Voraus- Setzung einzuführen, dass sic alle vollständig normale Kinder wären, und dass ein jedes bei einer Familie untergebracht werden solle, von der cs wisse, dass sie pekuniär verantwortlieh und moralisch einwandsfrei dastünde. Das Komitee und seine einzelnen Mitglieder sowie viele andere waren bereit, der Einwanderungsbehörde jede Versicherung und die Vcrpüichtung für jeden Betrag zu leisten, dass diese Kinder der öffentlichen Unterstützung nie zur Last , fallen würden: cs legte dar. dass cs zunächst die genauen gesetzlichen Grenzen cinhalten, dabei aber auf das eminent humane Werk hinweisen wolle, das durch die Gewährung jeder Erleichterung für die sofortige Aufnahme und richtige Fürsorge dieser unglücklichen Waisen bewilligt werden könnte. Darauf hat mm Herr Sargcnt schon am 8. Mai ein Antwortschreiben abgesandt, in dem es unter anderem heisst: ״In Erwiderung Ihres Schreibens vom 7. Mai beehre ich mich. Ihnen mitzuteilcn. dass ich aufs herzlichste die Arbeit, die Ihr Komitee unternommen bat. begrüsse. Sicherlich werden Sie niemand finden, der Sie kräitiger in der Ausführung Ihres Vorhabens als ich unterstützen wird, in soweit dies mir unter den Gesetzen und Vorschriften, die Einwanderung betreffend, möglich ist. Kinder, die ihrer Eltern beraubt wurden, und die dadurch hilflos in der Welt geblichen sind, fordern meine stärkste Svnmathie heraus. Was wir verlangen w׳erdcn, ist. dass die Kinder, die nach den Vereinigten Staaten durch den Einfluss Ihres Komitees und unter den Bedingungen., die Sie dargclegt haben, kommen, den schützenden Arm Ihrer Vercinigune von dem Augenblick, wo sic Europa verlassen, bis sic ihren Bestimmungsort erreicht, um sich haben sollten. Während alle der Inspektion, die durch das Gesetz vorgcschric» hen ist. sich werden fügen müssen, so wird Ihr Vertreter an der Ankunftsstcllc durch die Kenntnis der Umstände, die er durch Sie haben wird, und durch die Tatsache, dass diese Kinder streng unter den Bedingungen, die in Ihrem Schreiben mitgeteilt sind, kommen, in der Lage sein, sofortige und richtige Entscheidung in ledern einzelne״ Falle herbeizuführen. Es bcsteht ein ungeheurer Unterschied zwischen dem Herüberbringen von Kindern in dem Geist, der die Handlungsweise Ihres Komitees veranlasst und dem. der so deutlich durch diejenigen hervortritt, die Kinder zu dem Zweck lunfibcrTiringen, um Arbeiter aus ihnen zu machen, ohne dass sie die Vorteile des häuslichen Einflusses und der Erziehung gehabt haben . . . Das Bureau wird fortfahren ,strenge und genaue Untersuchung in allen Fällen anzustellen, wo Kinder ohne ihre Eltern kommen, oder In Fällen, wo sie an Personen adressiert sind, die gesetzlieh für nhrc Verpflichtungen nicht verantwortlich sind. — Aber in den Füllen.” die Sic erwähnen. wo Kinder durch Vcr-!״Igungen, die die Eltern betroffen haben. Waisen geworden sind, und wo Ihr Komitee ein Heim für sic gefunden hat. w ird die Tatsache, dass Sic sie hierher gebracht haben, meiner Ansicht nach kein Missverständnis aufkommen lassen." Auf dieses Schreiben hin hat das New-Yorkcr Komitee am 9. seinen Dank für den ausserordentlich sympathischen Brief von! 8. ausgesprochen: es fand auch das Entgegenkommen. I w׳enn auch dabei die strenge Befolgung des Gesetzes bcabsichtigt war. sehr anerkennenswert. 3*יי Lustige Ecke Das Hamburger ISRAELITISCHE FAMJLIENBLATT, das am Kopfe die des Beweises recht sehr bedürftige Behauptung trägt, dass es das verbreitetste jüdische Biatt Europas wäre, hat sich über den Hannoverschen Dciegicrteutag der Zionisten einen Bericht geleistet, der zu dem Ergötzlichsten gehört, was es an ,Berichten über Verhandlungen gibt die man nicht gehört und nicht verstanden hat. Ausser diesem Bericht, der an Entstellungen das Unglaublichste leistet bringt das Hamburger Blatt, das von den Abfällen lebt, die von anderer. Tische faiien. eilten — mau höre und staune — Original artikei. Der