Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Unter der russischen Judennot erleidet die gesamte Judenheit eine psychische und nicht minder eine materielle Depression. Durch das stille Anwachsen des seit Jahrzehnten wieder in allen Kulturländern des christlichen Kuropa so sorgsam gehegten Judenhasses sind die Aussichten der Juden in Marokko recht gering . geworden, auf der Algeciraskonferenz vielleicht etwas für die Sicherung ihrer Person und ihres Vermögens zu erlangen; denn alle Staatsregierungen fürchten, dass ihnen die Verwendung für die allercinfachsten Menschenrechte der pariaartig entrechteten marokkanischen Juden Unannehmlichkeiten in der Heimat eintragen möchte. Die Lage der Juden ist eine so schlechte geworden, dass sogar unsere bevorzugteste Kaste, unsere geschätzten getauften Juden, bereits darunter zu leiden haben. So hat sich zwar der prcussischc Staat sehr genau bemüht, bei der Verleihung des Adels keinen Zentimeter breit von der Parität der Konfession abzuweichen, indem die eine Hälfte der geadelten Juden seit langem der katholischen, die andere Hälfte der evangelischen Konfession angehört, und doch hat man beide herrschenden Konfessionen nicht befriedigt. Selbst in segenannten Judenblättern, die ja insbesondere die Interessen der getauften Juden vertreten, werden diese Nobilitierungcn scheel angesehen, obwohl ja die Geadelten längst durch ihr mutiges Verlassen der äugestammten Nation durch die Tat eingestandeii haben, dass sie den Antisemitismus vollauf billigen. Denn die Taufe eines Juden ist zugleich sein Eingeständnis, dass e r den Antisemitismus für berechtigt ansieht. Er verlässt das Judentum, das er durch seinen Austritt ver urteilt. Dabei kann der Austretcndc sehr wohl von der Wahrheit der Religion überzeugt sein, in die er eintritl. Wir sind von der katholischen Ucberzcugung des päpstliehen Kammerlierrn von Friedländer durchaus ebenso überzeugt, wie von der evangelischen des Herrn Dr. von Caro. Die Parität äussert sich dabei auch darin, dass gegen die Adelung katholisch gewordener Juden nur die Protestanten, gegen die zum Protestantismus übergetretenen Juden nur die Katholiken ihre antisemitisehen Mätzchen und Hetzchen geltend machen. Wie innig überzeugt solche Juden sehr oft von der neuen Religion sind, ersieht man daraus, dass sfc cs für notwendig erachten, sich im preussischen Landtag oder gar im hohen Reichstag zu Schützern des Christliehen Dogmas anfztiwerfen, selbst auf die Geiahr hin, in den Augen Anderer als des Herrn Eickhoff nur lächerlich zu wirken. Denn was dem Jupiter ziemt, ziemt noch lange niclu anderen, die nicht Jupiter sind. Und wer eine Lanze für das Christentum brechen will, dem darf niemand vorwerfen können, dass es 1ür ihn noch den Reiz der Neuheit habe. Dabei kann er ja innig von der Wahrheit des Christentums überzeugt sein und wir sind die letzten, die nicht an die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit glauben bei Juristen, die im reiferen Alter ihre Ucberzcugung von der Erbsünde, der Gottessohnschaft Jesu, der Dreieinigkeit und anderen Dogmen gewonnen haben. ohnediedasChristentum kein Christentum wäre. Zu denen, die von diesen Wahrheiten innig überzeugt sind, gehört auch der vielgenannte Professor Ncisser, der durch die Angriffe auf ihn noch bekam!• ter wurde, als. durch .seine Forschungen, da . man ihm vorwarf, dass‘er Kinder mit Sypliilisgift geimpft habe, um wissenschaftlicher Ueberzeugungen willen. Dieser Mann, der so recht von den Judenfeinden benutzt wurde und noch heute dazu ausgebeutet wird, um dem Judenturne eins anzuhängen, ist gleichwohl so sehr von den Wahrheiten des Christentums überzeugt, dass er nicht nur schon, als er noch ein simpler Doktor und kein Profcssor war, zur Landeskirche übertrat, sondern sogar sich gedrungen fühlt, allen seinen Assistenten immer wieder den sicher aus tiefster Ueberzeitgung kommenden Rat zu erteilen, sich ebenfalls dem Christentum? anzuschliessen. Es kann daher nur im höchsten Masse bedauert werden, wenn ein so überzeugungstreucr Christ wie Prof. Neisser in Stettin das Opfer ruchloser antisemitischer Anpöblungen wurde, die also nicht einmal vor der christlichen Ucberzcugung dieses standhaften Mannes wichen, der drei viertel Stunde lang der Märtyrer der von ihm freiwillig angenommenen Ueber- Zeugung wurde, indem er mutig im Saale blieb, so lange das ohne direkte Gefahr für seinen Gehrock anging. Immerhin ist es bezeichnend, dass in einer Zeit, wo die Judentaufe Stufe und Leiter zur höchsten Macht ist, wo die Staatsgewalt noch immer den Uebertritt prä- »liiert, wo der Prcussische Staat aus den Steuern auch jüdischer Bürger dauernd Unterstützungsgelder für die