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Jüdische Rundschau · 1906-04-20 · Heft 16 (20.4.1906) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 230 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 16 nimmer aber damit diejenigen Verhältnisse beseitigt würden, die an ihrem körperlichen und geistigen R u J r. arbeiten. Diese würden itn Gegenteil, wie cs bei uns im Westen sich erwiesen hat, in vieler Hinsicht sogar nur noch verstärkt werden. Darum kann die Losung unserer jüdische־. Sozialpolitik nur heissen: führt jene Massen aus den ungesunden. künstlichen Lcbcusvcrhältmsscu der Städte wieder in die gesunden, natürlichen Bedingungen des Landes! Scham den jüdischen Bauernstand! Das ist. was unser grosser Meister Theodor Her/.l in die Worte gelegt hat: ..Die Judenfrage wird an dem Tage gelöst sein, an dem der Pflug wieder in der erstarkten Hand des jüdischen Bauern ruhen wird!" , , , \ (Fortsetzung folgt.) t - Vom österreichischen Ländeskomitee Mittwoch, am 2S. März, fand in Wien eine Sitzung des erweiterten L.K. statt, an der teilnalunen: der Präsident des A.K. David Wolffsohn aus Köln, vom Engeren A.K. Dr. Alexander Marmorck (Paris), die Mitglieder des Grossen A.K, Arch. Oskar Marmorck, K r c in c n e 17. k i, Dr. Kahn, Dr. S c h n i r c r, das Wiener L.K. und inncrösterr. Ü.K.. ferner Dozent Mahler aus Prag u. a. Den Vorsitz führte Dr. Schallt, welcher die Diskussion mit einem ausführlichen Berichte über aktuelle Fragen der inneren Organisation und politischen Betätigung eröffnete. Dem Referate folgte eine mehrstündige Diskussion, welche volle Übereinkunft der Ver- Sammlung mit den von Dr. S c 11 a I i t entwickelten Grund- Sätzen ergab. Der Präsident des A.K. erklärte, dass die derzeitigen Bestrebungen des österreichischen Zionisten seine Sympathien haben und auf seine Unterstützung rechnen können. Er erblicke in der gegenwärtigen Aktion den Ausdruck krättiger Energie. Am Schlüsse der Diskussion gelangten (bei 7,wci Stinunencnthaltungen) folgende Resolutionen zur Annähme: 1. Das A.K. wird ersucht, gemäss dem Organisation*- Statut Schckeiblocks für Österreich nur au das L.K. abzugeben. 2 Die Vcrtraucusversanunlung gibt der Ansicht Ausdruck, dass dem L.K. in allen mit der inncrösterr. Politik Zusammenhängenden Fragen jene Autonomie zu wahren sei, welches das L.K. zur Führung seiner Geschäfte bedarf. Zugleich dankt die Ver- Sammlung dem Präsidenten Herrn Wolffsohn für seine Ausführungeil, aus denen die volle Uebcreinstinmumg zwischen ihm und dem L.K. hervorgeht. Aus einem vom Landeskomitee in Wien an die Zionistische Vereinigung für Deutschland gesandten Situationsbericht entnehmen wir folgendes: Die Vorfälle in Russland fanden in Österreich ein gewaltiges Echo. Das Proletariat organisierte sich überall zu grossen Wahlrcchtsdcmonstrationen. Massenversammlungen fanden in fast allen Städten Österreichs statt, das poiitisghc Leben gewann einen immer kräftigeren Ausdruck. Es war daher nicht zu verwundern, dass sieli in dieser Zeit der atlge meinen Aufregung und Erhebung alle jene Elemente zusammenfanden, die zu wiederholten Zeiten eine persönliche Politik versucht haben, damit aber gescheitert sind. Sie glaubten, dass nunmehr ihre Stunde gekommen sei, und das Interessante war, dass es meistens jüdische Politiker waren, welche sich in Judenpolitik versuchten. Man muss anerkennen, dass sie den Augenblick sehr günstig gewählt haben. In diesen Tagen der allgemeinen Empörung und vehementesten Aufreizung hatte man keine Zeit, die Pläne und Absichten aller diese! Männer zu studieren, sondern willenlos folgte man eben jedem, der sich an die Spitze stellte . Die Welle, die aus Russland heriiberschiug, drohte uns alle wegzuschwemmen, und es war unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass uns nicht der ganze Wind aus den Segeln genommen werde. Dr. Sehaiit als Obmann des Landcskomitces berief für den 20. November eine VertrauesmänncweTsammlung in Wien ein. der die Frage vorgelegt wurde: Welche Vorkehrungen müssen die Zionisten treffen, damit sie im allgemeinen Wahlrechtsrummcl nicht allein ihre Anhänger, sondern aucii alle Juden verlieren? Die Versammlung hielt cs damals für nutzlos, Gcgcnmassregein zu treffen. Wir wären viel zu schwach und viel zu wenig organisiert, sagte man, um auch nur mit der geringsten Aussicht auf Erfolg in die Aktion ein• treten zu können. Nichtsdestoweniger berief Dr. Schallt יה» 21. November eine Parteikonferenz nach Wien, weiche am 3. Dezember stattfand. Dieser Konferenz konnte Dr. Sehaiit die Mitteilung machen, dass es ihm bereits gelungen sei, die österreichische Regierung Von unseren Wünschet zu verstaudigen mid dafür '7.U interessieren•. DeV Aktion kamen auch ausserdem iiussere Momente zuhilfe. Der Ministerpräsident hatte am 2S. November eine Gcsctzesvorlagc mit dem