Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-04-27 · Heft 17 (27.4.1906) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651464--03480-2660410
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4N0. 1׳ JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite >39 Ferner nimmt die Auswanderung,' besonders nach dem lieiligcn Land, das die mystisch veranlagten yemcnitischcn Juden unwiderstehlich .heranlockt, einen stets grösseren Umfang an. Sie bilden bereits in Jerusalem eine beträchtliche Kolonie, und sind dort besonders als Maurer und als Steinliaucr tätig. Sollten sie aber fortiahren, massenhaft nach Palästina herbei/.nströmen. so entstände daraus für dieses Land, dessen Industrie und Gewerbe erst im Werden begriffen sind, und aas schon den zahlreichen ansässigen Handwerkern einen Broterwerb zu verschaffen ausserstaude ist. eine Wirtschaftliehe Krisis, der nur durch Bekämpfung der Einwanderung vorgebeugt werden kann. Es wäre daher zweckmässig, die Juden aus Yemen auf die Gefahr einer solchen Massenauswanderung hinzuweisen und ihnen zu raten, nach einem anderen Lande, so z. B. nach Ägypten, wo der Broterwerb ein leichter Ist, xu lenken. (Schluss folgt.) Rundschau * Die deutsch-russischen Handelsbeziehungen und die Ausweisungen Pen! BERLINER TAGEBLATT wird geschrieben: Per Artikel 1 dis deutsch-russischen Handels- und Scltifiiahrtsvertrages vom 2*. Juli 190•! besagt in seinem ersten Absatz wörtlich: ,.Pie Angehörigen eines der beiden vcrtragschliessctideii Teile, welche sich in dem Gebiet des anderen Teiles niedergelassen haben oder sich dort vorübergehend aiifhalten, sollet! 1!nrt im Handels- und Gewerbebetriebe die ח Umliehen Rechte gemessen und keinen höheren oder anderen Abgaben unterworfen werden als die Inländer. Sie sollen in dem Gebiete des anderen Teiles in jeder Hinsicht dieselben Rechte. Privilegien. Ereiheiten. Bcgün stigungeii und Befreiungen Italien wie die Angehörigen des meistbegünstigten Landes.” Eine präzise, einwatidsfreie־Passung für ein derartiges Ab־ kommen, eine Easbuug. die keinen Zweifel darüber lässt, dass die heulen’ veriragschiicssettden Telle, die russische und dcutscitc Reichsregierung, sich der hohen kuhurcüen Bedeutung eines solchen Vertrages, der eine wirtschaftliche und politische Annäherung zweier Völker verbürgt, bewusst gewesen sind! Aber - der Artikel hat noch einen Nachsatz, der einen Teil der Bedeutung des Artikels wieder ausschaUet. ..l:s herrscht jedoch darüber Einverständnis" - so heisst es in diesem Nachsalz - . ,.dass durch die vorstehenden Bestimmungen die besonderen Gesetze. Erlasse und Verordnungen auf dem Gebiete des Handels, der Gewerbe und der Polizei nicht Ikn rührt werden, welche in jedem der vertragschliessenden Länder gelten oder gelten werden und auf alle Ausländer Anwciidnng finden." Dieser Nachsatz ist es. der einen deutschen Bundesstaat, das Königreich Preussen. formell berechtigt. Auswcisungsmassnalmien zu treffen, die in ihrer unglaublich schematischen Handhabung zu den ernstesten Bedenken Altlass geben müssen. Wenn die anscheinend von der pretissischen Regierung halbamtlich verständigte RUSSISCHE TELEüRAPHENAGEN- TUR eine Meldung in der russischen Presse verbreitet, dass die Aufforderung, das preussischc Staatsgebiet zu verlassen, nur an mittellose und beschäftigungslose russische Staatsangehörige ergangen sei, von denen man beftirch:en müsste, dass sie der öffentlichen Armenpflege zur Last fallen würden, sowie an solche Personen, die sich nicht int Besitze der erforderlichen Ausweispapiere befanden, so ist das als eine Entstellung der Tatsachen zu bezeichnen. Niemand würde den preussiseben Behörden einen Vorwurf daraus machen, wenn die Ausweisungen entsprechend der offiziösen Meldung wirklich lediglich unsaubere oder mittellose russische Elemente beträfe, die der öffentlichen- Armenpflege zur East fallen könnten. In Wahrheit alter erfolgt die Ausweisung wähl- und planlos: anscheinend subalternen Organen überlassen, zeigt sie, sicherlich in Verkennung der ministeriellen Anordnung, die bekannte und berüchtigte burcaukratische Eorm, die jeder Klugheit, jeder Logik Hohn spricht. Wir können a k t c n m ä s s i g feststellen, dass, und zwar sogar in erster Linie eine