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Jüdische Rundschau · 1906-06-08 · Heft 23 (8.6.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 23 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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£eite 340 h’o. 23 JÜDlSCHfc RUNDSCHAU unseren Brüdern die Hofinung winkt, neben der bürgerliehen Freiheit auch die Autonomie des eigenen Volkstumes in gewissen Grenzen als Lohn einer leid- und gefahrvollen, mit blutigen Opfern erkauften Arbeit, für die Freiheit zu erlangen. Wir können unseren Brüdern im Osten nur durch den Ausdruck unserer innigsten Sympathie in dieser Arbeit eine moralische Stütze sein. Wir wissen aber, dass die Sonne der Freiheit auch unscren russischen Brüdern nur umso deutlicher den Weg erleuchten wird, welcher zur endlichen Lösung der Judenfrage und der Judennot des gesamten Volkes führt. Die Aufgabe, welche dem Zentralkomitee in den letzten zwei Jahren oblag, war infolge der Schwierigkeiten der allgemeinen Lage innerhalb der zionistischen Bewegung schon schwierig genug. Sie wurde nicht erleichtert durch die neue Organisation, welche auf dem Delegierteutag in Hambu'rg beschlossen worden war. Der Schwerpunkt aller organisatorischen und propagandistischen Tätigkeit war in das Zentralburcau nach Berlin verlegt worden, sodass das Zentralkomitee lediglich eine beratende Korporation geworden war. Es ist auf diese Art begreiflich, dass das Zentralburean die ursprünglich enger gezogene Grenze seiner Befugnisse wegen der Dringlichkeit einzelner. Aufgaben fortdauernd überschreiten musste. Auch die wegen der örtlichen Entfernung, in welcher die Mitglieder des Zentralkomitees ihren Wohnsitz haben, vorgesehene schriftliche Abstimmung bewahrte sich nicht. Die auftauchende Streitfrage erforderte eine gründliche persönliche Aussprache, andererseits erschien es unzweckmässig, das Zentralkonütec häufiger im Laufe des Jahres zusammen zu rufen, da diesfalls eine so geringe Beteiligung in den Sitzungen zu erwarten stand, dass eine autoritative Erledigung der Differenzen durch solche Tagungen nicht zu erwarten war. Ein anderer Missstand der neuen Organisation ergab sich daraus, dass die Korrespondenz mit den Ortsgruppen und Distriktsverbänden durch das Zentralbureau geführt wurde und demnach der Vorsitzende des Zentralkomitees ausser Stande war, die in den einzelnen Ortsgruppen zutage tretende Anschauung und Bedürfnisse zu übersehen. Mit einem Wort: Es ergab sich die völlige Ohnmacht des Zentralkomitees als oberste Leitung der Bewegung in Deutschland zu fungieren. Diese Ohnmacht zeigt sich am deutlichsten in der Einflusslosigkeit gegenüber der Presse. Hierdurch war das Zentralkomitee fast völlig als eine positive Tätigkeit lahm gelegt und musste sich der Vorsitzende auf eine mehr vermittelnde Tätigkeit zwischen den einzelncn Parteigruppen beschränken. Aus diesen Schwicrigkeiten dürfte es sich erklären, dass der gewaltig sprunghafte Aufschwung der Bewegung in Deutschland einer ruhigeren Entwickelung Platz gemacht hat Dies liegt durchaus nicht an der Einrichtung des Zentralbureaus, dessen Rührigkeit und Energie uneingeschränkte Anerkennung verdient. Der Grund liegt einzig und allein in der Auseinauderlegung zweier zusammen gehöriger Organe, nämlich der Zentralleitung und des Zentralbureaus. Aus diesem Gesichtspunkt halte ich es für eine Aufgabe dieses Delcgiertentages, die Organisation der Zentralleitung einer gründlichen Umgestaltung zu unterziehen. Ich habe hiernach nur noch kurz über dasjenige zu berichten, was das Zentralkomitee trotz der ihm aufgedrungenen Machtlosigkeit als solches geleistet hat. Da ist in erster Linie die Tätigkeit des Zentralkomitees zur Beilegung des Konfliktes zu erwähnen, welcher durch die Bildung von Parteigruppen auch in Deutschland nach dem 