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Jüdische Rundschau · 1906-04-06 · Heft 14-15 (6.4.1906) · page 26

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 14-15 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 26)
Language
German
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Seite 216 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 1V15 —ן Aus den Ortsgruppen ן-— Berlin. Hier hielt am Montag, dem 26. März. Dr. Julius Moses aus Mannheim einen Vortrag in e:ner von der Berliner Zionist:schen Vereinigung cinberufenen grossen Volksvcr- Sammlung. Er ieic'rtc in ihr Gabriel R i c s s e r als den selbstbewussten Kämpfer iiir die Emanzipation. Wenn aber Riesser noch für die Rechtsgleichheit des einzelnen Juden kämpfen konnte, so müssen wir heute bereits den Kampf um die Emanzionfon des gesamten Judenvolkcs als eines sittliehen Individuums führen. Der grosse Beifall und die angeregte Debatte bewiesen, *wie sehr der Vortrag gewirkt habe. In der Diskussion kamen besonders jene jüdischen Sozialdemo־ kraten zun» Wort, die das nulla salus extra ccclesiam von der Kirche auf d:c alleinseligmachende Sozialdemokratie übertragen haben. Ausser dem Rciercnten erwiderte ihnen besonders Dr. H. Ci. Hcyman 11, der auf das Beispiel Russlands hinwies, wo der ganze Hass der Revolution die Juden träfe, die für die andern die Kastanien aus dem Feuer geholt hätten, wällrend die freisinnigen Parteien, und nicht zum wenigsten die russische Sozialdemokratie, sich sehr wohl hüten, für die Juden tätig einzutreten. Die Juden sollten VolkspolTik. aber keine Politik für ein fremdes Volk treiben. Die Versamm■ lung nahm einen recht guten Erfolg. Berlin, den 2. April 1906. Dem ..Jüdischen Witz und H11 m o r“ war ein Vortragsabend gewidmet, der am 29. März im grossen Saal des Handwerkervereins stattfand und als eine in jeder Hinsicht erfolgreiche Veranstaltung bezeichnet werden muss. Obwohl die Preise höher waren, als an den früheren Vortragsabenden, war der grosse Raum überfüllt. Ein etwa tausendköpfiges. sehr empfängliches Publikum folgte verstandnisvoll dein einleitenden Vortrag von Dr. Julius Moses. Der Conferencier verstand es, den spezifischen Geist des jiidisehen Humors zu kennzeichnen und durch vorziigheh gewählte Beispiele zu illustrieren, die ' Haupttypen desselben, den Schlemiel. den Schadchen, den Marschalek. den Schnorrer usw. plastisch vorzuffihren und auch die moderne jüdische Satire zu charakterisieren. Als besonderer Vorzug des Vortrags muss hervorgehoben werden, dass Dr. Moses nachdrücklxh und wirksam auf das jüdische Volksbewusstsein als Basis des überall Bleiche Züge aufweisenden jüdischen Humors hinwies und die Rolle des Humors als Tröster in den. ununterbrochenen Leiden des jüdischen Volkes beleuchtete. A11 den nun folgenden Rezitationen beteirgteu vor allem zwei dem Publikum der Vor• tragsabende bereits aufs Vorteilhafteste bekannte Künstler. Herr Fritz Richard. Regisseur atu Deutschen Theater, und Herr Egon Brecher. Ersterer entfesselte durch die nrächti״e Satire von Bernhard Fuchs ..Der standhafte Rabbi“ Beifallsstürme, letzterer brachte eine humoristische Skizze von Perez sehr wirkungsvoll zum Vortrag. Fräulein Jeannc Robert las aus Cronbach’s ..Onkel Jonas“ vor und rcz;tierte hierauf Heinc's ..Donna Clara“ mit der Pointierung einer routinierten Künstlerin. Die heiterste Note