lange Anzahl solcher russischen Staatsangehörigen grundlos und gesetz- und vertragswidrig ausgewiesen wird, die den Nachweis eines ausreichenden Verdienstes oder eines bei hiesigen Banken deponierten V c rmöKens, das sich in einzelnen Fällen bis auf vier, film und mehr Millionen Rubel beläuft, erbringen können. Wir bcsitz.cn ■ Beweise, dass die Ausweisungsbefehle, die alle gleichlautend und hektographiert sind, weder.den Mi 1110־ n ä ren noch den Gelehrten verse I! o n e 1!. weder den immatrikulierten Studenten noch die 15jährige Schii- 1 e r i n eines Mädchenpcusionats. weder den im Dienst befindliehen unentbehrlichen Arbeiter, noch die 75jäl’״ige Dienstmagd. die seit mehr als 2יי Jahren in Deutschland das Gnadenbrot bei einer deutschen Familie geniesst. bei der sie über 30 .labte itt Stellung ist! -.- Heute spielt die polizeiliche Ausweismigspolitik Tausende über die deutschen Grenzen, die den Beweis ihres zum mindesten materiellen Wertes für unser Erwerbsleben i:1 den rund drei viertel Milliarden Mark betragenden Depots in den Berliner Banken erbracht haben: natürlich ist sich der Beamte der Schöncberger Polizeidirektion der wirtschaftlichen Tragweite seines Schrittes kaum bewusst gewesen, als er den russischen Millionär Berlin aus Riga, den grössten H o l 7. h ä 11 d le r der Welt, dessen geschriftliche Tätigkeit sich in! Werte von vielen Millionen nach Deutschland erstreckt, und der ein H e e r von dcutsehen Arbeitern beschäftigt, .über die Grenze schob. Nicht minder schädigt die Polizei unsere Industrie, wenn sie ihre Ausweisungsdekrcte über die polnischen und russisclten Textilarbeiter und Tabaksclincidcr ausschiittet. nicht minder den Ruf unserer Wissenschaft, wenn sie den Geheimen Hofrat Dr. Schwarz., einen Mediziner von Ruf, der sich Studien halber in Berlin aufhielt, auswies!-— Auf eine andere Seite, die rein konfessionelle, soll hier ebenfalls nicht eingegangen werden. Die rein w i r tschaftliclic und materielle Seite dieser Ausweisungen ist cs. die wir erörtern wollen, weil sie bei einiger Ueberlcgung auch die leitenden Männer der Reichswie der preussiseben Stantsrigierung dazu führen muss, dem gefährlichen Umsichgreifen dieser Ausweisungen Einhalt zu tun. Es kann von keiner Seite bestritten werden, dass der in der Eolgc der russischen Wirren erfolgte Zu f I u s s rus• s i s c 11 c 11 Kapitals der deutschen Finanz- und Geschäftsgehen soll. Gibt cs denn keine Hoffnung mehr für das Volk? Soll es denn ganz zu Grunde gehen, qualvoll dahinsicchen ohne Ehre? Soll ich denn ewig das Bewusstsein tragen, dass unser Volk unrettbar dem aller• grässlichsten Schicksal verfällt, das nur zu denken ist?" Da lächelte der Prophet mild und, sprach: ״Und ־warn»! hast du mir das Unglück und den Verfall dir angesehen? Warum bist du nicht nach Palästina gegangen? ־ Zu gleicher Zeit, wo das Volk allerorten sielt auflöst, wird der beste und edelste Teil des ganzen Volkes daran gehen, nach Palästina, in die uralte Heimat zurückzu• kehren, um auf ureigenem Boden die alte Herrlichkeit in utigescUwächter Kraft wiedevznerkämpten. Wärest du nach unserem eigenen Lande gegangen, so würdest du gesehen haben, wie aus kleinen und schwachen Anfängen die ungebrochene Volkskraft von neuem enstchen und zur herrlichsten Blüte sich entfalten wird. Also sei getröstet! Dein Volk, cs geht nie und nimmer zugrunde! Und gerade aus jener Zeit des aller• tiefsten Verfalls heraus, die du gesellen hast, wird die neue Blüte hervorgehen, die das Volk schaffen wird, herrlicher denn je zuvor!‘־ ״O darf ich sie sehen, diese glückliche, diese Herrliehe Zeit, lass mich nur noch einmal schauen ....** ״Nicht alles“, sagte der Prophet, ״ist eine m vergönnt. Lebe und arbeite für das Glück deines Volkes. Sei gesegnet, edler Sohn des Jekutiel!“ ״Ich will für mein Volk kämpfen und wirken und dem Könige Jannai gehorsam sein!“ sagte der Jüngling; da bemerkte er, dass der Prophet verschwunden war. Auf der Strasse naliete von fern der Lärm einer Volksmenge, die sich rasch näherte. Ben-Jekutiel ver- Hess den Garten, um die Tiirc hinauszutreten. Weithin tönte der Ruf: ״Der König Jannai ist tot. Es lebe die Kö 11 ig i 11 S a 1 o m c Ale x andr a!“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.