Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Fs gibt in Russland Tage, au denen es selbstverständlich, ist, dass alle, die nicht dem. :!!!testamentarischen Glauben angeboren, einen nach Stand und Vermögen versehiedenartigen, nach der Menge des genossenen Alka-!101s aber nicht allzu verschiedenen Rausch haben müssen. Dazu dienen die Feiertage, die im russischen Kalender häufiger sind, als in dem katholischen und protestantischen zusammengenommen. Und dass der Alkohol auf die Seele und den ״Mut“ der Russen wirkt, das erfuhren die Preussen, die sie bei Zorndorf über den zerschlagenen Branntw eirifässern die Niederlage feiern fanden. Weihnachten und Ostern sind in diesem Sinne ganz besonders bevorzugte Festtage. Der Mut schwillt au, entsprechend der Menge des genossenen Spiritus; —und die Judenschlächterei beginnt. Die Russen haben zudem es von den westlichen Nationen und den byzantinischen Griechen, denen sie ohnehin alle andern Errungenschaften der Kultur verdanken, die sie sich in so hohem Masse angeeignet haben, gelernt, dass cs in Europa zum guten Ton gehört, zu Ostern ein wenig mehr als im ganzen Jahre in Judcnlictze zu machen. Die Losung ״Friede auf Erden“ wird bei manchen Gemütern tiefer empiuiidcn, wem! die Juden von diesem Frieden ausgcnominell sein sollen. Also diesen guten Ton in Europa haben die Russen hingst abgclauscht und in diese Alelodie haben sie immer am kräftigsten eingestimmt, wie ja Bieriiiid Branntweiustimmcn immer eine zwar nicht allzu melodische Klangfarbe haben, aber eine desto kräftigere Resonanz finden. . Alljährlich finden daher in Russland kleinere oder grössere, und in den letzten Jahren recht grosse Judenhetzen zu Ostern statt, wenn es auch der russischen Regierung in diesem Jahre besser passte, die Adventzcit zu den grossen Judcnmorden zu bestimmen. Diese Novembermorde, die in ihrem ganzen grausigen Umfange noch immer nicht bekannt geworden sind und die ein weit fürchterlicheres Unheil über ein schwaches Volk gebracht haben, als selbst die entsetzliche Katastrophe von San Francisco bedeutet, wurden von der russischen Regierung als ein spotaner Ausbruch der Volkswut ausgegeben, als wenn cs In Russland solche spotanen Ausbrüche gäbe, ausser nach ausdrücklicher Anordnung des Pristaw, der Isprawnik und der hohen Regierung. Die wirklichen Ausbrüche einer erbitterten Volksseele, die sich in der formlosen Hinrichtung der milregierenden Mörder zeigten, sind doch gegenüber diesen Massenmorden von Juden, dieser systematischen Vernichtung des Eigentums, dieser entsetzlichsten aller vertierten Gemeinheiten recht gering. Nach den Novembermorden durfte man erwarten, dass zu Ostern sich diese Mordtaten in verstärktem Masse wiederholen würden. Die gedungenen Mordbanden warteten darauf und rechneten ganz gewiss damit, dass sic zu Ostern wieder ihren ״Tagelohn“ verdienen* würden, der ausser einer festen Taxe in bar in dem herrlichsten Genussmitte!, in Schnaps, zur Auszahlung kommt. Aber die russische Regierung braucht Geld. Sic bedarf dessen zur weiteren Unterdrückung des Volkes, zur weiteren ungestörten Abscblachtung der Juden. Und wenn grade jetzt eine Judenhetzc losgingc, wo man die neue Anleihe unter Dach und Fach bringen will, so würde das die Anleihe schädigen und man würde 11111 einer Ostcrhetzc willen eine viel grössere und umfassendere und gründlichere Judenhetze für später gefährden, wo die glücklich arrangierte Anleihe die Bewegungsireilicit 111 dieser Richtung geben würde. Das ist der Grund, weshalb die russische Regierung jetzt unter keiner Bedingung die Judcnlictze zulassen wollte. Sic will das Grössere und Gründlichere nicht durch das Kleinere gefährden. Es ist aber sehr bedeutsam für die Novemberverfolgungeu, dass jetzt, wo die Wahlen zur Reichskomödie ״Duma gossudarst vcnnyja“ geheissen, die Gemüter erhitzt haben, es gar keiner besonderen Massrcgcln seitens der Regierung bedurfte, um die brüuchliche Osterjudenhetze zu verhindern. Es genügte vollständig, dass sie die schon üblichen Tagegelder. und Schnapsrationen, die für Judcnkrawalle regierungsseitig festgesetzt sind, nicht zur Auszahlung resp. zur Verteilung brachte, um das Land in völliger Ruhe zum Ostertage zu sehen. Man muss den Geldjuden und Judcnstänmilingen zeigen, dass man so viel Rücksicht auf ihre religiösen Gefühle nimmt, dass man die Judcnlictze während der ]Bergung der Anleihe unterlässt und um einige Wochen bis nach der Emission aufschiebt. Wer kann noch an der Juden• freundlichkeit des Grafen Witte zweifeln, wenn er, der doch als Balte ein geborener Judenfeind ist, dessen Frau doch täglich ihrem Manne durch ihre blosse Existenz gegründeten Anlass zum Judenhass gibt, seinen »