brachte Herr Richard Grossniin n vom Deutschen Theater in den Vortragsabend hinein; indem er Szenen aus dem .Pojaz“ von Franzos vorlas und hierauf gemeinsam mit D r. Moses und Herrn Brecher jüdische Volkswitze zum Besten gab. Bis spät in die Nacht zog sich die anregende Veranstaltung h:n und noch immer wollte das Publikum nicht aiiseinaiidergehen. Selbstverständlich konnte das Programm des Vortragsabends das reiche Material ans älteren, und neueren Zeiten nicht erschöpfen. Kompcrt. Bernstein. Moscnthal. Scholem Alcjchcm u. v. a. mussten einer künftigen Veranstaltung Vorbehalten bleiben bei der auch Jungmann*s ..Scblemiel“ mehr zur Geltung kommen dürfte. Der Abend ״Jüdischer Witz und Humor“ war der letzte der vier jüdischen Vortragsabende, die im Februar und März vor einem stetig wachsenden Publikum stattfanden, mn Beweis, dass sie immer regeres Interesse erweckten. Zweifellos habmt die litorarisch-künsflcrschen Veranstnbimgcn. die seit der ״Jüdischen Gedenkfeier" im Neuen Kgl. Operntheater eröffnet wurde«, eme Lücke im geistigen Leben der ]Mischen Bevölkerung gefüllt indem sic es ihr ermöglichten, die ihr stoh'lich am nächsten liegende Kunst in vornehmer Internrctation zu gemessen. Fs soll auch bemerkt werden, dass diese V«. ran'staltungen eine״ grossen Kreis jenes jüdischen Publikums, das sonst allem spezifisch Jiid:schcn sorgfältig aus dem Wec'c ging, herangezogen und in ihm iiidischcs .Bewusstsein geweckt haben. So kann also nur der Wunsch ausgesorochcn werden, dass die erfolgreiche Wirksamkeit auf diesem neuen Gebiete stetig fortgesetzt werden möge. Berlin. 25. März. Der Aushau der Organisation des Ve rbau des der S a b b a t b f r e u n d e hat in den letzten Tagen und Wochen sehr erfreuliche Fortschritte zu verzeichneu. Nachdem sich bereits in den früheren Monaten vier Ortsgruppen: Berlin mit ca. 200 Mitgliedern. Frankfurt a. Main mit ca. *120. Stuttgart mit 18 und Kempen mit ^9 Mitgliedern gebildet hatten, sind jetzt im Laufe der 'etzteu 3 Wochen folgende neue hinzugekonuuen: Fulda mit 130, Hanau mit *IS, Giessen mit *17 Posen tn't SO. Mannheim. München mit ca. 50 Mitglicdem. Die Gründung von Ortsgruppen in Cölti. Nürnberg'. Fürth. Hombur״. Karlsruhe und Königsberg (Pr.) steht u!1mittelbar bevor. Diese Erfolge sind vorzugsweise der aufopfernden Tätigkeit der Herren Vorstandsmitglieder der Frankiurter Ortsgruppe. J. Rosenheim und Moritz A. Loeb zu verdanken welche in Vorträgen über die Ziele und Erfolge des Verbandes an sämtlichen vorgenannten Orten referierten und die etwa hervortretenden Widerstände und Missverständnisse zu entkräften suchten. Auch in Berlin hielt am vorigen Mitlwoch. den 21. März. Herr M. A. Loeb im ..Cafe Gärtner" atn Bahnhof Bellevue einen von einem zahlreichen und gewählten Publikum überaus beifällig angenommenen Vortrag, der _ den Beitritt von *16 Mitgliedern zur Folge batte. Sind diese Erfolge auf dem Wege zu unserem Ziele, der Zusammenfassung aller Sabbathtreunde. auch mit Freude zu bccriissen. so bedeuten sic doch nur eine kleine Etapp'e auf dem Wege dabin. und cs wird nach wie vor lebhaftester agitatorischer Tätigkeit bedürfen, um dieses Ziel zu erreiche«. Die bisherige Erfahrung lehrt, dass Erfolge nur durch persönliche Wirksamkeit, indem in Vorträgen über U:c Tendenz und das Wesen des Vereins Aufklärung ver-!)reitet wird, zu erzielen sind. Im Interesse des Verband