Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651455--03275-2660196
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Beilage JUEDISCHE RUNDSCHAU *»,n7.־ Aus der zionistischen Bewegung Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland I. In dieser Woche ist sämtlichen Ortsgruppen und Vertrauensmännern eine Anweisung für die Sammlung von Materialien zu Gunsten des Nationalfonds* zugegangen. Die Anweisung ist auf Orund der‘vorliegenden Erfahrungen abgeändert. Wir bitten dringend, in allen Städten der Materialiensammlung die grösste Aufmerk־ samkeit zuzuwenden und dort, wo bisher Sammelstellen nicht eingerichtet sind, solche vorzubereiten. Wir bitten aber dringend, die Materialien nur allerhöchstens 2 mal im Jahre an die Zcntralsammelstclle *n Lübeck, Frau Dr. J oe 1, Beckergrube 58, abzuführen. Bei dieser Gelegenheit teilen wir mit, dass die Zentralsainmelstclle keineswegs gleichzeitig eine Sammelstelle von Kleidern für Auswanderer ist. Wir bitten dringend, Kleider für Auswanderer n i c 111 mehr nach Lübeck zu schicken. Solche Kleider nimmt der Verein für Arbeitsnachweis, Berlin, Grosse Ham bürgerst!13/14 .־, sehr gern entgegen. illi: Judentum und Sozialismus 1 יי Von D r. Max Besser. (Schluss.) Es verdient hervorgehoben zu werden, dass sich auch in den Reihen der Sozialdemokratie ein Umschwung der landläufigen Vorstellungen Ober die Juden vorzuberciten beginnt. In einer Nummer der in London erscheinenden jüdisch-sozialistischen Wochenschrift NEUE ZEIT hat Karl Kautsky ausgeführt, dass ״eine Jede Nationalität eine spezifische physische und psychische Eigenart aufweise, und dass auch das Judentum seine nur ihm eigentümliche psychische Phj'siognomie hat.״ Dank dieser spezifischen Eigenart wie auch seiner spezifischen sozialen Lage spiele das Judentum eine hervorragende Rolle in der sozialistischen Bewegung. Auch Gumplowicz (SOZ. MONATSHEFTE, Augustheft!90-0 giebt die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit der Assimilation der östlichen Juden zu und rühmt ihnen trotz ihres nationalen Programms ehrliche sozialistische Denkweise nach. Zionismus und Assimilantentum sind unversöhnliche Oegensätze, Zionismus und Sozialismus sind keine Gegensätze. Sie sind es weder historisch, darum darf der Zionist nicht die soziale Tradition seines Stammes verleugnen, noch ihrem gegenwärtigen Ideengehalt nach, denn beide dienen dazu, bestimmte Gruppen von Menschen dem Ideal vollen Menschentums entgegenzuführen. Wenn auch dei Sozialismus die ökonomischen Interessen gleichartiger Bevöl• kerungsschichten in verschiedenen Nationen vertritt, so sieht er sich doch in der Praxis zum Prinzip der nationalen Differcn zierung gedrängt, und man muss Otto Kraus zustimmen, wenn er den Inhalt der• gleichen sozialen Politik an einer ״Kooperic- 1x1 ng der gleichen sozialen Schichten verschiedener Nationen zum Wohlc der nationalen Einheiten" sieht. Bei dieser Auffassung muss der Sozialist, wofern er die Judenfrage als Folge des Ausnahmezustandes der indischen Nation erkennt, auch dem Zionisten zugestchcn, dass bei den Juden der Weg zum reinen Menschentum,■ zum Sozialismus, über einen wohlverstandenen Nationalismus geht. Mit der blossen Erledigung der allgemeinen sozialen Frage blieben doch die Verhältnisse weiter bestehen, auf deren Boden die Judennot erwachsen ist. Darum ist die Schäftung eines normalen Volkslebens auf eigenem Grund und Boden die Voraussetzung für eine endgütige Lösung der allgemeinen sozialen Frage unter den Juden. Mögen alle Jüdischen Sozialisten dies bedenken und sich an das