Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 (I JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 59. \ Der Ürund ist der: Der, Sozialismus ist ein heftiger Protest | gegen diejieutigc ungerechte Weltordnung. Er ist ein' brcnj nendcs Verlangen nach einer besseren, wo Gerechtigkeit herrscht. Nun, das will auch gerade der Judaismus, so zeigt er sich bei Hiob und den Propheten, so auch in der inessiani• sehen Hoffnung, von der das Christentum ausging.” Die Beteiligung der Juden an der sozialistischen Bewegung wies, so sehr diese auch der sozialen Tradition des jüdischen Stammes entsprach, fast durchweg eine assimilatorische Tendenz auf. Diese Tendenz hatte bei einzelnen einen subjcktiven Charakter, indem ihnen der Sozialismus als individuellc Lösung ihrer eigenen Frage erschien, bei anderen einen objektiven Charakter, indem sic die allgemeinen Frcilieitsbe- Strebungen als Weg zur Lösung der gesamten Judenfrage auffassten. Die ersteren suchten einen Unterschlupf, um nicht mehr an den Leiden und Schicksalen ihres Stammes teilnehmen zu müssen, ja, sie bekundeten dies noch vielfach mit der Taufe, obwohl doch im modernen Sozialismus eine antireligiöse Strömung vorherrscht. , Die anderen wiederum suchten die Judenfragc aus rein ökonomischen Ursachen zu erklären, dass wirtschaftliche Ucbelstiinde, soweit sic die Juden betreffen, zum grössten Teil eine Folge von nationalen und Rassengcgensützcn waren. Der Sozialismus wurde damit in Westeuropa zum Losungswort für die Fahnenflucht aus dem J u d c n t u in. Noch fehlte den jüdischen Sozialisten das Verständnis dafür, dass eine völkerpsychologischc Erscheinung wie die Judenfrage nicht durch allgemeine ökonomische Umwälzungen beseitigt werden könne, noch fehlte ihnen die traurige Erfahrung dafür, dass die Einflüsse des Instinkt- und Genmtsiebcns bei den Massen zu stark sind, als dass sic durch rationalistische Gesichtspunkte bekämpft werden könnten, noch wussten sie nicht, das; im blutigen Ringen mit den Machthabern bei den Parteigenossen die Stimme der Brüderlichkeit nicht auch zu Taten der Brüderlichkeit gegenüber den Juden rufen würde. Das Opicr der Eigenart war der Preis, den der Jude iür seinen Eintritt fn die sozialistische Freiheitsbewegung zahlte. Und wie war die Stellung der internationalen Sozialdemo kratic zum jüdischen Volke? Die Frage wird verschieden bcantwortet werden müssen, je nachdem cs sich um nationale oder assimilatorische Juden, je nachdem er sich um westliche oder östliche Länder handelte. In Deutschland z. B. konnte die Frage früher nicht sehr aktuell werden, weil einerseits keine jüdischen Proletariermassen vorhanden waren und jüdische Parteigänger der Sozialdemokratie mehr der Bourgeoisie entstammten, andererseits sich in der vorzionistischen Zeit bei den deutschen Juden keine nationalen Regungen bemerkbar machten. (Fortsetzung folgt.) Die Zukunft der Juden DIE ZUKUNFT DER JUDEN heisst die Sammelschrift, die das Komitee der Gedenkfeier hcrausg'egebcn hat. Es ist di•* erste Schrift, die von der neuen zionistischen Propagandakommission ausgeht. Sie enthält eine gedrängte Zusammen- Stellung des besten zionistischen Materials und muss in ihrer vornehmen Ausstattung mit vortrefflichen Abbildungen und mustergiltigen Beiträgen in hohem Masse propagandistisch wirken. Ein grösserer Teil der Auflage ist zurückgeblieben und steht zu Propagandazwecken zur Verfiigung. Man wende sich an die Expedition der JUEDISCHEN RUNDSCHAU, Berlin N. 54, Äuguststrasse 49a. Gedenkfeier Im Neuen Kgl. Opern-Theater (Kroll) wurde am Montag, dem 22. Januar. 