Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 9 JÜDISCHE RUND SCH A U _ .״.,Seite 131 dankte, jedoch bemerkte, dass die Juden in Marokko keine Ursache zu einer Beschwerde hätten, und bittet, dass, falls die Absicht besteht, im lntcresse der Juden etwas zu unternehmen, ä!e Konferenz sich darauf beschränken soll, zum Ausdruck zu bringen, der Sultan nt ö g e , w i e bisher, sein Wohlwollen und seine Huld den Juden zuwende n.“ Beim Lesen dieses Schreibens des marokkanischen Oberruhhiuers von Tanger ist uns endlich ein Licht aufgegaugeu, und wir begriffen den Witz, der in der englischen Aussprache vgn Algeciras steckt. Armer Oberrabbiner! Arme Freiwilligkeitü Ausserte sich doch vor kurzem ein spanischer Sportsmann, der viele Jahre am Hoie des Abül-Hasan diplomatisch tätig war, gegenüber einem Mitarbeiter der NEUEN FREIEN PRESSE: ,,In Marokko spielten die ungefähr 150 000 Juden eine grosse kommerzielle und finanzielle Rolle. Doch sind sie im Innern des Landes harten Ausnahmeregeln unterworfen, in Ghettos eingepfercht und gezwungen, wenn sic aus dem Ghetto (Mellah) heraustreten, sich in ihrem Anzug, insbesondere durch ihre Sandalen, von den anderen zu unterscheiden. Auch haben sic an vielen Orten die demütige Bedingung aut sich genommen, ihr Haupt zu verhüllen, wie sonst nur die Frauen, nie die Männer im Gebiete des Islam." Sowohl die Berichte aus den Schulen der Alliance als auch die von Reisenden stimmen darin überein, dass die Verhältnisse der marokkanischen Juden geradezu als mittelalterliche bczeichnet werden müssen. Sie leben in einer besonderen Judenstadt, Mellah, die bei Nacht gesperrt wird, die Männer müssen durch Abzeichen an den Kleidern kenntlich sein mul die Weiber dürfen keinen Schleier tragen. Fine Plünderung der Mellah ist ein sehr gewöhnliches V o r k o tu in n i s und wurde anlässlich der Streitigkeiten mit dem Prätendenten von Freund und Feind sehr oft ins Werk gesetzt, so dass jetzt die Not unter den Juden Marokkos sehr gross ist. Auch müssen sie besondere Kopfsteuern und Kriegs»!)galten bezahlen. Fs wäre sehr wichtig, zu erforschet), welche Bewandtnis, es eigentlich mit dem Brief des Rabbiners wirklich hat. Denn cs war ja. wie wir bereits berichteten, tatsächlich eine Aktion für die marokkanischen Juden bei der Konferenz gedacht. Der österreichische Bevollmächtigte (traf Welscrshcimb sagte einem Interviewer, er wolle mit der Glaubensfreiheit fiir Katholiken auch die der Juden verlangen und man hörte aiicji vom italienischen Vertreter Grafen Visconti Vcnosta die BereitwIlligkeit. derartige Schritte zu unterstützen. Dass der Rabbiner dieses Schreiben absenden musste, dann beleuchtet dieser Umstand erst recht das Flcnd der marokkanischen Juden und beweist die Notwendigkeit. Auswanderung nach Australien Durch mehrere Blätter gehen Meldungen von Erleichterung der Auswanderung nach Australien. Diese Meldungen sind jedoch insofern mit Vorsicht aufzimehmen,?ls die in Australien ausschlaggebende Partei, die Arbeiterpartei, gegen alle Fin- Wanderer viel unduldsamer ist. als irgend eine Partei der Welt sonst. Und dit-sc Unduldsamkeit richtet s׳c'1 ganz besonders gegen einwandern wollende Italiener und russische Juden, di sic eine Massregel der Arbeiter gegen ihre!Nissigsten Konhurrenten auf dem Arbeitsmarkt bedeutet. Kleine Mitteilungen Der GENERAL-ANZFtGFR FÜR DIE GESAMTSTER- ESSEN DES JUDENTUMS berichtet: ״Der Professor Fritz Strassmann, der bekannte Gerichtsntedizincr und gerichtliche medizinische Sachverständige, ist zum Geheimen Medizinalrat ernannt worden." Mit diesem Bericht macht sich der GENERAL-ANZEIGER wider seinen Willen zum Anwalt jenes gesamten Judentums, das alle Juden, auch die getauften, einschliesst. Herr Eritz. Strassmann hat sich »3117׳. kttrze Zeit, che er zum Professor ernannt wurde, von der Wahrheit der christlichen Heilslehren überzeugt und die Konsequenzen dieser Überzeugung gezogen. Die auf dem Russkojc Sobranje-Kongress In Petersburg vertretenen Parteien beschäftigten sich am 22. Februar abends mit der Judenfrage. Dubrow in verglich die Juden mit der biblischen Schlange, dem Ursprung alles Uebels. Sie hätte bereits die ganze Welt verschlungen. Pflicht aller autokratischen