Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 118 JÜDISCHE RUNDSCHAU "־*" ־ ־ « * - ' —— — No. 8 Beisammensein, bei dem nationale Lieder und begeisterte Reden wechselten, verkürzten den Rest der Zeit bis zum Abgang der Nachtziige. Dann war der erste Poscner Distriktstag schön und harmonisch verklungen. J. Kaufmännischer Verband : jüdischer Angestellter In der Nummer *I der RUNDSCHAU ist ein Aufruf erschieneu, der zuf Gründung eines jüdischen Handlungsgehiltenvereins auifordert. Es ist wunderbar, dass bei der enorm grossen Anzahl jüdischer Angestellter cs so lange gedauert hat, bis diese schüchternen Versuche gleich ersten Veilchen im Mürz zu stände kamen, und schien es doch auch, als ob die jüdischpolitische Witterung noch zu rauh war, da sie eingingen, wie vom Frühreif hingerafft. Nun, da die Sonne des Zionismus strahlend und wärmend zum Zenith emporsteigt, fehlt es, wie es scheint, auch ihnen nicht mehr an Kraft. An die bescheidenen Anfänge, wie sie etwa der zionistische Kaufmannsvercin Theodor Herzl dastellt, will sich grösseres und umfassenderes schüessen. Nichts dari uns hindern, zu hoffen, dass hier in der Tat die Organisierung des grössten Teiles der jüdischen Handlungsgehilfen erreicht werden kann. Warum ich dieser neuen Gründung utn so viel grössere .Erwartungen entgegenbringc? Nun, es war vielleicht verfrüht, einen zionistischen Kaufmannsverein zu gründen, weil dieser cs nicht so sehr als seine Autgäbe betrachten konnte, die jüdischen Katifleutc zu Zionisten zu machen, als vielmehr die zionistischen Kauileute zu orgatiisicrcn. Damit aber war sein Tätigkeitsfeld arg beschränkt! Verhehlen wir uns es doch nicht, dass der grössere Teil der jungen Kauileute sich mit Händen und Füssen viel zu sehr dagegen sträubt, aus seiner verbummelten, aber dafür um so bequemeren Lebensweise heraugerissen zu werden, um zum Zionismus zu gelangen, der den ganzen Menschen verlangt. Anders der neue Verein, der sie zunächst erst einmal zu Juden machen will und so ein viel weiteres Arbeitsfeld hat. Ein schweres Werk, bei dem er in erster Linie die Hilfe der zionistischen Kaufleute braucht und erwartet. Schwer durch das ungefüge Material, das wir zunächst einmal betrachten müssen. Ja. es gab einst königliche Kauileute! Erinnern wir uns an Florenz, Venedig! Alles, w־as jene grosse Epoche geschaffen, steht klar vor unserem Auge. Alle jenen kulturellen־ Reichtümer, mit denen die Renaissance die Menschheit einen Schritt aufwärts tun Hess, und von denen auch wir noch zehren, erkennen wir als ein Werk der Kaufleute und wrahrhaftig! Noch ein junger Manu aus der Konfektion hat Respekt vor dem Geschlecht der Medici. Doch als die Welt aufatmete, als klassischer, schönheitstrunkener Geist aufs Neue erwachte, als die Menschen sich wieder auf ihr innerstes Selbst, ihre Individualitüt besannen, da gab es ein Volk auf Erden, das sah nichts von alledem, obwohl es scharfe Augen hatte. An den Mauern des Ghetto machte die Kultur halt! Hier w׳ohnten auch Kaufleute, fast ausschliesslich Kaufleute, denn mau gestattete es ihnen nicht, den Boden zu bauen, wie es ihre Väter getan. Man sperrte sie ab von Licht und Sonne und so wurden sie zu finsteren und bleichen Menschen. Aus den Philosophen wurden Sophisten und aus den freien Handelsherren — Schnorrer Als später, ach wie unendlich viel später, die Mauern fielen, da waren sie entkräftigt, so dass sie nicht mehr wussten, sie selber zu bleiben. Alles warfen sie ab, was ihnen eigentümlich war, denn sie fürchteten sich vor dem geistigen Gctho, in das man sie nunmehr sperrte. War man möglichst fern von allem, w׳as jüdisch ist, ja stellte man sich feindlich zu ihm, so w׳ar man am ehesten sichen, .vor dem neuen Getho, der gesellschaftlichen Absperrung,ödem Antisemitismus. Sie fürchteten sich vor der Verachtung und ahnten nicht, dass man sie um dieser sklavischen Furcht w illen am meisten verachtete. Sie lachen und spotten noch heute über Judentum und wollen es nicht w׳ahc haben, dass sic seihst au\ meisten verlacht und verspottet werden. Nein! Das ist nicht die Art von starken, selbstbewussten Menschen. Zu viel Wertvolles haben wir als Juden geleistet, als dass wir nicht den Kopf erhoben tragen könnten und auch als Kaufleute. Denn unsere Handelsschiffe umfuhren schon fremde, ferne Küsten, kulturbringend und empfangend, als unsere Gastvölker noch