7. Kongress begonnen hatte. Als sich die Unmöglichkeit herausstellte, auf dem Zirkularwege sowie durch Korrespondenz eine befriedigende Lösung zu erzielen, fand eine Sitzung des Zentralkomitees in Berlin statt, in welcher nach hartem Kampf eine Einigung der deutschen Zionisten bezüglich ihrer Stellung zu der jüdisch-territorialistischcn Organisation erfolgte. Auch die Beschwerde über die RUNDSCHAU fand bei dieser Tagung eine provisorische Erledigung und das Resultat der Sitzung wurde in der RUNDSCHAU unter gleichzeitiger Bekanntgabe der Gesichtspunkte, aus denen heraus dieselbe erfolgt war, veröffentlicht und es muss konstatiert werden, dass wenn auch auf einzelnen Seiten Widerspruch gegen das in Berlin geschlossene Kompromiss erhoben wurde, dennoch im grossen ganzen der innere Friede in der Organisation der deutschen Zionisten wicderhergestellt war. Bei der nach dem entsetzlichen Unglück unserer Brüder in Russland auf Anregung des Präsidenten des Zentralkomitees in Brüssel tagenden Konferenz hat auch das Zentralkomitee durch eine Anzahl Delegierten teilgenommen. Ich brauche nicht besonders zu erwähnen, dass das Zentralkomitee auf das eifrigste die Hilistätigkeit für unsere unglücklichen Brüder gefordert hat. Das Zentralkomitee war ausserdem bestrebt, ein freundliches Verhältnis auch zu anderen grossen Organisationen der deutschen Juden herzusteilen. Es hat in dem Versuche zur Schaffung des Verbandes deutscher Juden regen Anteil genommen und wurde auf der Gencralversamm- Jung des Verbandes durch zwei Delegierten und den ständigen Vertreter dieses Ausschusses vertreten. Auch an Bestrebungen für die Statistik der Juden hat sich das Zentralkomitee beteiligt und war dasselbe in den 6 Beratungen über das Kuratorium gleichfalls offiziell vertreten. Das Zentralkomitee hat bei dieser Tätigkeit den Standpunkt eingenommen, dass der Zionismus nicht blos Fragen der Zukunft des Jüdischen Volkes zu lösen habe, sondern als eine lebendige Volksbewegung an allen Aufgaben, welche die Gegenwart an uns stelh, zielbewusst tcilzunehmen verpflichtet sei. Wir gehen hierauf insbesondere von dem Gedanken aus, dass je grösser und stärker die staatsbürgerliche und soziale Stellung der deutschen Juden ist, man desto mehr Kräfte für die Teilnahme an unseren allgemeineren und ferneren Zielen zur Verfügung haben müsse. Die deutschen Zionisten haben trotz der Betonung ihres nationalen Zusanimenhauges mit dem Jüdischen Volke niemals einen Zweifel darüber gelassen, dass sie darum ihrer Pflichten gegen ihr engeres und weiteres Vaterland nicht weniger bewusst sind, und dass sie darum auch den Anspruch erheben dürfen, für die Verteidigung ihrer Staatsbürgerliehen Rechte mit aller Energie einzutreten. Wir haben cs dennoch für unser gutes Recht gehalten, durch Vcianstaltung von Versammlungen an verschiedenen Orten gegen die jeder Uebung im Völkerrecht und der Hiimanitat widersprechende Massenausweisung russischer Juden aus dem prcussischen .Staatsgebiet lauten Protest zu erheben. Wir erachten es für eine dem deutschen Judentum zugefügte kränkende Beleidigung, dass allein gegen die ausländischen Juden mit solcher Schärfe vorgegangen wird, während man einwandernden Polen in den Industriebezirken und Italienern im Süden Deutschlands zu 10 000 jede Erleichterung gewährt, um dieselben ansässig zu machen. Die gegen unsere russischen Brüder in Bausch und Bogen erhobenen AnschuWigungen weisen wir als haltlos zurück, nachdem festgestellt ist, dass die Mehrzahl der Einwanderer sich redlich, wenn auch ärmlich, von ihrer Arbeit nährt. Währenddem wir so die Missgriffe der preussichcn Polizei tief beklagen, freuen wir uns, fesstellen zu können, dass der Deutsche Kaiser nach wie vor unserer Bewegung das grösste Wohlwollen entgegenbringt.

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