Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Benage JUEDISCHE RUNDSCHAU jgx1• N°11 Aus der zionistischen Bewegung Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 1. Die Sammler von Materialien für den Nationalfond werden nochmals dringend gebeten, die Samrnlungen hoch im Laufe des Monats März an Frau D r. Joel, Lübeck, Beckergrubc 88, abzufiihren, bzw. an Ort und Stelle zu verkaufen. 2. Ortsgruppen, welche im Besitz von Nationalfondsbiiehsen sind, für die sic zur Zeit keine Ver- Wendung haben, werden dringend gebeten, diese Büchsen sofort an Herrn Max \V 011 s t e i n e r, Berlin NW. 23, Holsteiner Ufer 10, zurückzu־ schicken. 3. Die Broschüre ״Warum?“, die alte Lehre im Lichte neuer Katastrophen, von •Dr. Leopold Kahn, Wien, ist durch den Verlag JUEDISCHE RUNDSCHAU, Berlin N. 54, Auguststr. 49a, in beliebigen Mengen zu beziehen. 4. Die Palästinakommission veranstaltet in der Zeit vom 25.-28. April d. J. einen Orientierienkursus am Städtischen Friedrichspolytechnikum in Cöthcn i. Anh. Der Stundenplan umfasst täglich 6—7 Stunden. Fs lesen die Herren Rektor Eberhardt, Dr. Leopold Kahn, A. Kaiser, Dr. Klee, Dr. Franz Oppenheimer, Said Ructc, Dr. A. Sandler, Dr. S. Soskin und Professor NVarburg. Das Honorar beträgt nur 10 Mk. Nähere Auskunft erteilt der Akademische Verein ״Tchioh“ in Cöthen i. Anh. Pflichten des jüdischen Studenten Von W i 11 y U n n a. Noch stehen wir unter dem niederschmetternden Eindruck jener entsetzlichen Grcuelmeidungcn aus dem aufgewühlten dunklen Osten, die uns die bestialische Nicdermctzelung. Schöndüng und Verstümmelung von tausenden unserer Stammesgenossen glaubhaft machen wollen. Ja: wollen! Denn noch ist, trotz allen Schreckens der Jahrhunderte, den unser einst so stolzer Stamm am eigenen Leibe hat erfahren müssen, noch ist unser Fassungsvermögen nicht soweit fortgebildet, dass wir die neue Schrcckcnskunde sogleich in ihrer ganzen Orauenhaftigkeit zu begreifen vermöchten. Wo steckt der logische Zusammenhang zwischen: Jude sein und: qualvoll zu Tode gemartert werden? — Noch umnebelt der Schmerz unsere Sinne; noch vermögen wir nichts anderes zu tun, als unsern ganzen Jammer, unsere ganze Qual in einem einzigen Schrei zu entladen. Und diesen Schrei des Entsetzens und der Entrüstung, wir hören ihn aus allen Landen, wo immer nur Ahasvers unstät wandernde Kinder eine Zufluchtsstätte gefunden. Durch die Täler hallt er und von den Bergen schallt sein Echo. — Fast scheint die Trauer so gross, wie das Unglück, das sic beweint. — — ־— Aber wenn der sim\betüuV>e11dc Schmerz erst wieder etwas gewichen ist und das klare Denken wieder seinen Thron bestiegen hat. dann ־— ja dann werden doch sicher die Grossen in Israel, die Gottesgclehrten, die Herren Professoren, Konimerzicu-, Justiz- und Sanitötsrüte, die, um das erste Elend zu mildern, aus ihren grossen Geldsachen beinahe soviel hergegeben haben, als wenn cs sich um die Errichtung eines intcrkonfessionellen Schwimm-Bassins oder gar um die Erbauung einer Kaiser Wilhehn-GcdöclUiiiskirchc gehandelt hätte — dann werden sie doch sicher ihre viclgcrühmte Intelligenz, ihre so oft erprobte, mannigfache Erfahrung dem ernsten Studium der Frage zuweuden: ״Wieso das alles? Was prädisponiert grade den Juden zum Opfer der Pöbeiwut? Warum hält sich grade beim Jude n massenmord die zivilisierte Welt, die doch so gern die Idee der Humanität und ähnliche Theorien im Munde führt, mit ihrer tätigen Teilnahme so bescheiden zurück?