Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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PQ CJ1Q pp קהסהף Ö ü Bä rfbbäb Abonnementspreis einschliesslich LITERATURBLATT *iertetjlhrlich: 1. durch die Expedition: «) In Berlin —,90 Mark, b) nach auswärts I,*— Mark, c) Cür das Ausland 1,53 Mark. 2. Im Pottabonnement 1,25 Mark. All^emeiu e Jüdische Zeitung^ Redaktion: <« Insertionspreis die viergespaltene Petit-Zeile oder deren Raum 25 Pfennig. BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4. Telephon: II, 3337. Expedition und Adresse für Geldsendungen und Bestellungen: Vertag iUditch« Rundschau, E. O. m.b.H, Berlin N.54, Auguststrasta 491. Oeschäftsstuaden der Expedition täglich (ausser Sabbat und Sonntag) v״׳•׳ mittags 10—1, nachmittags 3—7 U , Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JUEDiSCHEN RUNDSCHAU nur bei voller Qucllcnangibc gestattet. Nummer 7 Berlin, 20. Schebät5666— 16. Februar 1906 XI. Jahrgang Von wo wir äusgingen Das Jüdische Volk hat im Neunzehnten Jahrhundert eine eigenartige Entwicklung durehgemacht. Heute, wo wir dabei sind, freilich immer noch vergeblich, nach Hilfe für die Not im Augenblick auszuschauen, ohne einstweilen eine andere zu sehen, als die, die mit der endgiltigen Hilfe im eigenen Lande Hand in Hand geht, denken wir allzuwenig an den Ausgangspunk» unserer Wegrichtung. Das Ziel, dem־ wir zustreben, ist die dereinstige Her- Stellung eines Zustandes, in dem es keine Schande mehr sein soll, einen jüdischen Vater gehabt zu haben, ־kein Makel der Geburt, von einer jüdischen Mutter ge- '’boreil. zu sein. *Das wird uns freilich im vollen Sinne des Wortes, im Sinne jüdischer Ehre und jüdischer Selbstachtung erst im eigenen Lande zuteil werden. Aber auch heute können wir Vieles tun, um einen solchen Zustand wenigstens etwas weniger als die Ausgebürt einer überreichen Phantasie erscheinen zu lassen. . Die Judennot drängt zwar heute mehr als je heran. Sie zwingt uns, Stellung zu nehmen und nötigt uns, neben der endgiltigen Lösung, die wie in Zion schaffen wollen, nach Palliativmitteln zu greifen, um wenigstens uns 'einlullen zu können, als hätten wir etwas getan. Und doch wissen wir sehr gut, dass solche Palliativmittel niemals imstande sein werden, die Not des Augenblicks und den Jammer der Zukunft auch nur wesentlieh zu lindern. Aber das menschliche Gemüt ist ein eigen Ding. Im Uebermasse des Gefühls der Ohnmacht gegenüber den andrängenden Wogen des Unheils greift man zu jedem Strohhalm, auch wenn man sich gar keine Hilfe davon verspricht. Die abenteuerlichsten Pläne * können in solchen Lagen auftauchen. Es hat uns auch gar nicht Wunder genommen, wenn unter andern der Plan auftauchte, den russischen Juden die Kinder einstweilen abzunehmen, um sie im Auslande erziehen zu können. In solchen Lagen, wo das Haus brennt, darl man sich nicht wundern, wenn eine Frau, die auch etwas retten will, ln der Verzweiflung einen Mannshut aufsetzt und eine zerbrochene Lampe in die Hand nimmt, um eben etwas zu retten. Von diesem Standpunkte wollen viele Pläne angesehen werden, die teils bereits in Vorschlag gebracht wurden, teils sicher erscheinen werden, vom Standpunkte des Helfenwollens pnd Nichtkönnens gegenüber dem entsetzlichen Elend, das sich unsern Augen darbietet, und des noch viel entsetzlicheren, das sich den Augen der Welt entzieht. Es bedarf dringend der Augenblickshilie! Aber man darf auch in dieser verzweifelten Lage die Besinnung nicht verlieren. Man muss sich überlegen, was möglich ist, physisch möglich und psychologisch möglich. Es ist physisch unmöglich, die Flucht aus Russland zu hemmen, — denn sie geht mit elementarer Gewalt vor sich — noch, diesem Strome der Flucht eine andere Richtung zu geben, als ihr durch den geringsten Widerstand, den sie findet, vorgezeichnet ist. Es ist auch physisch unmöglich, nun Tausende auf einmal in ein Land überzuführen, in dem man die Fundamente einer Kultur erst mühsam zu legen hat. Ganz so ist es eine psychologische Unmöglichkeit, dass die Familien das von sich geben, was ihnen mehr wert ist, als ihr eigenes Leben. Man kann im Augenblick nichts weiter tun, als den Fliehenden Reisezehrung zu geben und Gastfreundschaft zu erweisen, sie fühlen zu lassen, dass es Brüder sind, die ihnen helfen, nicht philanthropische Vereine, bei denen unter der Schwelle des'Bewusstseins den Auswanderern gegenüber das Gefühl schlummert, das sich in dem klassischen Ausspritch eines Bankiers Ausdruck verschaffte: ״Schafft mir den Kerl aus dem Gesicht -־ er zerreisst mir das Herz!“ Gegenüber dein verzweifelten Kampf, den wir augenblicklich kämpfen, vergessen wir aber allzuleicht den Punkt, von dem wir ausgingen. Und wir bedürfen eines guten Ortssinnes, um uns zu orientieren, welche Wegroute wir einzuschlagen haben. Dazu müssen wir uns aber nicht über das Ziel sondern auch eben über diesen Ausgangspunkt immer im Klaren bleiben. Dieses wird leider allzuoft von uns vergessen oder übersehen. Dieser Ausgangspunkt ist der nationale Gedanke. Er ist die Grundlage unserer politischen Anschauung. Ohne die nationale Idee würden wir schwanken und wanken. Hier ist der wesentliche Unterscheidungs- Punkt zwischen der zionistischen Gruppe und den philanthropischen Hilfsgesellschaften. Es ist ein Unterschied im Denken und in der. historischen Anschauung. Die Nation ist ein historisches Produkt, und der Historiker ist deshalb immer national. Im Kampfe um den Zionismus handelt es sich um einen Kampf um die nationale Anschauung. Man hat uns oft auch von nationaler Seite ״Romantiker“ gescholten. Aber gibt es denn Na-