Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 342 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 23 hier zusammen gekommen seien. Die Resultate dieser Tagung des Zentralkomitees zeigten sich in den Verhandlungen des Delegiertentages, so dass cs sich erübrigt, einen Sonderbericht Ober diese Sitzung Jetzt hier voranzuschicken. Allgemein sei bemerkt, dass diese Sitzung gleich zu Beginn mit Differenzen begann, die im Laufe der Verhandlungen mehr und mehr in den Hintergrund traten. Am Abend herrschte bereits in allen Räumen der Börse ein lebhaftes Treiben und Wandem, und die Begriissung der Gäste durch die Ortsgruppe und dieser durch die Delegierten zeigte die Harmonie, die trotz aller Differenzen und scheinbaren Meinungsverschiedenheiten die grosse Masse der deutschen Zionisten unter sich und mit den Oesinnungsbrüdern aller andern Länder einigt. Erst in später Nachtstunde leerten sich die gastlichen Räume. Am Dienstag Abend findet eine öffentliche Versammlung .statt, in der Dr. Bodenheirner, Dr. Friedemann und Dr. Klee reden werden. 1,' Sitzung. Montag, den 4. Juni 1906, vormittags. Der Vorsitzende des Zentralkomitees, Rechtsanwalt Dr. M. J. Bodenheirner aus Köln cröffnctc den Delegiertentag durch die Ansprache, deren stenographische Wiedergäbe uns wichtig genug schien, dass sie a!1 der Spitze des heutigen Blattes steht. Die Rede, die nicht als eine Mcinungsausseruug des bisherigen Zentralkomitees angesehen, sondern als eine freie Acusserung des nunmehr zehn Jahre lang an der Spitze der deutschen Zionisten stehenden Leiters unserer Bewegung in Deutschland aufgefasst werden wollte, wurde mit Beifall von der Versammlung entgegengenommen. Es folgte die Wahl des Bureaus, zu der Dr. Adler-Lübeck anstelle eines Permanenzausschusses namens des bisherigen Zentralkomitees Vorschläge machte. Es wurden Bodenh e i m e r als Präsident. R.-A. Oroncniaiin-Hannover und Prof. Warburg -Berlin zu Vizepräsidenten, sowie sechs Beisitzer gewählt. Nachdem das Bureau seine Plätze clngenonimen hatte, ging man zur Feststellung der Tagesordnung und beschloss, zuerst einmal die allgemeinen Berichte nacheinander anzuhören, um sodann in die allgemeine Diskussion einzutreten. Bericht des Zentralbureaus Darauf erstattete Herr Rechtsanwalt H a h t k c - Berlin den Bericht des Zentralbureaus. Der Redner nahm für die Einzelheiten auf den auch in der WELT erschienenen gedruckten Bericht Bezug. Die Sammlungen sind gegen das Vorjahr um 20 gestiegen. Dieselben konnten fast abzugslos an das Aktionskomitee abgeführt werden, da die Nationalfondverwaltung nur ihre baren Auslagen berechnet und die JÜDISCHE RUNDSCHAU die Spenden ohne Entschädigung für ihre grossen Unkosten abdruckt. Der Eingang der Schekelgelder und Landesbeiträge ist befriedigend. Eine cndgiltigc Abrechnung konnte nicht gegeben werden, da das Rcchnungs- Jahr noch läuft. Die materielle Tätigkeit des Zentralbureaus war entsprechend den Gesetzen der Partei der Propaganda und dem Ausbau der Organisation gewidmet. Ihr Erfolg war die ständige Wcifcrcntwickehmg der Organisation in Deutschland. die Gewinnung neuer Stützpunkte und die Ausbildung der alten Oruppen Selbstverständlich kann die. Zentrale nur Anregungen geben, Lässige antreiben, die Materialien beschaffen und für die Parteigenossen bcreithalten. Die Ausführung dieser Anregungen, die Benutzung der Materialien, kurz die Durchfuhrung der Agitation ist und bleibt Aufgabe der Ortsgruppe und Vertrauensmänner. Insbesondere fordert der Berichterstatter den vollständigen Ausbau der Gruppcnvcrbändc. die dort, wo sic tätig sind, hervorragende Resultate erzielt* haben.; Der ebenso sachliche wie Jeden rednerischen Prunk vermeidende Bericht wurde mit grosser Aufmerksamkeit und sichtlichen! Interesse entgegengenommen, worauf Dr. Adoll Friedemann seinen Bericht über die allgemeine Lage erstattete und dabei