Originaiartikci ist so original, dass wir ihn hier an dieser würdigen Stelle in extenso wiedergeben: ״Nationale Spielereien. Vor wenigen Tagen hat die ,.Zionistische Vereinigung für Deutschland“' in Hannover ihren diesjährigen Delcgicrtcntag abgehaHen. An anderer Stelle dieses Blattes finden unsere Leser einen Bericht über diese Tagung. Alan gewinnt aus demselben den Eindruck, dass die Bewegung, der man mit Rücksicht auf ihre moralischen und sozialen Ziele und Erfolge im allgemeinen nicht das Zeugnis versagen kann dass sie nach mancher Richtung segensreich gewrkt hat. au! den! Punkt stellt in Bahnen zu lenken, die ihr in deutschen Landen über kurz oder laug den Lebensfaden abschnekicn müssen. So lange die deutschen Zionisten, trotz der öffentlichrechtlich gesicherten Palästina-Heimstätte-Bestrcbungen. die Betonung des Adjektivs ״deutsche“ in ehrlicher Aufrichtigkeit noch beliebten, so lange man noch nicht den Glauben nuizugeben brauchte, dass der junge Most, der sich so wild gcbürdete, doch noch einen guten Weit! abgebci würde dass die jugendliche Begeisterung für indisch-nationale Utopien schiiesslieh in praktisch soziale Arbeit Umschlagen würde - so lange konnte man mit warmem Herzen den Wirkungen um! Einflössen der zionistischen Bewegung gcgcnübe'Sieken. Selbst der letzte Baseler Kongress, der ohne Rücksicht auf die so dringende Gegenwartsnot der russisch-jüdischen Massen jeden andern Weg ablchntc imd starr an dem aussichtslosen nolitischen Zionsstaalsprojckt festhielt, und der Uganda, wie jedes andere Projekt ahlchnte. brauchte die Erwartung noch nicht zu erschüttern, dass man wenigstens in deutschen zionistischen Kreisen doch den Weg zu der Erkenntnis finden werde, dass man mit nationaler Zicnsschvürtnerei weder ccr Sozialen und. politischen Uebcrnot unserer russischen, gali/ischen. rnmänisehen Glaubensbriider. noch der staatsrechtlichen Stellung der westeuropäischen Juden ein I-Tipielchen Nuizen verschaffe. Man wird diese Hofimmg, dass der deutsche Zionismus ins rechte Gleise kommen werde, nach de! Haniicvcrschen Tagung wesentlich hcrabstimmen müssen. Ei.1 wahres Tohuwabohu schon in den elementarsten Bestrebungen fiir die Gcgenwart. Selbst an direkter Opposition gegen die Kolonisaiions- und Ansicdehmgstätigkcit im heiligen Lande fehlte cs nicht. Die ״zionistische Vereinigung für Deutschland" könne die Verantwortung für solche Arbeit nicht übernehmen, da sie keine Garantien fiir die Sicherheit von Leben und Eigentum bieten könne.“ Im selben Atemzuge aber bcschiicsst man eine Palästina- Steuer von 1 Mark pro Kopf und die Bildung einer besonderen Gruppe für Koionisationszwccke in Palästina. Auf der einen Seite telegraphiert man an den deutschen Kaiser, der den Allerhöchsten Dank für den Ausdruck der Treue zu .Kaiser und Reich übermitteln lässt, und auf der andern Seite ruft man nach der Bildung jüdisch-nationalstantlicher Parteien und Prcssorganc für national-jüdische Aspirationen auf deutschem Boden. Die Klarheit und Besonnenheit war •wohl nie ein besonderer Grundzug der Jüdisch-nationalistischen Schwärmer, die vom österreichischen Nationalitätendusel inii/iert. dies Donau-Gewächs auch bei uns deutschen Juden einführen wollten. Eine jüdische Fraktion im Deutschen Reichstag neben Polen. Dänen. Welfen, Kittauern — c!n solches Vcrlangen überschreitet denn doch wirklich das Mass desjenigen, was man zionistischer Schwärmerei nachschcn könnte. Die deutschen Juden werden für solche nationale!: ^onderbestic- Innigen nicht zu haben sein, und der Zionismus wird durch die Propagierung,solcher jüdisch-nationaler Uten In Deutschland höchstens die Sympathien, die hier und da vorhanden. sind, dem Zionismus rauben. Wir deutschen Juden haben keine jüdiseh-nationalstaatliehen Bestrebungen auf dem Gebiete der deutschen Wirtschatts־. Sozial- und allgemeinen Politik zu treiben. Es ist .nachgerade an nationalem Chauvinismus genug vorhanden in