“ Und weiter werden sie doch sicherlich erwägen: ״Was nun? Sollten wir am Ende die von uns geübte sogen. Judenpolitik, die in der Tat schon so manches Fiasko erlitten und so verdämmt wenig Erfolge errungen hat. sollten wir sie am Ende doch einmal einer gründlichen Revision unterziehen müssen, wie von einer, uns so unangenehmen Seite seit einem Decennium schon immer und immer wieder verlangt wird?“ Genug der bitteren Ironie! Wir wissen, all das wird nicht geschehen! Noch einige Wochen hindurch wird die geschäftige Aufregung dauern, nötigenfalls werden noch einige Milliönchen dem!Moloch ״Judennot“ geopfert werden, sogar einige Konferenzen wird man ablialtcn — und dann wird alles beim alten bleiben, und all die grossen Herren werden in dem befriedigenden Bewusstsein, für ihre ״Konfession“ ׳mal wieder etwas geleistet zu haben, sich gänzlich wieder ihren beruflichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen hingeben, bis die Scbreckeiiskunde von neuen Progromen sie aufs neue unangViiehm belästigen wird. — Wohlgemcrkt: wir wissen sehr wohl, dass es eine ganze Reihe wackrer Männer gibt, die mit dem ernstesten Willen, dem edelsten Opfermut und der grössten Energie die Besserung der Lage im Judentum sich zur Aufgabe gemacht haben; und ich weiss ihre Tätigkeit hochzuschätzen, auch wenn ich sie nicht billigen kann, ja sie bekämpfen zu müssen glaube. Aber sie sind machtlos gegenüber der Gleichgiltigkeit ihrer Herde! Was sie zur •Bewältigung dieser Riesenaufgabe nötig haben, ist nicht nur Geld und wieder Geld und nochmals Geld, sondern ist die tätige Mitarbeit aller brauchbaren Glieder unserer Gemeinschaft. Und diese fehlt ihnen; sic fehlte ihnen nach Kischincw. fehlte ihnen nach Hornel, Schitomir und Mclitopol, und wird ihnen — leider — auch in diesen Tagen fehlen. Und darum hat der Schmerzensschrei“, der jetzt durch alle Lande tönt, für m i c 11 etwas Widerliches an sich, darum ekelt er mich an. wie die von der Bühne ins Leben herabgestiegeiie theatralische Pose: er ist nicht ehrlieh! Ja, die entsetzliche Behauptung ist nicht übertrieben: die westeuropäische Judenheit gefällt sich in der Rolle des Märtyrers! Sie spielt sie sogar so gut. dass sie selbst gerührt davon wird! Aber wenn das Stück zu Ende gespielt ist, der Vorhang gefallen ist und die Zuschauer nach Hause gegangen sind ~~ dann werien auch die Tragöden ihre Jammermasken bei Seite und scheren sich den Teufel noch um das Trauerspiel! Das muss anders werden! Und wenn die Alten wirklich zu alt sein sollten, um noch jugendfrisch denken und jugendstark handeln zu können, nun, dann werden wir Jungen wohl schnell etwas älter werden müssen, um mit der Einsicht.- die man sonst nur den Alten nachztisagen pflegt, u n d mit unserer Jugend endlich einmal au die cudgiitige Lösung der Judenfrage he rautreten zu können, die wie ein schattenhaftes Gespenst durch alle Jahrhunderte uns angriust. Man sagt ja. das Gemüt sei in der Jugend noch weich, noch empfänglicher für die von aussen kommenden Eindrücke. Wenn das wahr ist —und ich glaube es —־, daun werden die für uns so entsetzlicheu Ereignisse der letzten Jahre auch nicht ohne nützliche Folgen bleiben können. Daun werden auch diejenigen unter uns; die in edler Begeisterung für grosse, allumfassende Ideen der Menschheit ihres in. U 11 m c n s c h i i c h k e i t verkommenden Judenvoikes fast überhaupt vergassen. sich der Erkenntnis