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Jüdische Rundschau · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 160 JÜDISCHE nicht iäng'er verschliesscn können: dass auch in der Lösung de Judenprobiems ihrer und grade ihrer eine Aufgabe harrt, die nicht minder des Schweisses der Edlen wert ist*, eine Aufgabe, die. wenn sie eingehend erfasst werden soll, wie eine iede die Menschheit bewegende Frage der Zuhilfenahme aller Oebiete des menschlichen Wissens bedarf, die deshalb den ganzen Mann erfordert und an deren Lösung mitzuarbeiten, die Besten grade gut genug sind! Diese ganze Frage muss ohne Voreingenommenheit behandelt werden. Vorher sind aber noch zwei Vorfragen zu beantworten. Zum ersten muss festgestellt werden, worin eine Mensch■ heitsgruppc von der normalen Lebenshaltung' abweicht, muss man sich darüber klar sein, welches denn die Lebensnorm ist, damit wir eine Richtschnur haben, a!1 der wir jene Abweichungen von ihr erkennen und messen können. Das will sagen: Es muss darüber Klarheit herrschen, welches nach den Gesetzen der Allmacht — ganz einerlei, ob wir sic Natur oder Gott nennen — die Aufgabe des Menschenlebens sein soll, ebe man darüber entscheiden will, ob eine ganze Oruppc von Menscheu in Lebensbedingungen sich befindet, die ihrer Lebensbcstimmung entspricht. Unsere Erkenntniswerkzeuge haben sich ja bisher als nicht ausreichend erwiesen, um einen Zweck der Menschheit auf der Welt zu ergründen. Was man mit den Mitteln der naturwissenschaftlich-philosophischen Forschung hat in Erfahrung bringen können, ist allein die Lehre: dass das Leben Selbstzw*eck sein muss. Allerdings nicht in dem Sinne, dass das Leben des Einzelnen als das Höchste gelte, sodass ein Jeder nach Herzenslust und seinem speziellen Geschmack die ihm gesetzte Daseinsfrist auskosten dürfte, ohne Rücksicht darauf, ob seine Art zu leben auch für seine Mitwelt und seine Nachkommen von Nutzen oder Schaden sein könnte — sondern das Leben und die Entwicklung der ganzen Gattung, der er angehört, soll einem Jeden Organismus das Höchste sein. So erklärt Weismann, der grosse Kenner der Natur, die Selbsterhaltung allein als die Leistung des Individuums für die Erhaltung der Art. und auch Im Tode vermag er nichts anderes zu sehen als eine Einrichtung zu gunsten der Gattung und auf Kosten des Individuums. Die Natur selbst lehrt uns ja diese Auffassung, wenn sie uns z. B. bei allen niederen Tieren, allen Insekten ohne Brutpflege sehen lässt dass sie mit dem geschehencn Akt der Fortpflanzung aus dem Leben scheiden müssen. Und auch wir höchstentwickelten Geschöpfe, auch wir Menschen werden, wenn wir nur der Stimme der Natur in uns Folge leisten, ganz instinktiv zur Erfüllung unserer Lebensauf־ gäbe getrieben: zur Selbsterhaltung und Fortpflanzung. Es ist Ja eine alte Weisheit, dass Hunger und Liebe, zwei andere Be- Zeichnungen für dieselben Begrifie, die Pole der ewigen Achse bilden, um die von jeher alles •menschliche Denken und Tun sich drehten, und dass allein in Verfolgung dieser beiden Instinkte aus dem Nichts unser stolzer Weltpalast von heute erstand. Selbstmord aber — und wäre es gar der einer ganzen Gattung von Lebewesen —. Selbstmord ist wider den Willen der Natur, wider unsere Bestimmung auf Erden. — Es muss hier also untersucht werden, ob die Lebensbedingungen der jüdischen Massen in den Ländern, in denen sie sich aufhalten, ihrer Selbstcrhaltung und Fortpflanzung zweckdienlich sind oder nicht — und wenn nicht, worin dies seinen Grund hat und wie dem abzuhelfen sein mag. Und die zweite Frage, die vorweg zu nehmen ist, ist die: ob denn tatsächlich ein Grund vorliegt, die Judcnheit, die doch schon seit Jahrhunderten über die verschiedensten Länder der Welt zerstreut Ist, überhaupt noch als eine geschlossene Menschheitsgruppc zu betrachten und zu behandeln? Die Existenz einer allerorts und durch alle Zeiten hindurch in der Ocficntlichkeit lebhaft diskutierten Judenfragc antwortet darauf mit einem bündigen ״Ja“! Ich