als Barbaren lebten. Und uns hat mar. gerufen im Mittelalter, wenn irgend finanzielle Not am Mann war. Hundert Mal vertrieben, wurden wir hundert Mal zu• rückgcrufen, well man uns brauchte. Und in der Gegenwart müht sich das stolze Spanien, das einst die Stätten unserer Kultur vernidtet hat und unsere Besten getötet ,!und vertrieben hat, um uns, denn ohne uns glauben sie nicht die Industrie ihres Landes'neu beleben zu können. Darum ist es an der Zeit, dass wir wieder wir selber w׳crdcn! Dazu aber brauchen wir einen Verein, der neben allen kaufmännischen Bestrebungen seine Mitglieder Schritt um Schritt zum Judentum zurückgeführt, bis sie stolz und aufrecht dastehen, wie es Ihnen zukommt! Denn die Rückkehr zum Judentum muss der Rückkehr ins Judenland vorausgehen, sagt Herzl! Bruno Ascher. —j Aus den Ortsgruppen ן— Wohltätigkeiisvorstellung An! Sonntag, 18. März, 3ג/י Uhr, findet im Belle-Alliancc- Theater eine von der Berliner Zionistischen Vereinigung ver anstaltete Wohltätigkeits-Vorstellung statt. Zur Aufführung gelangt Dr. Herzls iaktiges Drama ״Das neue Ghetto**. Es haben hervorragende Mitglieder hiesiger Bühnen ihre Mit- Wirkung zugesagt und haben die Proben bereits begonnen. Der Reingewinn wird zum Besten der russischen Waisen — nach dem Vorschläge unseres Gg. Herrn Hugo Schachtel — verwendet. . Berlin. Moderne Jüdische Dichtung. Der erste von den angekündigten vier jüdischen Vortragsabenden fand Mittwoch, den 13. d. Mts., imTiergartenlioi vor einem, trotz mehrerer gleichzeitiger Veranstaltungen, recht zahlreich erschienencn Publikum statt. In dem einleitenden Vorträge skizzierte Dr. Alircd Nossig in grossen Zügen ein Gesamtbild des schöngeistigen Schaffens der modernen Judenhcit. Er unterschied zwei Hauptgruppen: die bewusst jüdische und die unbewusst jüdische Literatur, Auch diejenigen Autoren, die ihren jüdischen Ursprung zu verhüllen suchen, weisen in ihren Werken doch unverkennbar den geistigen Rassentypus auf. Die bewusst jüdischen Schriftsteller zerfallen ihrerseits in zwei Gruppen: solche, die jüdische Stoffe behandeln, ohne zur nationalen Idee Stellung zu nehmen( Wassermann, Hcyermans, Philipps u. a.), und die nationaljiidischcn Dichter. Unter den Letzteren muss man die westeuropäischen, in fremden Sprachen Schreibenden, von den osteuropäischen unterscheiden, die hebräisch oder jüdisch dichten. Jeder dieser Gruppen widmete der Vortragende eine kurze Charakteristik. Unter den nun folgenden Rezitationen fesselte zunächst ״Der Sturm" von Morris Rosenfeld, vorgetragen von Egon Brecher (Kleines Theater). Herr Brecher, der sich als ebenso inteiligenfer wie stimmgewaltiger Vorleser erwies, brachte dann die Hauptszenc aus MaxNordaus Drama״DoctorKolm” unter starkem Applaus zum Vortrag. Eine ausgezeichnete Kraft lernte das Publikum in Fritz Richard, Regisseuj. ,des Deutschen Theaters, kennen, der durch die fein r.üanztertc Interpretation von Theodor Herzls ״Im Speisewagen, Ignaz Kohns ״Die alte Frau Nussbaum*‘ und Israel Auerbachs ״Das grosse Wecken“ Stürme von Beifall entfesselte. Am Schlüsse des animierenden Abends riefen die Zuhörer den Künstlern und Veranstaltern ein herzliches ״Auf.AViedersehen" zu. ' h ' Der zweite jüdische Vortragsabend ״Das Heilige Land" von Dr. Heinrich L 0 c w e findet M i 11woch, den 28. Februar, abends 9 Uhr, in den Bismarck- Sälen, Neue Grünstr. 23 (am Spittelmarkt) statt. Der von Lichtbildern begleitete Vortrag wird u. a. die Schilderung 'der Hafenstädte. Jerusalems mit seinen althebräischen Denkmälern, Jerichos, der jüdischen Kolonien, Safeds, Tibcrias und Haifas, sowie die des Jordans und des Toten Meeres enthalten. Der dritte Vortrag ״Moderne jüdische Kunst” von Felix Salten findet Montag, den 19. März 9 U111 Abends in den S o p h i e 11 s ä I c 11 statt. (Nicht den N. März, wie ursprünglich angekiindigt wurde. Die für den H. gelösten Karten behalten ihre Gültigkeit für den 19.) Eintrittskarten ä I Mark zu haben bei A. Wertheim, Leipziger- Strasse, Bote & Bock, Leipzigerstrasse 37, M. Lilietfthal, Friedrichstr. 101, in der Expedition der JÜDISCHEN RUND- SCHAU, Auguststr. •19 a und am Tage des Vortragsabends an der Abendkasse. Jüdische Volksbildungskurse Die bisher von dem Verein jüdischer Studenten und der Freien Verbindung Hasmonaea gegebenen Unterrichtskurse werden mit,,Hilfe des jüdischen Turnvereins ״Bar-Kochbu'1