Wort Hillcls erinnern:^ אץ אני לי סי CX Wenn Ich nicht für mich bin, wer sollte es sonst sein." Dieses Wort hat auch bei den Jüngsten Ereignissen seine Wahrheit erwiesen. Die Juden des Ostens haben Im Freiheitskampfe des russischen Volkes ihr Blut vergossen und damit dem Menschheitsgedanken einen reichlichen Tribut gezahlt, sie haben aber auch gesehen ,dass sie im Kampfe gegen Vernichtung und Barbarei nicht auf fremde Hilfe zu rechnen haben, und dass sie auf ihre eigene nationale Kraft angewiesen sind, wo es gilt, das eigene Leben und die Ehre des Judentums zu schützen. Die Kraft, die einst die Makkabäer zum Siege führte, ist auch in den Kämpfen der russischen Judenheit neu erstanden. Möge diese Kraft nicht in einem aussichtslosen Kampfe zermürbt werden, sondern dazu dienen, das Jüdische Volk aus Not und Finsternis ins Land der Väter, ins Land der Zukunft, der Hoffnung zu führen, und möge der Tag, der allen Völkern die Freiheit kündet, auch ein freies Jüdisches Volk auf freiem Boden grüssen. —I Aus den Ortsgruppen Berlin. Am Dienstag, dem 13. Februar, hielt Dr. Nathan Birnbaum aus Wien einen ebenso gediegenen wie interessanten Vortrag über den indischen Nationalgedanken vor einer vielhundertköpfigen Akademiker-Versammlung, die von den A.H.A.H. des V.J.St. einberufen war. An der sehr interessant verlaufenden Diskussion beteiligten sich u. a. Herr! C a I v a r y, Dr. H. Hildesheimer, Dr. Israel Auer- ' hach und Dr. Max Oppenheimer. | Berlin Am Mittwoch, dem 14. Februar 1905, fand der ־; erste der vier vom Zionistischen Propagandaausschuss veri anstalteteten modernen Jüdischen Dichtungsabende statt. , Dr A. Nossig hielt einen sehr interassanten einleitenden Vori trag über Moderne jüdische Kunstdichtung und Herr Egon : Brecher, Frl Brenk und Herr Regisseur Fritz Richard 1 trugen unter dem Beifall des Publikums Stücke aus Nordau, j Witkowski. Ignaz Cohn, Morris Rosenferd, Spektor, Herzl, Auerbach vor. Berlin. Eine Versammlung am Donnerstag Abend, in der Herr Matthias Acher (Dr. Nathan Birnbaum) aus Wien über ״Die nationale Autonomie der Juden in Oesterreich" einen Vortrag hielt, konnte erst nach langen Schwierigkeiten eröffnet werden, da der Saal sich für die grosse Anzahl der Besucher als viel zu klein erwies. Matthias Acher, einer der mutigsten Vorkämpfer der jüdischen Renaissance, war unter seinem eigentlichen Namen Dr. Nathan Birnbaum der eigentliche Begründer des Zionismus und langjährige Vorkämpfer im Westen vor Herzls Auftreten. Seine grundlegende Zeitschrift war die SELBSTEMANZIPATION. Der Redner beleuchtete zunächst die Autonomiebestrebungen in Oesterreich im allgemeinen und ging dann auf die der Juden näher ein. Im cislcithanischcu Oesterreich gäbe es 8. sogar 9, wenn man die jüdische mitzählc, 10 Nationen, die nicht reinlich gesondert, sondern durcheinander wohnen. Es herrsche ein Kampf der Nationen, der i!!1 besonderen in dem Streit um die Bildungs- Stätten zum Ausdruck komme. Die Autonomiebcstrebungcn gelien nun dahin, dass Jede einzelne Nation für eine Korporation erklärt wird, damit künftigem Reibungsstoff vorgebeugt werde. Ein Hindernis für die Jüdische Autonomie bilden ausser den Polen mir die reichen und mächtigen erstklassigen Juden. Zum Schluss seiner Ausführungen betonte der Referent den Wert der nationalen Autonomie, die vor allem ein Mittel zur Erziehung sei. Ein Volk, das etwas erreichen will, muss Mut haben, auch der Mehrheit entgegenzutreten. Es gelte die ' Furcht vor der Mehrheit auszurotten. Die Juden müssten sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.