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Jüdische Rundschau · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Jahrgang I Purim Das ijt das Charakteristisch der listetbeschichte, mag sie nun historisch sein oder für einen Mythus erachtet werden, dass sich in ihr eine echte Geschichte aus dem Goltis der Juden gibt, in der sich das ganze Golus spiegelt, mit der alleinigen Ausnahme, dass der glückliche Ausgang märchenhaft klingt, wenn Paulus Cassel Recht hat, dass das Märchen sich als ein uncrfüllbarer Wunsch charakterisiert. Golusjudentum ist die Marke von Purim. Seine Helden sind Golushelden, und der Mätmerstolz, den Mordechai vor dem Königsthrone beweist, ist doch recht zweifelhafter Natur neben jenem echten Heldcntrotz, den Mattijahu und seine Söhne in ungebeugter Kraft an den Tag legen. Und die Königin Ester ist doch alles andere, denn eine freie Jüdin, Audi sie repräsentiert ein Stück Golus, das sieh in manchen der bittersten Stunden, die das Judentum durchgemadit hat, in verschiedenen Formen und Personen wiederholt hat. Dabei sind schon die Namen der Helden des Esterbuchcs nicht einmal hebräisch, sondern gerade so Jüdisch, wie später der Name Alexander oder jetzt die Namen Isidor, Siegfried und Moritz. Von Ester wissen wir sogar noch ihren eigentlichen hebräischen Namen Hadassa, der neben dem fremdländischen freilich vergessen wurde. Man mache eine Parallele zwischen Mattitjahu und Mordechai, und man verstellt sofort den unendlichen Gegensatz zwischen dem konservativen Revolutionär und dem geschmeidigen Hofjnden. Purim ist daher in seiner Entstehung und in seiner ganzen Feier recht eigentlich das echte Fest des Golus. Daun aber ist dieses Fest bei den Juden so populär geworden, weil sic in ihm ihre zweitausendjährige Leidcnsgeschichte und sich selbst verkörpert zu sehen glauben. Und ob wir uns bei dem Lesen der Esterrolle an die im Buche Judit erzählte Geschichte erinnern oder an die verschiedenen Purims des deutschen Ghettolebens wie Vinzpurim oder Trierpurim, das eine ist allen gemeinsam, der Zug der Unfreiheit lind des Golus. Die Gelehrten des jüdischen Stammes, die den Untergang des hebräischen Staatswesens mit angesehen hatten, empfanden es, dass diese Estergesehichte so ganz anders sei, als die andern im biblischen Schrifttum erhaltenen Reste nationaler Kultur. Daher ihr Streit, ob das Buch, das obeneiu nicht ein einziges Mal den Namen Gottes nennt, unter die kanonischen gehöre. Und doch wünschten sie seine Erhaltung so sehr, dass sie den Ausspruch taten, dass Purim fortbestehen werde, wenn alle andern Feste längst nicht mehr gefeiert würden. Aber durch eine sinnige Parabel gaben sie der Purimgeschichte einen viel tieferen Inhalt. Sie erzählen, dass Hainau lange gesucht habe,! welcher Kalendertag wohl für sein judenieindliches Unternehmen der geeignetste sein würde, und als guter Kenner der jüdischen Geschichte, — denn als ein solcher tritt er uns entgegen — wusste er in jedem Monat so viel verdienstliche Taten von Juden zu finden, dass er sich nicht getraute, diese Monate auszulosen, um sie dem Verderben der Juden zu bestimmen. Nur der Monat A d a r hatte keinen Festtag, der irgendwie ihn hätte stutzig machen können. So wurde denn er zum Vertilgen der Juden ausersehen. Und hier hatte Hainau den grossen Fehler gemacht, der seine feineingefädelte Sache scheitern liess. Er hatte übersehen — übersehen, weil dem. Judentum jeder Personcnkultus fern geblieben ist —, dass acht Tage vor dem von ihm gewählten Datum, am 7. Adar, der Geburts- und Sterbetag unseres grossen Lehrers Moscheh ist, die Jahrzeit von Moscheh Rabbenu, wie sie noch heute volkstümlieh heisst. Aber Moses Verdienst ist so gross, dass," wenn man in eine Wagschale ganz Israel in allen Zeiten und allen Geschlechtern samt und sonders legen würde und in die andere allein unseren Lehrer Moscheh, doch die Wage Israels sich nicht senken würde. Das Verdienst Moses hat Hainau übersehen, und das Verdienst Moses war es, dass sein Volk aus der tückischen Hand des Feindes gerettet hat. Diesen | Inhalt hat die talmudische Legende dem Purimfest gej geben. Darum ist Purim auch so recht eigentlich ein Fest des siegenden Mosaismus. Zwar, nicht der! ״mosaischen Konfession“; denn sie ist ja das Gegenteil! dessen, was unser grosser Lehrer gesprochen und ge- | schaffen hat, aber ein Fest der auf sozialer Gerechtigkeit gegründeten nationalen Selbständigkeit. Und wenn in den Augen der Volker das unsere k Weisheit ist, was Mose geschaffen, das Gesetz ausgleichender Gerechtigkeit und Wahrheit, so kann es uns nicht Wunder nehmen, dass die klügsten und erbittertsten Feinde des Judenvolkes ihm diese Weisheit; als fremdes Gut entreissen wollen. Darum handelt es sich, wenn man angeblich durch ernste Forschungen i getrieben, Moses zu einem Aegypter macht, oder wenn | man die Originalität mosaischer Geistesschöpfungen ן als eine Auffrischung babylonischer Gesetze erscheinen! lassen möchte. Diese Versuche zeigen mir, dass der

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