allge» meinen, gleichen und direkten Wahlrecht angekimdigt. Im österr. Parlamente wurden Stimmen laut, dass die nationale Autonomie die notwendige Ergänzung zum allgemeinen Waldrecht sei, um Österreich aus seiner Misere zu helfen. Es wurde von einem nationalen Ausleben aller Völker Österreichs gesprochen Und unter diesen Völkern wurden auch die Juden genannt. Diese nus'serlichen Momente bewirkten es, uass uie Stimmung in unseren Kreisen unischlug, Und als die Partei- Konferenz, die aus allen Teilen der Monarchie besehidkt war, am 3. Dezember in Wien zusammentrat•, fand der Antrag Dr. Schalits einstimmige Annahme. Es wurde anerkannt, dass es eine unumgängliche Pflicht der Zionisten sei. in diesem Wahl* rcchtskampfe Stellung zum Schutze dd jüdischen Interessen zu nehmen. Es wurde der Wünsch ausgesprochen, bei dieser Aktion alle jüdischen Faktoren, auch nichtzionistische, zu einem gemeinsamen Vorgehen zu vereinigen, und es wurde ein sog. Wahlrecliiskomitee eingesetzt, das vorläufig nur aUs Zionisten bestand, in das aber von diesen auch einige andere, ausserhalb der Partei stellende Männer kooptiert wurden. Die Aktion, die mm folgte, gehört sicherlich zu den bedeutendsten, die jemals von Juden in Österreich unternommen worden sind. Das aliein bewies schon die Verblüffung der Regierung und der öffentlichen Meinung, auf die es ganz konsternierend wirkte, als sie plötzlich ehien Machtfaktor wie die jüdische Organisation emportauchcii sahen. Uber tausend Versammlungen haben stattgciimden, au einem einzigen Tage, am 7. Januar, in Galizien 0(1(1. Ein Drittel der österreichischen Kultusgemeinden sprach sich in Zustinmitmgs.idrcssen, die natürlich unserer Initiative entstammten, für die jiidisclmationalc Sache aus. Die Regierung bekam täglich viele Hunderte von Tele graminen. Die Abstimmung, die auf Petiti״r.sbögcn im ganzen Reiche veranstaltet wurde, ergab mehr als 100 000 Stimmen. Es ist mir nicht möglich, alle Einzelheiten dieser kolossalen Aktion des Näheren anzugeben. Aber die positiven Resultate der Agitation für das Wahlrecht beispielsweise darin, dass der Distrikt Stanislau, der bisher über 36 Organisationen verfügte, heute 106 in ebenso vielen Städten zählt. Den tat• sächlichen Eifekt der zionistischen Aktion — mit Stolz, und ohne Selbstüberhebung kann es gesagt werden — kommt nicht nur unserer ganzen Agitation und Organisation im Lande zugute, wir haben für die Sache der gesamten österreichischen Judenheit und der zionistischen Bewegung überhaupt viel mehr errungen, als wir nur je erträumen konnten. Im Abgeordnetenhause gibt cs nur 3 Juden, die aus der dritten Kurie, der Städtekurie, stammen. Da die Handelskammer nach dem neuen Vorschläge wegfäilt, so wären, die alter. Bestimmungen vorausgesetzt, für die Juden nur 3 Mandate iibriggcblieben. Nach dem allgemeinen Schlüssel gebühren aber den Juden etwa 20 Mandate. Nun hat aber die Regierung in ihrem ersten Entwürfe auf die Juden überhaupt keine Rücksicht genommen und die Grundbcstimmungcu waren derart, dass nicht einmal die Aussicht bestand, auch nur einen einzigen jüdischen Veitreter ins Abgeordnetenhaus zu entsenden. Diese Situation wurde von unseren Assimilatioiisjuden und der Hautefiiiance als erstrebenswert anerkannt und es erhob sich von keiner Seite ein Widerspruch gegen diese Absicht der Regierung. Die Regierung war daher sehr überrascht, als wir mit unseren Forderungen au sie herantraten, und es kostete ein hartes Stück Arbeit, sie zu überzeugen, dass unsere Forderungen die Forderungen des gesamten jüdischen Volkes in Österreich sind UU.1.1 UiVdVÖ v#11 ז um י Haute-Finaiice vertreten wird. Zu diesem Zw ecke aber wurde jene gigantische Agitation entfaltet: Der Zweck wurde auch erreicht. Die Regierung gewann die Überzeugung, dass sie bisher aus unrichtigen Quellen ihre Information geschöpft habe, und kam uns entgegen. Dies kam auch in zwei offiziellen Audienzen des Obmannes des Landcskomitecs, Dr. Sehaiit, heim Minister des Innern, Grafen Bylaudt-Rhcidt, zum Ausdruck, »'ach der derzeit vorliegenden W ahlkreiseinteilimg wurden s< sichere Mandate den Juden überlassen, und zwar 2 m Wien |! Gali/fen, 2 in der Bukowina. Ausserdem besteht die Möghchkeit, dass wir noch weitere Mandate auf dem Kompromiss wege mit den Ruthciicn erobern können, wenn cs uns ge• hngt, die Organisation bis dahin soweit auszubaueu, und wenn wir die notwendigen Mittel dazu besitzen werden. Unsere Mtuation ist heute so stark, dass alle politischen Parteien mii uns in \ crhandlimgen getreten sind. Besprechungen finden mit nliea^ Gruppen des Abgeordnetenhauses, die für Galizien 11* »ctraciii Mmnncn, bereits statt. Vor einigen Tagen hatte Dr. Sehaiit eine offizielle Konferenz mit dem Obmann des »olenklubs, Grafen Dzicdus/.ycki. Das ist in grossen Um-

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