es und der Idee, die er vertritt, wäre es daher von höchster Bedeutung und grösstem Nutzen, wenn Freunde unserer Sache, die redegewandt sind und über freie Zeit verfügen können, sich dem gcschäftsführenden Ausschuss als W ander re dner zur Veriiigung stellen, da von zahlreichen Orten aus allen Gegenden Deutschlands Mitteilungen vorliegen, welche für den Fall, dass dort ein Vortrag gehalten wurde, ein erwachendes Interesse für den Verband versprechen zu können glauben. Bei der Ueberlastung der mit der Organisierung des Verbandes beschäftigten Herren ist es aber leider unmöglich, diesem Ersuchen Folge zu leisten. Selbstverständlich ist der Verband mit Freuden bereit, jede derartige Tätigkeit materiell und ideell nach Kräften zu unterstützen. JHW. Posen. In der Zionistischen Ortsgruppe referierte am 31. März Herr Leopold Lcsscr über ..Praktische A r 1) c i t itn Z i o n? s 11t 11 s“. An sein ausgezeichnetes Referat schloss sich eine ausgedehnte Diskussion, die sich insbesondere um das Wirken fiir Palästina und den Territorialgedanken, um d!e Propaganda unter den jüdischen Handlungsgehilfen und um die Stellung zu den politischen Tagestragen und Parteien drehte. Es beteiligten sich daran die Herren Mathias, Ncumark. Dr. Auerbach. Dr. Jeremias, Bukofzer. Brandt., Bcrlowitz. Wollheim. Gutniauu Paradies. David. Schluss יi 12 Uhr. Rostock, 2. April. Sonntag, 1. April, wurde der erste nationaljüdische Vortrag in Mecklenburg gehalten. Dr. Halpcrn aus Hamburg sprach über .,Die Emanzipation der Juden in Russ-!and". Der leider sehr schwache Besuch zeigte, wie gering unter den hiesigen Juden das Interesse an dem Schicksal -’«rer östlchen BriiJer ist. aber der dem Redner iiir seine Inhaltsreichen Worte gezollte wohlverdiente Beifall und insbesondere die interessante Diskussion dürften doch den Beweis erbracht haben, dass eine Wiedererweckung jüdischen Lebens in Mcfckknburg noch nicht möglich ist. A. Nicolai O.-S. Sonntag, den 18. März, sprach Herr Rechtsanwalt S t c i n i t z - G 1 c i \v i t z in dem erst seit kurzer Zeit bestehenden hiesigen Verein für Jüdische Geschichte und Literatur über ״Zionismus“. Der Vortrag weckte bei den zahlreichen Anwesenden lebhaftes Interesse für unsere Be- Strebungen, die einem grossen Teil von ihren bisher nur dem Namen nach bekannt awren.. In der sich anschliessenden Diskussion wurden seitens des Vortragenden die üblichen Einwendungen gegen den Zionismus widerlegt. — Der äugenblickliche Erfolg war der Gewinn von acht Schekelzahlern. Lelpz?g. In der am 24. d. M. abgehaltencn Versammlung sprach Herr Dr. E. Margulies aus Tcplitz über das Thema: ״Kann ein moderner Kulturmensch Zionist sein?“ Den Grundgedanken seines Vortrags: Der Zynismus ist. weil er nach dem Beispiele der anderen Völker nationale und wirtschaftliche Konsolidierung fiir die Juden verlangt, etwas durchaus Modernes und iiir den gebildeten Westcuropäcr Erstrebenswertes * - erläuterte der Referent an einem geistreichen historischen Ucberblick. Er streifte dabei das Ghetto, das die Nationalidcc im religiösen Gewände erhielt, den Beginn der Assimilation, wobei er mit fein psychologischer Begrüiuhmg den Gedankengang der damaligen Juden blossicgtc. die aus der Freiheit bezw. Unfreiheit der Religion auf höhere oder niedere Kultur richtig schlossen, dabei aber den Fehler

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