etwa Folgendes ausfiibrte: Der allgemeine Bericht Dr Ad. Friedemann Meine Herren, wenn ich Ihnen über die allgemeine Lage» der zionistischen Bewegung Bericht erstatte, so habe ich zunächst der inneren Entwicklung zu gedenken, die unsere Bewegung seit dem letzten Kongresse genommen hat. Es ist eine Vermehrung der Anhängerzahl fast in allen Ländern zu konstatieren und insbesondere in Australien bat sich eine ganz neue Landesorganisation gebildet. In den Ländern mit älteren Organisationen war die zionistische Agitation eine rege, vor allem war die Neugestaltung- Österreichs, welche durch die Umgestaltung des Parlaments nach Nationalitäten c׳■folgte, das Signal für eine lebhafte Bewegung zu Gunsten de: Autonomie der österreichischen Juden. Dieselbe begegnete lebhaften Sympathien überall da, wo die Juden in dichteren Massen zusammensitzen, vor allem in Galizien und der Bukowina, deren verdienter Abgeordneter Dr. Strauchcr die Wünsche der österreichischen Jtidenhcit auch im Parlament mannhaft verfochten hat. Die Zionistische Landesorganisation w׳ar die' eigentlichste Förderin dieser Bewegung und ihr Landesobmann Dr. Schallt durfte dem Ministerpräsidenten über die Fordertmgcn des indischen Volkes Bericht erstatten. Erfreulicherweise sind auch von Abgeordneten anderer Nationalitäten die Aufonomieforderungen der Juden unterstützt worden und so zeigte sich wieder, dass die nationale Selbstachtung stets auch die Achtung anderer Völkerschaften zur Folge hat. (Lebhafter Beifall.) Mit tiefem Schmerze verweile ich bei dem grauenerregenden Verfolgungen, denen unsere Brüder in Russland im Herbste des Jahre 1905 ausgesetzt waren. Erfreulicher Weise hat diesmal die gesamte Kulturmenschhc't in höheren; Masse als frühe־ Protest gegen die Grcucltatcn erhoben, denen tausende unsrer Brüder zum Opfer fielen und wenn auch Mitgefühl und materielle Unterstützung die Toten nicht beleben, nnd die Verstiimmclten nicht hellen konnte, so hat sich doch wenigstens afs gute Folge eine Verstärkung Jenes Gemeinschaftsgefühls gezeigt, das man bei uns so oft fälschlich vorausset/t, das aber leider bei früheren Gelegenheiten sich oft also so hetrübend schwach gezeigt hat. Wie hclllcuchtcndc Punkte heben sich aus dem Dunkel mittelalterlicher Nacht die Heldentaten ab, welche gegenüber den plündernden Pöbclhaufen von der Sei bst wehr vollbracht wurden, und die man ohne ()hertreibung den Taten der Makkabäer vergleichen ‘darf. Wir freuen 1ms dieser Taten und begrfissen von ganzem Herzen das Wiedererwachen des Selbstbewusstseins der Juden, das einen so wesentlichen Teil der nationalen Genesung bildet. In Deutschland selbst ist erfreulicherweise die kurze Zeit getrübte Einigkeit der Gesinnungsgenossen wieder bcrgcstcllt״ nachdem das Zentralkomitee in seiner Sitzung vom vorigen Herbst ein alle Teile befriedigendes Programm entworfen hat Die Arbeit wurde unverzüglich wieder aufgeuommen und mit Freude kann konstatiert werden, dass die Anhänger aller Ric’>- hingen sich lebhaft an der Agitation des letzten Winters bcteiligt haben. Eine grössere Anzahl neuer Ortsgruppen wurde gegründet, die bestehenden Ortsgruppe!! fanden zahlreiche neue Anhänger, so dass sich die deutsche Organisation wesentlich gestärkt hat. Den besten Beweis hierfür liefert die Voran* staltung des vom Engere!! A.-K. augeordneten Schekcltagcs, der In wahrhaft erhebender Weise verlaufen ist. Das Verhältnis unserer Bewegung zu den andern grossen Org *nis.1 tionen hat sich nicht unerheblich verbessert. Die com Aktionskomitee berufene Konferenz in Brüssel, die über Mas ,nahmen zur Hilfe für unsere russischen Brüder beraten sollte wurde von dem Hilfsverein Deutscher Juden, der ITO und der Anglo- Jewish-Ass. beschickt. Sic zeitigte die Einsetzung einer Kommission, welche ein Zusammenwirken alle» jüdischen Organisationen in die Wege leiten sollte, bedauerlicherweise