brauch die Frage: ob Rassen- oder nationale oder religiöse Gemeinschaft, hier jetzt nicht zu unter- RUNDSCHAU _No » suchen. Es genügt, zu konstatieren, dass der Hass, der seit dem Verlust unserer staatlichen Selbständigkeit überallhin uns auf den Fersen folgt, hier ln milderer, dort in schärferer Form, trotz unseres Auscinanderschwärmcns in alle Richtungen der Windrose, uns als eine historische Gemeinschaft erhalten hat. (Fortsetzung folgt.) Akademisch-zionistischer Verein ״Tchioh‘, Polytechnikum zu Cöthcn L A. Gesinnungsgenossen! Vom 27. März bis zum 3. April v. J. wurde die Frage der ziomstischcn Praxis von dem Katheder des Cöthcucr Polytedmikums von Kapazitäten vielsc'tig behandelt. Wir haben bereits im vorigen Jahre auf die Wichtigkeit der Ferienkurse für koloniale Technik hineew'csen und glauben daher uns nun lediglich auf die Ermahnung beschränken zu cfürfer. dass unsere zionistische Sache eine der Gegenwart ist. und ■wenn schon die Verwirklichung ihres endlichen Ideals noch im Schosse der Zukunft ruht, so beginnen dennoch ihre Anfänge deutlich zu Tage zu treten. Und wehe uns. wenn wir 7um bestimmten Augenblick rat- und tatlos dasieben werden, ohne iceFchc fachmännische Kenntnisse, ohne zu ahnen, wie die Arbeit einzuleiten. Auf uns. auf unsere studierende Jugend wird die Vcrantwortung für all die zukmiftmen Fehler und Verseilen fallen, auf uns, denn in unserer Unreife und Jetziger nachlässiger Haifimg zu den Fragen der kolonialen Technik wird zweifellos die Hauptschuld liegen. Und wer mag es uns Voraussagen, welche Opfer das arme jüdische Volk für unsere Untätigkeit wird .bringen müssen? Allein diese Ferienkurse sprechen genug für sich, und es will den Anschein haben, als wäre cs überflüssig in dieser Angciegenhcit er«t das Wort zu ergreifen. Die traurige Tatsache aber, dass unter den 20(5 Hörern im vorigen Jahre die Juden mit nur 45 Personen vertreten waren, veranlasst uns. unsere Gesinnungsgenossen nochmals auf iiire Pflichten dem indischen Volke gegenüber hinzuwe'scn. Freilich waren die traurigen russischen Verhältnisse eines der Haupthindernisse. Aber wenn wir cs auch zugeben und c ingestehon müssen, können wir dennoch nicht umhin, denjenigen Ces'nnungsgenossen. die hier in aller Ruhe weilten, den Vorwurf zu o^chen. ihren Pflichten ihrem Volke gegenüber nicht nachgekommcn zu sein, indem sic an der Evoiutionsarbeit. die eine der unbedingt notwendigsten für unsere Bc- Strebungen ist. keinen Anteil genommen haben. In d;esem Jahre finden d:e Ferienkurse im Laufe von 8 Tagen, vom 23. Anri! ab. statt. Die günstige Wahl der Zeit unmittelbar vor Beginn des Sommersemesters ermöglicht also eine regere Beteiligung, als im vorigen Jahr. Das folgende Programm gewährt jedermann die Einsicht, wieviel derartige Kurse einem Zionisten zu bieten imstände sind. Also ״Gg.“, auf nach Cöthcn und auf Wiedersehen daselbst! Die Fcrlcn-Knrsus-Koinmlsslon des A.-Z.-V. ״Tchloh“. Programm der Orient-Ferien- Kurse: 1. Rektor Eberhardt. Zarrentin (Mecklenburg) 2 Std.: Die Schulvcrhältnisse in Palästina. 2. Dr. L. Kahn (Wien) 4 Std.: Rechtliche Verhältnisse des türkischen Orients. 3. A. Kaiser (Charlottenburg) 2 Std.: Die physischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Sinai. 4. O. Kraze. Ing., Dozent (Cöthcn l./A.: Ton-, Kalk- und Zementindustrie in den Tropen. 5. Ref. Dr. A. Klee (Berlin) 2 Std.: Zur Staatsverfassung des osmanischcn Reiches. 6. O. Kaiser, Ing., Dozent (Cöthcn i. A.): a) Landwirschaftliclic Maschinen im Orient: . b) Einführung' in die arab'sche Sprache: c) Kulturtccluiik im Orient. 7. Dr. Franz Oppenheimer (Berlin) 2 Std.- Genossenschaftliehe Kolonisation. 8. Said Ruete (Berlin) 2 Std.: Die wirtschaftlich-politischen Verhältnisse in Babylonien (Süd-Mesopotamien). 8. Dr. A. Sandler (Breslau) 5 Std.: Die epidemischen und endemischen Seuchen des vorderasiatischen Orients. 10. Dr. S. Soskin (Berlin) 4 Std.: Palästina in Wirtschaft« lieber Beziehung.

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