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Jüdische Rundschau · 1906-04-27 · Heft 17 (27.4.1906) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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N». 17 J C DIS CMS RUNDSCHAU Seite 211־ weit «rosse Vorteile gebracht hat. Die Niederlassung der wohlhabenderen russischen Elemente in Berlin v ar dazu angetan, das Ocschäftsleben günstig 711 beeinflussen, besonders die Niederlassung solcher russischen Staatsangehörigen, die seit Jahren mit Deutschland in intimem (leschnitsverkehr stehen, und die schon allein aus diesem Gründe ✓ u der Annahm־.• berechtigt waren, hier gastfreundlich atn'geitonintcn zu werden. Die zahlreichen nur aus (]runden der persönlichen Sicherheit ausgewauderten russischen Staatsangehörigen glaubten sich im Bereiche des prcussischen Staatswesens so sicher, dass sie hier ihr Vermögen untcrbrachten. und dass eine nicht unbedeutende Anzahl russischer Familien langjährige Mietskontrakte abschh'ss. uni deren Erledigung und Erfüllung sich nunmehr Prozesse über Prozesse ergehen werden, da sich die Ausgcwicscnen nicht mit Unrecht auf den Standpunkt stellen, dass eine grundlose Ausweisung einen Mietsvertrag autlöst. Und wie den Hausbesitzern, so mag es hundert und alterhundert Geschäftsleuten ergehen, für die es eine Sicherheit im Geschäft mit einem russischen Käufer nicht mehr gibt, weil die rigorosen Ausweisungen die Sicherheit jedes Geschäftes in Präge stellen. Den Ausgewiesenen kann cs, solange sie wohlhabend sind, gleichgültig sein, ob sie ihr Domizil fürderhin in Paris oder Berlin finden, aber die Ausweisung seihst ־wird bei ihnen ein Gefühl atislöscn. das für unseren wirtschaftlichen Verkehr schlimme Folgen zeitigen kann und muss. Wir dürfen schliesslich nicht vergessen, dass unsere Haudelsbezichungen zu Russland noch keineswegs eine so teste Grundlage besitzen, wie es im Interesse beider Länder wiiti* sehenswert wäre, und dass eine solche Handlungsweise der Regierung nicht dazu beiträgt, die Interessen der Völker enger zu verknüpfen. Untergeordnete Polizciorgane halten wir wahrlich nicht für befähigt, solch schwerwiegend; Momente beurteilen zu können. Wir möchten daher den Minister noch in letzter Stunde warnen, den zu straff ungezogenen Bogen zu überspannen. Das Band, das unsere Reichsregierung durch den Handels-' vertrag mit Russland unter schweren Opfern geknüpft hat. wird durch die Politik der prcussischen Polizei durchschnitten, vermutlich nicht zur Erbauung der Reiehsregierimg. der die preussische Polizei dabei zweifellos die Pfade kreuzt. Von dem Oeuischnationalen Handlungsgehilfen verband Zur Charakteristik des nach der Behauptung seiner Verbandslcitung ur.d seines Verhandorgar.s gänzlich parteilosen Deutsclmationalen Handlungsgehilfcnverbandes möge iol״cnt!cr Vereinsbericht der STAATSBÜRGERZKITUNG hier ״Platz finden: ״Im Zwcigvercin Wedding des Deutsch:,ationalen Handlungsgehilfcnverbandes sprach Schriftsteller K. Daring über ..allerlei Tagesfragen der interen Politik". Der Redner heleuchtete eingehend die Immer frecher ihr Haupt erhebende sozialdemokratische Gefahr, die für den 18. März geplanten Spektakel, den Fall N'eisser, die Adelsverlciliung au jüdische Millionäre und andere wenig erfreuliche Vorkommnisse. Berner wies der Redner auf das Herumw iihleu der SeusatioiistuiJ Klatschpresse im Hcnnigschmutz. die sich nach der Art des BLRL. 1AGLBL. sogar bis zu Gedichten verirrt, die an die Adresse dieses Subjekts gerichtet waren. Alle diese Vorkommnisse sind bezeichnend für den Geist der hcreiiibrechenden neuen aber keineswegs besseren Zeit, in der es noch manchen heissen Kamui kosten wird, che der gesunde deutsche Geist jenen fremden Nebel zerstreut hat. der uns zu ersticken' droht. (Lebhafter Beifall. In der sich anschliessenden freien Aussprache, an der sich die Herren Bartel. Sachon. Wutzschky u. a. beteiligten, wurde besonders die Adelsverlciliung an jüdische Grosskapitalisten eingehend besprochen.“ Was das alles mit den beruflichen Interessen einer Hand- Uingsgehilfen-Organisation zu tun hat. ist das Geheimnis der Leitung. Wohl bei keinem Versammlungsleiter sind Anträge und Reden von Mitgliedern anderer, speziell gegnerischer Vereine, beliebt, die die Führung der Vcrsamnilurgsgcsebäite erschwer ren; im Kongressjargon heissen solche Reden ..Kuckuckscler“. Fine besonders fein ausgeklügelte Methode hierfür hat der Dcutschnationalc Handiungsgehili'enverbaud in dem Handbuch für seine• Vertrauensmänner ausgestellt. Dabei muss es. wie wir dem BERLINER HANDLUNG80EMILEEN entnehmen, suuderbar berühren, dass der Reichstagsahgcordnete Schack, seilies Zeichens Vorsteher des Deutsclmationalen Handlungsgehilfenverbandes. auf eine sozialdemokratische Anfrage entgegnctc: ..Behauptungen: wie die. antisemitische Haiidhinggeliilfen seien als Sprengkolumicn organisiert . . . haben mit Wahrheit nichts gemein.