9 Uhr abends, eine jüdische Gedenk-Feler abgehalten, deren sehr grosser Reinertrag für die durch die russischen Judenmassakres Geschädigten bestimmt ist. Die Feier war durch Dr. Nossig angeregt und von ihm mit einem Komitee arrangiert. Aus dem sehr reichhaltigen Programm Seien besonders erwähnt der von Alfred Nossig gedichtete Makkabäerprolog und die an anderer Stelle gedruckte mcisterhafte Gedenkrede von Dr. Franz Oppenheimer, die oft durch lange andauernde Beifallskundgebungen unterbrochen wurde. Von besonderer Wirkung waren auch die Lebenden Bilder aus der Geschichte des jüdischen Volkes, die von Hermann Struck und Regisseur Egon Brecher gestellt waren und mit entspreehender Orchesterbeglcitung dargestcllt wurden. Sic stellten dar: 1. Die Blüte Israels. Vor dem Tore des Königs- Schlosses sieht man König Salomo, umgeben von Priestern und den Grossen des Reiches, den Plan des Tempclbaues erwägen. In den Weingärten arbeitet das Volk. 2. Auf den Ruinen Jerusalems. (Nach dem Gemälde von Eduard Ben demam!.) Der Prophet Jeremias sitzt trauernd auf den Bruchstücken einer zertrümmerten Säule. Um ihn herum klagen die Hebräerfraucn. 3. Der Ewige Jude. (Nach der Skulptur von Alfred Nossig.) Der Ewige Jude, am* seinen Wanderstab gestützt, trägt in Sturm und Wind die Tora durch die Jahrhunderte. 4. Ein Pogrom. (Szene aus den russischen Judenmassakres.) .Vor einem Judenhausc sammeln sich die erschrockenen Frauen, Greise und Kinder. Die Jünglinge und Männer, bewaffnet und als Selbstwehr organisiert, treten schützend' vor sie hin und erwarten den Angriff einer Rotte von Hooligans, die nach Ausräubung eines Nachbarhauses eben heranstürmt. Zerstreute Kosakenposten schauen den Vorgangen glcichgiltig zu. (In diesem Bilde wirkten zum grossen Teile Personen mit die den Pogroms beigewohnt haben. Viele der Darsteller gehörten der Selbstwehr an.) 5. Die Zukiinft Israels. Von seinem jahrtausendelangen Leidenswege ist das jüdische Volk in seine alte Heimat zurückgekehrt, ln den blühenden Kolonien, die die jüdischen Einwanderer in Palästina angelegt, bebauen' sie gleich ihren Vätern die heimatliehe Scholle. Mit stürmischem Beifall wurden die lebenden Bilder aufgenommen und der Ruf: ״Struck! Struck!“ wiederholte sich. Das Programm war so reichhaltig, dass die vorgesehenen Auftührungen althebräischer Melodien fortbleiben mussten. Mit lebhaftem Beifall wurden die sehr eindrucksvollen Szenen aus Ludwigs Makakbäern gelohnt. Die Tombola brachte ebenfalls den Gewinnern zum Teil recht wertvolle Anregungen auf jädischnationalcm Gebiete. Alles in allem eine hervorragende Leistung, für die den Veranstaltern besonders auch dem ersten Initiator Dr. Alfred Nossig. der Dank der Berliner Zionisten gebührt Die Festschrift ..Die Zukunft des Judentums“ besprechen wir an anderer SteUe. Das vorzügliche und würdige Gedenkfest zog s'.ch bis 2Vjt Uhr morgens hin. —ן Aus den Ortsgruppen ן— Berlin. In der Jüdisch-nationalen Frauen- Vereinigung spricht am Montag, dem 29. d. M.. abends 9 Uhr, im Restaurant Rosenthal, Leipzigcrstr. 62/63. Frl. Channah Margarete Sachs über ״Rechte und P fliehten des antiken und des modernen jüdischen Weibe s.‘‘ Herren und Damen als Gäste willkommen. Berlin. ״Verein M a k k a b a e a zu Berlin" nennt sich eine Vereinigung junger Juden, die sich abseits von politischen Bestrebungen die Pflege jüdischen Lehens, Kenntnis seines Wesens. Würdigung seines Wertes. Verständnis seines Inhalts 7um Ziele gesetzt hat. Zu leicht vergisst man in unserer Zeit der Kämpfe um das Aeussere, dass es doch der innere Kern im Wesen des Judentums ist, der den Kampf um das Aeussere erst zu einem berechtigten macht. — Der Rückkehr ins Judenland muss die Rückkehr zum Judentum vorangchcn. — Diese Erwägungen sind es. die uns veranlasst haben, einen Verein zur Pflege jüdischen Lebens zu gründen. Mitglied werden kann jeder Jude, der das 16. Lebensjahr vollendet hat. Gefl. Anfragen sind zu richten an den Vorsitzenden E. Sinasohn. Metzcrstr. 32. Frankfurt a. O. Am 14. d. M. sorach hier Herr Lazarus Bar th-Hcegermühle über das Thema: ..Das Wesen des Zionismus uud seine Bedeutung für das Judentum“. Im An- Schluss an den trefflichen Vortrag, für den wir Herrn Barth auch an dieser Stelle bestens danken, fand eine längere Diskussfon statt. Darauf konstituierte sich ein zionistischer Diskutier -und Lesezirkel, dem -sich einige zwanzig Damen und Herren anschlossen. , . sw. Hamburg. In der zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altoau hielt am 19. d. M. D r. F c I i x P i 11 k u s einen Vortrag über ..Palästina als Kolonisationsgebiet“. Der Referent behandelte die Eignung Palästinas als jüdisches Siede- יי־ ו*^וו*י..יי»!^/«״י" ¥יי*