Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jahrgang Wohltaten Im wunderschönen Monat Mai, wo alle Knospen sprangen, da hat man wiederum einmal tausende von Juden auf das Pilaster geworfen und ihnen sogar die Ruhe auf dem Pilaster verboten. Heimlos und friedlos hat man sie gemacht. Man hat aber Milde walten lassen. Man hat ihnen zum Teil sogar vierzehntägige Fristen gestellt und hat denen, die nach der Erklärung des Ministers in die Zahl der Auszutreibenden gar nicht einbegriffen sein sollen, sogar nur den Rat gegeben, Preussens Staub von den Füssen zu schütteln. Solch polizeilicher Rat ist gut verständlich. Wer erst vier bis 35 Jahre in Deutschland ansässig ist und sich ruhig und flcissig bewiesen und bewährt hat, wird auf die Polizei bcschiedcn und dort im Polizeiton gefragt: ״Sind Sic noch immer, in Berlin? Wann werden Sie abreisen?“ Den dummen russischen Juden kommt der Ton merkwürdigerweise grob vor. Das ist ein Irrtum. Er ist um kein Haar gröber als der der Kosackcn oder der russischen Tscliinovniks. Also was wollen die Leute? — Auch sonst hat man Milde walten lassen. Man hat in der Zeit der Verkeilrssteuern nicht einmal Stempel- Steuer auf die Ausweisungsformularc erhoben, während man doch eigentlich nur für den Bahuverkehr sorgt. Ja man will ihnen die Verkehrssteuer auf Eisenbahnbilfets auch noch ersparen, indem man sic zwingt, vor den! ersten Juli, wo solche in Geltung treten, das gastliehe Prcusscn verlassen zu haben. Indem man ihnen verbietet, Preussen jemals wieder zu betreten oder zu bcfahren, will man sie auch fernerhin davor bewahren, solche Verkehrsstcucr zu bezahlen. Ist das nicht human? Traun wir leben wirklich Im Zeitalter der Humanität In Preussen. In einer solchen Zeit bedarf es seitens der deutschen Juden besonderer Anstrengungen, ihren echten Patriotisinus leuchten zu lassen. Er wird ja auch so ausserordentlich angeregt. Die Rücksichten, die man den lästigen Ausländern gegenüber nimmt, möchte man mindestens ebenso gern den nicht minder lästigen Inländern gegenüber walten lassen, und nur der Umstand, dass das einen noch grösseren Aufwand von Hamanitüt verlangt, ist es zuzuschreibcn, dass bisher diese übergrosse Rücksichtnahme nur darin sich geltend macht, dass man die deutschen Juden verhindert, in die Ofiizierkorps einzutreten, weil die gar zu kostspielig sind. Mart lässt sie nicht Beamte, nicht einmal Nachtwächter werden, dies, um nicht ihren süssen Schlummer in der Nacht zu stören. Man befördert sie nicht zu ordentlichen Profcssoren, weil es sicher viel stolzer klingt, ״ausscrordeutlich“ zu heissen. Man macht sie nicht zu Geschworenen und kaum zu Schöffen, um ihnen nicht durch die Verwaltung dieser Ehrenämter Mühe und Zeitverlust zu bereiten. Man verdrängt sic mit Gewalt aus Posen und Wcstpreussen, damit sic nicht gezwungen sind, unter dem Kampfe der Deutschen und Polen zu leiden. Alles aus Mamanität. Und wer etwa glaubt, dass dies nicht Absicht und wirkliche Rücksichtnahme ist, dass diese Rücksichten auf die russischen Juden auch den deutsehen Juden in gleicher Weise gelten, der braucht nur zu beachten, dass auf die getauften Juden nicht diese Rücksichten genommen werden. Ebenso wie man ausländische getaufte Juden ohne weiteres naturalisiert, während das ungetauften ausländischen Juden niemals zu teil wird, so werden getaufte deutsche Juden ohne weiteres Offiziere, Beamten, ordentliche Professoren und sogar, wenn sie wollen, Wächter der Nacht. Sie müssen, wie die andern, Schöffen und Geschworene werden und werden zur Strafe für ihren notorischen Meineid überhaupt in jeder Weise zurückgesetzt. Unter diesen Umständen ist cs zu begreifen, dass die jüdischen Abgeordneten im prcussischen Landtage sich sehr w׳ohl gehütet haben, in der Angelegenheit der sogenannten Berliner Judenverfolgung das Wort zu ergreifen. Wer ihnen das als Feigheit, als Mangel an Ehrgefiihl auslcgt oder gar meint, dass die Freisinnigen, die uns solche jüdischen Abgeordneten anhängen, dies aus Judenverachtung getan haben, der irrt sich gewaltig. Verlangt man von jüdischen Abgeordneten, dass sie für Juden und gar für ausländische Juden, denen man unverdient so ungeheure Wohltaten erweist, das Wort ergreifen und sich dadurch bei den christlichen Mitgliedern ihrer Parteien als am Judcnschicksal beteiligt zeigen, so verkennt man den Zweck der Partei-Institution jüdischer Landtagsabgeordneten. Sie sind vielmehr dazu da, in Lissa auf den jüdischen Lehrertagen dcutsclmationale Gesinnung zu predigen, sie haben den Zweck, den Pose׳:- sehen Juden zu zeigen, dass nur Bücklinge vor der deutschnationalen Gesinnung der prcussischen Regierung dazu führen, diese gute Behandlung weiter zu üben, die grossen Schaden leiden könnte, wenn man als Jude das verlangt, w׳as anderen Nationen ohne weiteres zuteil wird. Es ist kein Mangel an nationalem Ehrgefühl, kein Bücken und kein Ducken, kein Mangel an politischem Sinn und kein Vogelstraussversteckspiel, wenn die freisinnigen Abgeordneten im Landtag und dne sozialdemo-