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Jüdische Rundschau · 1906-01-26 · Heft 4 (26.1.1906) · page 20

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 20)
Language
German
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) Seite 58. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 4 bedeutete das Christentum eine frohe Botschaft an die Müh• I Mannes aus dem Stamm Israel, um eine neue Epoche in der seligen und Beladenen,־ in dem es an die Stelle des sozialen Geschichte der Menschheit hcrbeizufuhren. ... . - .. •«» . _ iih/I irdischen Ausgleiches ideelle Werte, innere Zufriedenheit und eine Belohnung im Jenseits, setzt. Freilich hat es diese Tendenz nur im ersten Stadium seiner Entwicklung, im Stadium der Opposition, der Bedrückung und Verfolgung gezeigt. Es wurde später in der Hand der Machthaber eine Waffe, um alle freiheitlichen und sozialen Bestrebungen zu unterdrücken, indem der Unterschied zwischen Reich und Arm und die Bedrückung der Schwachen als eine von Gott gewollte Ordnung hingestcllt wurde. Mit der Zerstörung des jüdischen Reiches hörte auch für die Juden die Möglichkeit auf, auf dem Wege staatlicher Gesetzgebung soziale Grundsätze in die Wirklichkeit zu übertragen. Aber in das Elend der Diaspora folgte den vertriebenen Söhnen Palästinas die Erinnerung an die Flammen Worte der Propheten. Fast zweitausend Jahre lang lebte in diesen Parias der Menschheit die Sehnsucht nach einem besseren Lose und sammelte sich in den Seelen ohnmächtiger, vaterlandsloser Sklaven aller Groll gegen ih־e Peiniger an. Mochte auch zeitweilig die Ansammlung von Reichtfimern in den Han■ den einzelner den Gedanken an eine soziale Ungleichheit erwecken, die Gefahr, die jedem einzelnen an Leib und Seele drohte, liess den sozialen Unterschied als belanglos in den Hintergrund treten. Wie das Sklavenvolk in Pharaos Diensten, so waren die Juden eine Masse von Unterdrückten; Jeder von ihnen stand unter dem Elendsten des Wirtsvolkes, bar aller Menschenrechte, den Mutwillen der Gassenbuben, der Mordgier des Pöbels, dem Fanatismus der Kirche schutzlos preisgegeben. Dem einst das Wort gegolten batte: ״Ein Gcsetz soll sein für den Einheimischen und Fremden, denn Fremd- Iinge wäret ihr selbst in Mizrajim“, er keimte s:ch inmitten aller Bedrückungen dankbar der überlegenen Weisheit des jüdischen Gesetzgebers erinnern. Seine Bibel war auch für die Besten der anderen Völker eine Quelle der Belehrung, und ihre Feuerworte wurden zu einem lodernden Brande in jenem Kampfe, In dem die Völker die Ketten mittelalterlicher Sklaverei zerbrachen und die Freiheit errangen. Sollten da die Juden, die Söhne der Knechtschaft, die die Freiheit nur vom Hörensagen kannten, als sic ihren Hauch verspürten, tatenlos beiseite stehen? Was ihre Propheten ihnen, als ein?deal der Zukunft verkündet hatten, das sahen sie in der Wirklichkeit scheinbar erfüllt, sic fühlten, dass cs Geist von ihrem Geiste sei, und sic sollten nicht in die vorderste Reihe fer Kämpfer eben? Und sie haben es getan mit einer Selbstverleugnung, dass sie darüber verfassen, was sic ihrem Volke verband, und was sie ihren weniger glücklichen Stammesgenossen schuldig waren. Die französische Revolution hatte die Menschenrechte proklamiert; es war eine bürgerlich-demokratische Revolution, die mit.dem Grundsatz der Gleichheit nur die politische Gleichheit meinte, aber damit nicht den Gedanken einer Wirtschaftliehen Gleichheit, eines sozialen Ausgleiches verband. Ein eigentlicher Sozialismus entstand erst irn 19. Jahrhundert durch die kapitalistische Produktionsweise und die Entwicklung eines klassenbewussten Industrieprolctariats. Der wirtschaftlichen Befreiung musste erst die politische vorangehen. In der Revolution des Jahres 18-18. die ebenfalls vorwiegend demokratische Charakter hatte, spielten schon soziale Unter- Strömungen mit. Während die Demokratie auf den Barrikaden um die Verfassung kämpfte, erscholl von England her. durch Europa der Ruf: ״Proletarier aller Länder, vereinigt euch!” Und er, von dem dieser Ruf