“ Demgegenüber teilt das genannte Handlungsgehilfcnblatt folgendes aus dem Handbuch für die Vertrauensmänner des .Deutschnationalen Handlungsgchilfenverbandes mit: ״In sozialdemokratischen Versammlungen sollten Deutschnationale Handlungsgehilfen niemals fehlen. Bei Eröffnung der Versammlung beantrage man Bureauwahl, reiche den Antrag schriftlich ein und halte daran fest, wenn man die Mehrheit hinter sich hat. und erzwinge unbedingt eine Abstimmung. Dann lasse man drei Deutschrationalc Handlungsgehilfen (einen Vorsitzenden, einen Schriftführer, einen Beisitzer) ins Bureau wählen. Der Vorsitzende eröffnet alsdann die Versammlung mit einem Hoch auf den Kaiser und Landesfürsten und erteilt dem ..Referenten" das Wort. Bleibt dieser nicht bei seinem Thema, ruft man ihn ..zur Sache". Es ist ein beliebtes Mittel der Sozialdemokraten, in Handiungsgehilfen-Vereinen die Tätigkeit der antisemitischen Parteien und ihrer Abgeordneten zu kritisieren, das ist ganz unzulässig. In der freien Aussprache, wenn sich Dcutschnationalc Handlungsgehilfen zum Wort melden. haben diese darauf zu achten, dass wir. abgesehen von der Frauenarbeit und dem Lchrlingswcscn. in unseren übrigen wirtschaftlichen Forderungen mit denen der Sozialdemokratie ziemlich übcrcinstininien usw. Auf Seite 3S heisst cs ferner vom Leipziger Verband». ״Der Leipziger Verband gibt 10 Mittuten Redezeit. Es ist also dafür zu sorgen, dass sich möglichst viele Redner (auf einen Zettel hintereinander geschrieben) zum Worte melden, damit der Vorsitzende keine Freunde (?) als Redner cinschicbcn kann. Wo es ttiöglicli ist. kann man auch durch Anträge zur Geschäftsordnung eine längere Redezeit als I») Minuten erzwingen.“ Auf weicher Seite also die Behauntungcn Hegen, die mit ״Wahrheit nichts Keinem“ haben, dürfte hieraus deutlich her- Vorgehen. Akademischer Judenhass Die Pariser JurlstenfakuUät ist als eine Hochburg des Nationalismus bekannt. Diese Gesinnung blüht liier in allen ihren Erscheinungsformen, als Kierikalismus. als Monarchismus, als Antisemitismus,, und zwar im Lehrkörper ebenso wie unter den Hörern. Wie vollständig der nationalistische Geist die Fakultät beherrscht, das ha! ein Vorkommnis der letzten Tage packend geoiieubart. Zur Erlangung der Doktorwürde ist. wie an allen anderen, so auch an der Rcchtsfakultät eine Dissertation vorgeschrieben. Diese ״These" wird jedoch als blosse Förmlichkeit betrachtet, man stellt so gut wie keine Anforderungen an sie und es ist seit Menschcnaitern nient vorgekommen. dass die Fakultät eine Doktordisscrtatl-.n als ungenügend oder aus irgend einem anderen Grunde zurückgewiesen hätte. Vergangene Woche aber ist dies, vielleicht zum ersten Mal seit einem Jahrhundert, unter eigentümlichen Umständen geschehen. Der Rechtsanwalt am Oberlandesgericht Herr Leon Allemand hatte eine Dissertation ״über die Lage der Juden in Russland" eingereicht. Am 2. März wurde ihm vom Dekan der Rcchtsfakultät der Bescheid, sie könne zur Disputation nicht zugelasscn werden. Als Grund ״ab er an. dass die Dissertatio erstens Meinungen ansdriieke. die den vom Vorsitzenden der Prüfungskommission in seinen Vorträgen verteidigten widersprechen, zweitens in einem Ton gchalten sei. der nicht derjenige eines w issenschaftlichen Werkes sei. Rechtsanwalt Allemand hat sieh gegen diesen Dekanats.- beschhiss beschwerdeführend an den Unterrichtsminister gewendet. In seiner Eingabe führt er aus: ״Meine Dissertation, nach dem Urteil des Vorsitzenden Professors ״ein gewissenhaftes Werk voll interessanter und ergreifender Tatsachen." ist lediglich •;egen der darin ausgedrückten Meinungen zurückgcwiescn worden. Sie haben als«» 'nicht über das Schicksal meiner Dissertation, sondern über das der Freiheit des höheren Unterrichts in Frankreich zu entscheiden . . . Ich habe Tatsachen ausgeführt. Wenn sie erschreckend sind, so hat man dafür nicht mich, sondern die russischen Behörden verantwortlich zu machen. Diese Tatsuchen haben eine Beredsamkeit, die den Gedanken nicht in gleichem Masse eignet. Sie sind schwere Anklagen. Alle Welt weiss. dass die russischen Behörden Judenmorde begangen haben. Wie das antike Gemeinwesen, mit den Zorn der Götter ׳ ahzulcnkcti. Menschenopfer brauchte, so brauchten die letzten Zaren, um sich gegen den Zorn der Menschen zu schützen, Opferungen der Kinder Israels . . . Ich würde allenfalls die Bedenke» der Pariser Juristcnfakuität begreife*, wum sie nicht Werke voll des lieftigs'eu Antisemitismus zugclassen hätte. I» DoktoTdisscrtathmcn hat mau sagen können, dass das jüdische Element zwischen de! Eingeborenen ein fremdes Element ist und dass 1 ur die Eingeborenen als wirklich national angesehen werden können. Die jüdische Rasse soll nach den Verfassern dieser Werke eine Rasse sein, die man aus der Gesittung, aus der Menschheit ausstosscu müsste. Der Felder, den ich in meiner Dissertation beging und den begangen zu

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