Parteien sei es. zu sorgen, dass kein einziger Jude in die Reichsduma gelange. Rechtsanwalt Schmakow verlangte unter dröhnendem Beifall, man solle heim Kaiser vorstellig werden, die in Judcuprozesscn angcklagtcn wahren Patrioten von der Strafe zu befreien. Berlin. In der Sitzung der städtischen Schulkommission am 7. Februar wurde beschlossen, in Zukunft in dett städtischen Gentcindcschulcn den jüdischen Rcigionsuntcrricht in drei aufsteigenden Stufen erteilen und den Unterricht Im Hebräischen lortfallcn zu lassen. Der Unterrichtsministcr hat diese Be- Schlüsse jetzt g c n e h tu i g t. In Berlin besuchen 4200 Kinder jüdischen Glaubens die Gcmcindeschulen. Sic erhalten an 30 Schulen Religionsunterricht auf städtische Kosten, und die Unterweisuug int Hebräischen war darin einbegt iifen: die Kinder waren zur Teilnahme verpflichtet. Damit hat man jetzt aufgehört; die Rektoren sind ersucht worden. Sorge zu tragen, dass der hebräische Unterricht kiinltfg ganz wcgfällt. Die Veriiigung ist eine allgemeine. Und das in der Aera der konfess i o n c 11 e n Volksschule! Ktilmsec, 18. Februar. Hier hat sich ein Festausschuss gebildet, um am Tage der Silbernen Hochzeit unseres Kaiserpaarcs ein Festessen zu veranstalten. Bei dett Einladungen zu diesem Festessen sind sämtliche jüdischen Bürger übergangen worden. Königsberg i. Mark. Am Sonnabend hat der letzte Gottesdienst in der hiesigen Synagoge stattgefunden. Das im Jahre 1756 errichtete Gebäude wird nunmehr abgebrochen. Der Bau der neuen Synagoge soll bis zum September beendet sein. Ein altes historisches Gebäude der südlichen Friedrich• Strasse, das die Nummer 225 trägt und bereits dem Abbruch verfallen war, bleibt noch auf längere Zeit erhalten und wird jetzt einer gründlichen Ausbesserung unterzogen. Das Gebäude wurde unter der Regierung Friedrich Wilhelms I. bei dem Eortbau der Friedrichstadt von der Malierstrasse bis zum Bcllcallianccplatz seinerzeit den Kauilcuteu der J u d e!1 s c h a f t angewiesen, die es ebenso, wie die meisten Gewerke ähnliche benachbarte Grundstücke in diese.־ Gegend, bebauen mussten. .■nJi . . 1 •־ ca 1— -— ין Briefkasten der Redaktion J. in Bremerhaven. Wir sehen keinen Grdttd, Sebstmörder auf jüdischen Friedhöfen nicht zwischen andern Gräbern zu beerdigen. Das einschlägige Gesctzesmatcrial finden Sie int »almudischen (sog. kleinen) Traktate J. K. in Johannesburg. Dass die DEUTSCHE TAGES- ZEITUNG sich über Hornel schreiben lässt, dass die Unruhen von Hornel nichts weiter gewesen wären, als die spontane Rache wegen der angeblichen Ermordung des Pristawgehih'eu Astonow durch die Sozialrevolutionäre, darf Sic bei dem Blatt, das die Interessen der grössten Kartoffeln vertritt, nicht Wunder nclmjcn. — Das Gedicht ..Der Rubel reist im deutselten Land" ist von jenem Kotzebue, der sein Leben verlor, weil er für einen russischen Agenten gehalten wurde. Anonymus in Kaiserslautern. Ihre Verse machen uns Spass und wir werden uns freuen, wenn Sie öfters zur Erheiterung unserer Redaktionsstunden beitragen wollen. Zunt Abdruck freilich sind sie nicht gut genug! Aber muss cs denn gerade gedruckt sein? Personalien. Unsere Gesinnungsgenossin Fräulein Julie Ascher in Berlin hat sich mit Herrn Julius Levy, hier, verlobt. (Wir scltliessen uns dett Gratulationen an.) Geschäftliche Mitteilungen Das Kind hat Keuchhusten. Versäumen Sic nicht, den Arzt zu fragen, was er von ״Sirolin Roche" zur Behandlung dieser bösen Krankheit hält. Eine grosse Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen hat ergeben, dass bei der Behandlung des Keuchhustens kein anderes Mittel den Vergleich mit ..Sirolin Roche" aufnelunen kann. Der Husten wird gemildert, er geht auch schneller fort. Und dabei ist das ״Sirolin Roche", das in den Apotheken erhältlich ist. völlig unschädlich, reizt nicht, und wird von den Kindern wegen seines Wohlgeschmackes sehr gern genommen. Mein letztes diesjähriges 1. Wintersemester für STOTTERER in Berlin beginnt am 15 Februar. Bülowstr. 99, hochp. Sprechst. v. 11—1 und 3-5 Uhr- Heilv. rationell, mehrfach staatlich ausgezeichnet, wiederholt d S. M. Kaiser Wilhelm II Prosp. kostenlos. Wiedereröffnung meiner Anstalt in Eisenach am I. April. Prof. Rud. Denhardt.