ausging, Karl Marx, war aus jüdischem Stamm. Das Judentum konnte sich bereits einer weltgeschichtlichen Bedeutung rühmen, da sein ethischer und sozialer Gehalt zum Grundpfeiler aller modernen Kultur gcworden war; und wieder bediente sich das Geschick eines Freilich erging seine Freiheitsbotschaft an die gesamte Menschheit, nicht an sein Volk, dem er entfremdet war. Das Internationale, der Gedanke der Gleichartigkeit und Gemeinsamkeit ökonomischer Interessen in den einzelnen Ländern bcschäftigtc ihn derart, dass er in seiner Betrachtung über die Differenzierung der Menschen in Nationen und Rassen hinwegging. Von den Banden eines alten Volkstums losgelöst, aus seinem Vaterland vertrieben, in keinem Lande dauernd heimisch, musste der scharfe Denker den Gedanken eines nationallosen Sozialismus konsequent zu Ende denken, kotisequcutcr als manche unserer Assimilantcn, die aus Kosmopolitismus den jüdischen Nationalismus verwerfen, um ihn durch das Deutsch-Nationale zu ersetzen. Anders stand cs um seinen grossen Schüler Ferdinand Lassalle. Er stammte aus einem jüdischen Milieu, das Oncken in seinem Buche über Lassaltc treffend charakterisiert. Aus dieser Herkunft und der politischen Stellung der damaligen Juden versucht Oncken auch die politische Entwicklung Lassalles zu erklären; wie die anderen Juden, sei auch er der Opposition, die die Gleichheit aller auf ihre Fahne geschrieben habe, in die Arme getrieben und für den Gedanken sozialer Umwälzungen empfanglieh gemacht werden. Eine Stelle in dem Tagebuehc des Knaben Lassalle zeugt von starkem jüdischem Empfinden; die Schreckenscreignisse von Damaskus hatten ihre dunklen Schatten auch in die Seele dieses jungen Juden geworfen. Aber der Mann Lassalle stand unter dem Einflüsse seiner Zeit, welche die Besten des jüdischen Volkes ihre nationale Eigenart auf dem Altar des Verbrüderungsgedankens zum Opfer bringen sab. Nicht so sein Mitstreiter Moses Hess, der der Menschheit ein Erlöser und zugleich seinem Volke ein Bahnbrecher sein wollte. Der ״Kommunistenrabbi" vollzog in sich die Synthese von Mcnschent« m u n d n a t i onalcm Empfinden und vereinigte beide Elemente zu einer harmonischen Weltanschauung. Er wagte, wie Täublcr sagte, den Sprung von Marx zum Thorner Rabbi Kalischcr, und ״Rom und Jerusalem", die Bibel der Nationaljudcn, zeugte davon, dass Hess den Boden seines Volksrums wiedergefunden hatte, den er bereits verloren hatte. Und wie er mit seiner Rückkehr zu den Idealen eines alten Kulturvolkes nichts von den Errungenschaften seiner Zeit‘ opferte, das möge eine Stelle aus seinen Briefen über ״Israels Mission in der Geschichte der Menschheit” zeigen: ״Unsere Teilnahme an der Zivilisation beweist die Bcfähigung unseres Stammes zu einer sozialen Regeneration. Diesen Beweis unserer Lebensfähigkeit liefern wir in einer wohlbekannten und schwer zu bekämpfenden Weise. Wir licfern ihn denen, welche die Wahrheit unserer Teilnahme an dem Fortschritt der Gesellschaft leugnen, dadurch, dass wir mit ihr gehen . . . Aber für unsere soziale Regeneration gcnügt es nicht, wenn wir an der Bewegung der modernen Ge- Seilschaft als Individuen teilnehmen. Als Individuen unterwerfen wir uns und lassen höchstens ihren Einfluss auf uns einwirken, als Nation werden wir ihr einen mächtigen Impuls geben. Als Individuen ziehen wir Nutzen aus der Mission der anderen grossen historischen Rassen; als Nation erfüllen wir die unsrige. Als Individuen haben wir zweifellos Rechte zu beanspruchen und Pflichten zu criiillcn; aber unsere heiligsten Rechte und Pflichten sind die, welche wir als Nation zu fordem und zu erfüllen haben." Drei Juden sah die beginnende klassenbewusste Prolctarierbewegung unter ihren hervorragendsten Führern, und zahlreich waren die Mannen, die aus dein Kreise der jüdischen Intelligenz sich der neuen Bewegung anschlossen und ihre Apostel wmrden. Lavelcyc sagt darüber: .,East überall waren die Israeliten die Gründer und Verbreiter des Sozialismus. 1*וייויוקויוייו« m• »v־

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